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Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 25.07.2019

Friedrich Küppersbusch über rechte Gewalt„Ich habe Angst vor der Gewöhnung“

Moderation: Anke Schaefer

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Ein Junge hält bei der Mahnwache in Wächtersbach ein Schild mit der Aufschrift "Kein Platz für Rassismus". (picture alliance / dpa / Andreas Arnold)
Protest nach Anschlag: Ein 26-jähriger Mann aus Eritrea war in Wächtersbach durch Schüssen schwer verletzt worden. (picture alliance / dpa / Andreas Arnold)

Nach dem Mordversuch an einem Eritreer in Wächtersbach stellt sich die Frage, ob sich die Gesellschaft an rechtsmotivierte Verbrechen gewöhnt. Stellt sich eine routinierte Empörung ein? Der Journalist Friedrich Küppersbusch sieht es differenziert.

"Wie weit ist die kollektive Abstumpfung bereits fortgeschritten?" fragt der "Spiegel Online"-Redakteur Peter Maxwill zum Anschlag in Wächtersbach. In seinem "Weckruf" kritisiert er die routinierte Entsetzung von Politikerinnen und Politikern. "Im Umgang mit rechter Gewalt reichen ritualisierte Polit-Reaktionen eben nicht aus", schreibt er, "es braucht konkrete Maßnahmen und einen deutlich hörbaren Aufschrei".

Müssen wir einen "Weckruf" formulieren, wie Maxwill es getan hat, weil wir uns routiniert empören? "Dieses Einfordern von Empörung macht mir manchmal Angst", sagt der Journalist und Kolumnist Friedrich Küppersbusch. "Ich bin empört über diese Tat, ich habe jetzt kein Pappschild gemalt und bin auf die Straße gegangen. Ich habe auch Angst vor der Gewöhnung und dem Erlahmen der Empörung."

"Man muss sich abgrenzen"

Spannender sei es aber, auf Konsense in der Gesellschaft zu schauen. "Empörung ist eine kommerzielle Münze im Mediengeschäft", sagt Küppersbusch. Steile Thesen und Forderungen bringen hohe Klickzahlen, Bemühungen zur Mitte und zum Konsens hin nicht. Journalistinnen und Journalisten müssten sich entscheiden: "Will ich damit meine Karriere befördern, dass ich immer der Ober- und Erstempörer bin, oder will ich in die Materie reingucken und sagen: Tut mir leid, es ist langweilig, wenn man es differenziert betrachtet."

Trotzdem: Gibt es eine Normalisierung rechter Gewalt? Küppersbusch sieht eine Veränderung in der Gesellschaft. Nach 68 habe man annehmen können, dass die meisten Menschen den Wunsch nach Toleranz, Meinungsfreiheit, Offenheit und Vielheit teilten. Heute staune er darüber, wo überall andere Meinungen grassieren. Er ruft dazu auf, dem etwas entgegenzusetzen. "Man muss leider peinlich und penetrant sein und sich auch im Freundes- und Bekanntenkreis abgrenzen und sagen: Ihr habt noch nicht die komplette Hegemonie." Dabei müsse es auch mal unangenehm werden.

(leg)

Das vollständige Gespräch mit Friedrich Küppersbusch hören Sie hier:

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