Seit 11:05 Uhr Tonart

Freitag, 15.11.2019
 
Seit 11:05 Uhr Tonart

Thema / Archiv | Beitrag vom 11.03.2014

Friedrich LiechtensteinPop-Star sein ist "das Schärfste"!

Warum ein durchgeknallter Typ mit grauen Haaren zum Youtube-Star wurde

Friedrich Liechtenstein im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Schauspieler, Musiker und YouTube-Star Friedrich Liechtenstein (Deutschlandradio / Manfred Hilling)
Schauspieler, Musiker und Youtube-Star Friedrich Liechtenstein - hier auf der Terrasse des RIAS-Gebäudes in Berlin nach seinem Interview mit Stephan Karkowsky (Deutschlandradio / Manfred Hilling)

Sieben Millionen Menschen haben seinen Edeka-Werbesong "Supergeil" als Youtube-Video abgerufen. Im Interview verrät Friedrich Liechtenstein, wer hinter der Supermarkt-Kampagne steckt und warum er erst alter Herr zum "Performer" wurde.

Stephan Karkowsky: Friedrich Liechtenstein ist bei uns, neuer Youtube-Superstar mit angehend sieben Millionen Abrufen seines Videos "Supergeil", ein Werbespot für die Supermarktkette EDEKA. Herr Liechtenstein, guten Tag!

Friedrich Liechtenstein: Guten Tag!

Karkowsky: Vielleicht kriegen wir ja sowas hin wie einen Blindenkommentar zum Soundtrack! So klingt der Track, um den es geht:

O-Ton Musik / Liechtenstein: Super süß. Super sexy. Super easy. Super geil! Super Leute. Super lieb. Super Love. Super geil! Super Uschi. Super Muschi. Super Sushi. Super geil! Super heftig. Super deftig. Super lässig. Super geil!

Karkowsky: Und was sehen wir da im Spot, Herr Liechtenstein?

Liechtenstein: Da ist so ein durchgeknallter Typ mit einem grauen Bart und einer Sonnenbrille …

Karkowsky: Sie nämlich.

Liechtenstein: Ja. Und der besucht erst ältere Damen, dann Kinder, Kiffer, eine Hausfrau, tanzt durch die Regale, badet in Milch …

Karkowsky: Ich darf ergänzen: Friedrich Liechtenstein ist nicht unbedingt mehr ganz jugendlich, er ist 58 Jahre alt, grauer Vollbart, Sonnenbrille, im Spot zu sehen vor und in einem Edeka-Markt irgendwo am Stadtrand. Aber man sieht ihn auch in H-Milch und Müsli badend und ganz locker einen tiefgefrorenen Dorsch über die Ladenkasse schiebend, im Kofferraum eines Autos zwischen EDEKA-Produkten, und die Zigarre in der Hand, die ist in Wirklichkeit ein schlichtes Bockwürstchen. Und dazu immer dieses Wort: super geil! Wer hat sich diesen Spot ausgedacht?

Liechtenstein: Jakob Grunert steckt dahinter. Und wir haben diesen Song schon vor über einem Jahr gemacht, er heißt "Supergeil", da gab es Bilder aus der Volksbühne, der ist gut gelaufen. Und dann haben die Leute von Jung von Matt und EDEKA sich zusammengetan und sich überlegt, dass ja super geil und Supermarkt ganz gut zusammenpasst. Und Jakob Grunert hat das alles so forciert und inszeniert, dass es am Ende so cool aussieht.

Karkowsky: Ich vermute mal, dass der Originalsong, der ja auch auf Youtube zu sehen ist, nicht ganz so viele Abrufe hatte wie das Ding jetzt?

Liechtenstein: Ja, auf jeden Fall!

Karkowsky: Wie viel …

Liechtenstein: Kein Ahnung, schon auch eine Million.

Karkowsky: Wirklich?

Liechtenstein: Ja, ja, auch schon mittlerweile.

Karkowsky: Wie erklären Sie sich das?

Liechtenstein: Ich weiß es wirklich auch nicht. Ich meine, ich performe gern, habe auch hart gelernt, sage ich mal, auf verschiedenen Clubs und auf Bühnen. Aber dass das auf einmal so hochschießt, keine Ahnung!

Karkowsky: Und nicht nur in Deutschland! Wo sieht man sich das alles an?

Liechtenstein: Ja, die Amerikaner angeblich freuen sich auch sehr darüber, es gibt interessante Blog-Einträge, da sagen die, Mensch, hätten die Deutschen mehr solche Leute gehabt, da hätten sie die Kriege auch gewonnen! Oder die Leute sagen, mein Gott, warum können wir nicht so eine tolle Werbung machen wie die Deutschen! Ja, die freuen sich über den dicken Mann!

Karkowsky: Sieben Millionen Zuschauer, das ist ja wie ein Auftritt bei "Wetten, dass..?". Wirkt sich das auf Ihren Alltag aus?

Liechtenstein: Ja, jetzt bin ich erst mal total geschlaucht! Ich muss Richtung richtig von früh bis abends Interviews geben und nebenbei arbeite ich ja auch an meiner Platte und die soll ja auch gut werden, die kommt ja auch im März raus. Und ich bin schon ganz schön gestresst, muss ich schon sagen, also!

Karkowsky: Was haben Sie denn eigentlich gemacht, bevor Sie eine Youtube-Personality geworden sind? Weil Friedrich Liechtenstein, man konnte den kennen, aber so ein ganz Berühmter war es ja nicht!

Liechtenstein: Ich habe mich auch tatsächlich sehr zurückgezogen, bin ja auch ein Eremit, ein Schmuckeremit. Klingt wie ein Witz, ist aber wahr und da gibt es auch eine Menge drüber zu erzählen.

Karkowsky: Sie wohnen in einer Wohnung …

Liechtenstein: Eremitage, genau, die von dem Bundschuh auch als Eremitage gedacht war, der hat so ein sehr skurriles, auffälliges Haus in Mitte gebaut …

Karkowsky: In Berlin-Mitte.

Liechtenstein: Genau, dieses schwarze, und hat sich das so ausgedacht, dachte, mein Gott, wie geil wär’s, wenn da jetzt so ein Schmuckeremit leben würde!

Karkowsky: Jemand, der die Wohnung schmückt.

Liechtenstein: Ja, und der da einfach nur ist durch sein pures Sein. Der Wert seines Seins ist, dass er ist, da ist. Und das ist auch ein sehr schönes Projekt! Also, ich war schon auch unsichtbar, habe aber dennoch sehr, sehr viele Sachen gemacht.

Karkowsky: Also, Künstler waren Sie immer!

Liechtenstein: Ja.

Karkowsky: Nun war das Wort geil ja schon immer eines, das das Ausland auch fasziniert hat, Briten und Amerikaner etwa. Von daher können wir an dieser Stelle ruhig enthüllen, dass Ihre Song-Idee ja auch ein klein wenig, sagen wir, ausgeliehen ist – von Bruce und Bongo nämlich. 1986 gab es diesen Riesenhit "Geil", und der klang so:

O-Ton Musik: I’m so geil, you’re so geil, we’re all geil! Geil!

Karkowsky: Also, 86, Bruce und Bongo, "Geil, everybody’s geil, g-g-g-g-geil", Nummer eins in Deutschland und in Österreich. Irgendwas ist also dran an diesem Wort. Sie kannten den Song natürlich auch vorher?

Liechtenstein: Ja, es gibt ja noch viele, viele mehr …, viele Songs und Kampagnen, die mit geil funktionieren, und immer gibt es einen Hype! Ich weiß auch nicht, das Gedächtnis der Leute ist also nicht so richtig ausgeprägt. Man könnte, glaube ich, in einem Jahr wieder einen Song lancieren, es gibt ja auch "Leider geil" und "Richtig geil" …

Karkowsky: "Geiz ist geil".

Liechtenstein: Und in einem Jahr könnte einer wieder, wenn er sich nicht schämt, was machen mit geil, und alle würden sagen: Ach, das ist ja geil!

Karkowsky: Benutzen Sie das Wort denn eigentlich? Es gibt ja Menschen, die mokieren sich darüber und sagen: Meine Güte, was ist das für eine Sprache! Es wird auch jetzt welche geben, die uns zuhören und sagen: Ach!

Liechtenstein: Ja, das ist schon ein sehr kräftiges, positives Wort. Und das ist ja auch noch, bei allem Trash auch eine Botschaft, die da drinsteckt in dieser Kampagne, dass es tatsächlich so funktioniert, wenn man sehr positiv zu jemandem sagt, 'ey, du bist wirklich richtig geil!' - dann wird der geil in dem Moment, fühlt sich wohl. Und so kann man auch die Welt ansprechen und dann wird die auch tatsächlich besser, als wenn man nur rumnörgelt.

Karkowsky: Friedrich Liechtenstein ist bei uns, aus dem "Supergeil"-Werbespot. Herr Liechtenstein, was ist dran an den Legenden um Ihre Person? Kein Handy?

Liechtenstein: Ja, seit Jahren.

Karkowsky: Kein Fernseher, kein Computer. Aber Sie gucken Youtube?

Liechtenstein: Ja, es gibt ja Internetcafés tatsächlich. Bevor ich jetzt ins Taxi gestiegen bin, war ich auch noch mal schnell im Internetcafé und habe da meine E-Mails angeguckt, und dann bin ich auch bei Sasha Waltz and Guests im Büro und nutze die, und überall, wo ich auftauche, stehen Rechner rum, auch wenn ich unterwegs bin, im Hotel, überall sind Rechner. Und die nutze ich dann.

Karkowsky: Dass Sie nicht obdachlos sind, haben wir gerade geklärt, Sie sind Schmuckeremit. Ich erinnere mich ganz gut an Ihr Debütalbum als Musiker, "Please Have a Look from Above", das erschien vor zehn Jahren mit diesem schönen Song über Martina Gedeck:

O-Ton Song – "Martina Gedeck ist schön"

Karkowsky: "Martina Gedeck" von Friedrich Liechtenstein. Herr Liechtenstein, haben Sie eigentlich Martina Gedeck kennengelernt daraufhin? Ich nehme an, das war der Zweck dieses Songs, oder?

Liechtenstein: Ja, aber ich habe sie nie kennengelernt! Mir hat mal jemand erzählt, dass sie in einer Talkshow war, da wurde sie gefragt, ob sie denn berühmt ist. Das ist ja bei ihr immer das Phänomen, sie ist eigentlich berühmt, dann doch nicht berühmt. Hat sie gesagt: Ja, ein bisschen berühmt bin ich schon, es gibt einen Song, der so heißt wie ich! – Das hat ihr irgendjemand schon mal gesteckt. Aber ich bin ihr nie begegnet. Aber ich finde sie sehr toll, klar, klasse!

Karkowsky: Wer war denn eigentlich der Mann von Martina Gedeck?

Liechtenstein: Das darf ich nicht sagen!

Karkowsky: Sagt der Papa! – Wieso hat der Papa gesagt, dass Sie den Namen nicht nennen dürfen?

Liechtenstein: So kleine Zaubersprüche, die man so hat im Leben.

Karkowsky: Alles, was man über Sie erfährt, führt einen doch wirklich zurück auf die Frage: Was hat Friedrich Liechtenstein gemacht, bevor er Showman wurde? Ich meine, ein Debütalbum als Musiker mit 48 Jahren zu veröffentlichen, das passiert ja nicht so vielen! Warum ist es Ihnen passiert, warum war da vorher nicht so viel?

Liechtenstein: Ich habe viel Theater gemacht und habe da auch immer mich in Grenzbereichen aufgehalten, so Theater auf der Schwelle zur Skulptur. Und dann hatte ich ein Erlebnis, ich habe eine Easy Looking Show gemacht, da hatte ich zu den Tracks von den DJs mich ans Mikro gestellt und habe dann dazu gesprochen. Easy Looking Show in dem Sinne wie Easy Listening Music, eine Show, wo man nicht unbedingt hingucken muss, aber die dennoch wirkt und funktioniert. Also in den Rücken der Leute hinein. Fand ich auch damals schön. Und dann habe ich einen Song gehabt, der hieß "Schwarzer Mann". Der hat sich so gut angefühlt, ich war in der Oper in Bordeaux mit Sasha Waltz, zweimal ausverkauft, die Bühne war voll …

Karkowsky: Was haben Sie da gemacht?

Liechtenstein: Da habe ich diese Songs performt, die noch ganz frisch waren.

Karkowsky: Ach so!

Liechtenstein: Und das hat sich angefühlt, als wäre ich ein Popstar! Und da dachte ich: Das mache ich! Das ist ja wohl das Schärfste, das fühlt sich gut an. Und dann hat es aber nicht gleich so funktioniert, wie ich mir das gedacht habe, als ich da in Bordeaux auf der Bühne stand.

Karkowsky: Und nun geht es wahrscheinlich auch darum, den Schwung dieser Welle zu nutzen. Was sind die nächsten Projekte von Friedrich Liechtenstein? Sie haben schon gesagt, Sie arbeiten an einem neuen Album?

Liechtenstein: Genau, ich arbeite an einem neuen Album, das heißt "BAD GASTEIN", Konzeptalbum.

Karkowsky: "BAD GASTEIN", ah ja!

Liechtenstein: Ja, wie dieser Ort in den Alpen, ein sehr merkwürdiger Ort, der mich sehr, sehr inspiriert, ein bisschen desolat, aber auch grandios und magisch, ja. Das ist ein Weltkurort und da ist die Mitte gerade sehr leer. Das sieht so aus wie in Berlin nach Mauerfall, die haben auch so eine Art Palast der Republik da in den Felsen gebaut, der auch leer steht. Also, die Moderne ist da auch gescheitert, das ist ein sehr, sehr toller, kräftiger Ort. Und ich bin ja auch Flaneur und dieses Bad Gastein hat so eine städtische Anmutung. Also kann ich Flaneur bleiben, auch wenn ich in die Berge fahre, weil, sonst würde ich ein Wanderer werden, aber ich will ja Flaneur bleiben und nicht Wanderer sein.

Karkowsky: Friedrich Liechtenstein, Youtube-Star durch sein Video "Supergeil". Vielen Dank für das Gespräch!

Liechtenstein: Ich danke auch sehr!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Thema

Karl der GroßeKunstsinniger Barbar
Eine Figur Karls des Großen steht am 16.06.2014 in Aachen (Nordrhein-Westfalen) im Centre Charlemagne. Die Ausstellung "Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze" ist vom 20.06.2014 bis zum 21.09.2014 in Aachen zu sehen.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Er war einer der Gründungsväter Europas: Karl der Große hat die karolingische Renaissance eingeleitet. Eigentlich sei es ihm aber nur um die Legitimierung seiner Macht gegangen, meint Kunsthistoriker Michael Imhof. Mehr

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in den Cottbuser Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen - um einen "großen Rucksack Bitterkeit" erleichtert.Mehr

Agenturfotos"Das ist sicher ein Aufbruch"
Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-amerikanischen Internetkonzerns Facebook  (picture alliance / dpa / Foto: Jean-Christophe Bott)

Die Karrierefrau, die am Schreibtisch sitzt, oder das schamlose Zeigen von Terroropfern in Afrika - Sheryl Sandberg von Facebook und Pam Grossman von der Bildagentur Getty Image wollen solchen Klischeefotos etwas entgegensetzen. Sie haben die Datenbank "Lean In Collection" gegründet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur