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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 18.05.2015

Friedrichshain-KreuzbergFusion mit Brückenfunktion

Von Claudia van Laak

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Berliner Oberbaumbrücke von Friedrichshain aus fotografiert (Deutschlandradio / Melanie Croyé)
Die ikonische Oberbaumbrücke verbindet die Berliner Bezirke Friedrichshain und Kreuzberg. (Deutschlandradio / Melanie Croyé)

Ob Wahltaktik oder nicht - 15 Jahre nach der Fusion des Berliner Ost-Bezirks Friedrichshain mit dem West-Bezirk Kreuzberg ticken die Menschen auf beiden Seiten der Oberbaumbrücke fast gleich. Ob ein neuer Name das noch verstärkt hätte?

"Also die Oberbaumbrücke ist ein Symbol der Teilung und auch der Zusammengehörigkeit, nich."

Sie ist die schönste Brücke Berlins. 150 Meter lang spannt sich das neogotische Bauwerk aus rotem Backstein über die Spree. Die gelbe U-Bahn quert die Oberbaumbrücke genauso wie Autos, Fahrradfahrer, Fußgänger. Sie verbindet die beiden Stadtteile Kreuzberg und Friedrichshain, seit nunmehr 15 Jahren ein gemeinsamer Verwaltungsbezirk.

"Das ist in der Tat eine sehr ungewöhnliche Kombination Friedrichshain und Kreuzberg, uns verbindet de facto eine einzige Brücke,"

sagt die grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Hermann. Jahrelang hatte Berlin über die Bezirksfusion gestritten, sie sollte dem Land Personal und damit Geld sparen. 

"Ich hab die Endabrechnung nie gesehen. Die Arbeit muss ja gemacht werden. Sie tauschen gerade mal fünf Leute aus, das macht den Kohl nicht fett."

Wahltaktische Hintergründe der Reform

Als Berlin die Bezirksfusion beschloss, wurde das Land von einer rot-schwarzen Koalition regiert. Man munkelt: Welcher Bezirk mit welchem vereint wurde, das hatte wahltaktische Gründe. Die großen Regierungsparteien SPD und CDU wollten die kleinen Konkurrenten draußen lassen – wenn wir Friedrichshain mit Kreuzberg vereinen, schaffen es weder PDS noch Grüne, die Mehrheit zu gewinnen, dachte man sich.

Hermann: "Hat bei uns nicht funktioniert."

Zunächst regierte nämlich die PDS, seit 2006 nun die Grünen. Das mit der PDS, das schmeckte den Kreuzberger Christdemokraten ganz und gar nicht. Der CDU-Abgeordnete Kurt Wansner sagte kurz vor der Bezirksfusion:

"Das ist für mich, auch als Westberliner, ich bin ja in Kreuzberg, direkt an der Mauer großgeworden, auch menschlich eine Katastrophe."

Viel Fremdheit und wenig Lust auf die Friedrichshainer. Galt umgekehrt genauso.

Umfrage: "Für Friedrichshain ist das ja ganz doof, dass wir da mit die Türken zusammen sind. Auf Dauer ist das kein Auskommen mit den Leuten da drüben. Die sind anders eingestellt als wir. Zu viele Ausländer. Am liebsten wieder trennen, Kreuzberg zu Kreuzberg, und Friedrichshain zu Friedrichshain."

Heute andere Themen als Ost-West

15 Jahre später: Auf beiden Seiten der Spree ist viel passiert, am meisten in Friedrichshain. Schmucke Fassaden, nur noch wenige Alteingesessene, die Bevölkerung quasi ausgetauscht. Die Jugend der Welt feiert mittlerweile in der Simon-Dach-Straße.

In Friedrichshain UND Kreuzberg wird mittlerweile türkisch, englisch und spanisch gesprochen. Wir haben jetzt andere Themen als Ost-West, sagen die allermeisten.

Wassner: "Die Diskussion über Kreuzberg-Friedrichshain, die führt man in der Art und Weise, dass es mal zwei verschiedene Bezirke waren, überhaupt nicht mehr. Inzwischen ticken beide Bezirke fast gleich."

Hermann: "Die wichtigen Themen heute, die oben aufliegen, die sind in der Tat vergleichbar, Stichwort Gentrifizierung, Stichwort Mieten, Stichwort Kita-Plätze."

Bezirksbürgermeisterin Monika Hermann resümiert: Die Fusion ist gut gelaufen, allerdings wäre es besser gewesen, sich einen gemeinsamen neuen Namen zu geben. Oberbaumbrücken-City, zum Beispiel.

"Die Kreuzberger sagen Kreuzberg-Friedrichshain, die Friedrichshainer sagen Friedrichshain-Kreuzberg, aber die jungen Leute finden den Weg über die Brücke viel selbstverständlicher." 

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