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Religionen / Archiv | Beitrag vom 12.04.2015

Friseur für ObdachloseEin guter Schnitt für mehr Würde

Von Marina Collaci

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Eine Friseurin frisiert eine ältere Kundin.  (dpa / picture alliance / Carsten Rehder)
Die Obdachlosen bekommen einen Haarschnitt, der ihnen gefällt. (dpa / picture alliance / Carsten Rehder)

Es ist eine Initiative von Papst Franziskus: Zwei Mal in der Woche können sich die Obdachlosen in Rom kostenlos die Haare schneiden lassen. Dabei bekommen sie viel mehr als nur einen neuen Haarschnitt geschenkt.

"Es ist wichtig für uns, duschen zu können, die Haare in Ordnung zu haben und etwas zu essen zu bekommen, denn ich lebe auf der Straße und schlafe auf Kartons. Mein Leben ist hart, ich hab keine Eltern, ich bin völlig allein."

Sankt Peter in Rom. Es ist Montag, und einige Clochards warten vor einer kleinen unscheinbaren Tür, versteckt hinter den Kolonnaden von Bernini, die den Petersplatz umfassen. Die Obdachlosen fallen nicht ins Auge, die Touristen bemerken sie gar nicht. Sie stehen an für die Duschen, vor allem aber für den Friseur, der ihnen einen neuen Look gibt – und für wenige Minuten auch den Eindruck, ein normales Leben zu führen.

"Sie freuen sich über diese Initiative von Papst Franziskus, denn sie werden empfangen, sie finden jemanden, der ihnen zuhört und der ihnen die Möglichkeit gibt, sauber und gepflegt zu sein."

Der Friseur kommt ehrenamtlich nach Rom

Der Friseur Marco Patton kommt jetzt extra zweimal die Woche aus Trient, montags und donnerstags, es sind fast 600 Kilometer. Er macht das ehrenamtlich, sogar seine Zugtickets zahlt er aus eigener Tasche. Wenigstens solange, bis weitere Kollegen in das Projekt einsteigen, leistet er sich diesen Luxus. Seit Mitte Februar funktioniert der neue kostenlose Service am Petersplatz. "Eine arme Kirche für die Armen": Papst Franziskus hat der katholischen Kirche einen radikalen Kurswechsel verordnet.

Die Armen, die Gestrandeten, die Opfer der Gesellschaft sollen im Mittelpunkt stehen – und sie sollen auch ganz praktische Zuwendung erfahren. Die persönliche Aufmerksamkeit ist ihnen beim Barbiere Marco gewiss.

"Es gibt diejenigen, die einen kurzen Schnitt haben wollen, sie haben Lust auf einen Neuanfang. Die Haare bergen das Gedächtnis in sich, also ich befreie mich von der Vergangenheit, weil ich ein neues Leben anfangen will."

"Vielleicht macht ein guter Schnitt das Leben praktischer, doch er hat keinen Einfluss auf meine Laune. Alles, was für meine Laune gut ist, ist, mit Freunden zu scherzen. Der Rest ist sehr schwierig für mich, ich lebe erst seit kurzem auf der Straße, ich muss mich noch an vieles gewöhnen."

Erstaunlich jung sind viele Clochards, die auf den Barbiere warten. Um die 30, und doch...

"...sind unsere Kunden sehr bescheiden, niemand platziert sich vor dem Spiegel. Sie wollen nur Wärme, und dass ihnen auch nur einmal ein Wunsch erfüllt wird."

"So eitel sind wir nicht, wir wollen nicht schön sein. Das konnten wir uns wünschen, als wir noch eine Wohnung hatten, heute kämpfen wir täglich um unser Überleben auf der Straße."

Kampf um die eigene Würde

Und wenigstens eine kleine Hilfe im Kampf ums Überleben, im Kampf aber auch um die eigene Würde stellt der Vatikan unter Papst Franziskus mit dem neuen Friseurservice jetzt bereit. Frisch frisierte junge Menschen machen einen tollen Eindruck. Der Mann, der mit fettigen Pferdeschwanz reinging, kommt mit einem kurzen Modeschnitt wieder raus.

"Heute war auch ein englischer Clochard da, er fragte, ob ich seine Haare schneiden könnte, ohne ihn zu kämmen. Das tat ich, denn ich wusste: Er wollte, dass seine Natur respektiert wird, kämmen bedeutet für ihn, sich einem System anzupassen, mit dem er nicht im Einklang ist."

Doch hinter der äußerlichen Schwäche sieht Marco Patton eine Stärke. Und das erzählen die Haare.

"Menschen, die einen Pony tragen, sind scheu, sie wollen sich vor der Außenwelt schützen. Menschen, die die Haare nach hinten kämmen, haben ihre Natur akzeptiert, sie kommunizieren, ohne sich zu verstecken. Und die Clochards, die ich bis jetzt hier getroffen habe, haben alle die Haare nach hinten gekämmt, sie hatten keine Barriere und leben mit einer gewissen Gelassenheit."

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