Hörspiel, vom 04.07.2021, 18:30 Uhr

Friedrich Knilli und die HörspielgeschichteSchallgestalten in bilderlosen Räumen

Oder: Wie Friedrich Knilli den Deutschen das Hörspiel aus dem Kopf schlug
Von Jochen Meißner

Vor 60 Jahren veröffentlichte der Medienwissenschaftlicher Friedrich Knilli sein Buch „Das Hörspiel“. Der Journalist und Hörspielkritiker Jochen Meißner widmet sich diesem Einschnitt in der Hörspielgeschichte.

Das traditionelle „Worthörspiel“ wurde durch die Synthese aller Schallkünste weiterentwickelt. (imago images/Westend61)
Das traditionelle „Worthörspiel“ wurde durch die Synthese aller Schallkünste weiterentwickelt. (imago images/Westend61)

Eine Unzahl von Erzählern, von "Reportern, Berichterstattern, Conferenciers, Blindenführern, Chronisten", dominierte das Hörspiel von Anbeginn bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts – und täte es wohl noch, wenn nicht der Hörspieltheoretiker Friedrich Knilli anno 1961 in seinem Standardwerk "Das Hörspiel" die "Mittel und Möglichkeiten eines totalen Schallspiels" beschrieben hätte. Statt die metaphysische Anregung der Hörerseele durch den Äther im traditionellen "Worthörspiel" zu feiern – wie es vor ihm der Hörspielpapst Heinz Schwitzke getan hatte – plädierte der Medienwissenschaftler für eine Synthese aller Schallkünste im sogenannten Totalhörspiel, "das den Illusionismus des herkömmlichen Hörspiels überwindet und die Bühne aus der Fantasie des Hörers in das Zimmer des Zuhörers verlegt". Nicht mehr "die innere Bühne" war Ort des Hörspiels, sondern seine Schallgestalten materialisierten sich im stereophon bespielten Raum. Vor 50 Jahren vertrieb Friedrich Knilli die Hörer aus ihrem engen "Kino im Kopf" und versetzte sie unter einen Himmel voller Frequenzen.

Mit Ausschnitten und Schnipseln aus Hörspielen von: Ulrich Bassenge, Berner & Schültge, Bertolt Brecht, Günter Eich, Ludwig Harig, Schorsch Kamerun, Friedrich Knilli, Jacob Kirkegaard, Ligna, Alvin Lucier, Francis Ponge, Rimini Protokoll, Erika Runge, Eran Schaerf, Christoph Schlingensief, Stefan Weigl, Orson Welles, Wolf Wondratschek, Paul Wühr sowie wittmann/zeitblom.

Liste der Missverständnisse:

1. Missverständnis: Das Radio braucht kein Mensch.
2. Missverständnis: Das Radio ist eine mechanische Apparatur.
3. Missverständnis: Das Radio ist etwas für Blinde und Hörspiel ist Kino im Kopf.
4. Missverständnis: Bilder sind schlecht, Töne sind gut oder Hören ist seliger denn Sehen.
5. Missverständnis: Was man hört ist echt oder Das Hörspiel ist immer authentisch.
6. Missverständnis: Die Stereophonie ist die äußere Bühne.
7. Missverständnis: Das Hörspiel ist eine literarische Gattung.
8. Missverständnis: Ohne Mensch kein Hörspiel.
9. Missverständnis: Das Hörspiel ist zu teuer.
10. Missverständnis: Die Zeit des Radios ist vorbei.


Schallgestalten in bilderlosen Räumen
Oder: Wie Friedrich Knilli den Deutschen das Hörspiel aus dem Kopf schlug
Von Jochen Meißner
Mit: Uta Hallant, Wolfgang Condrus, Britta Steffenhagen, Thomas Fränzel, Ulrich Lipka
Regie: Jochen Meißner
Produktion: DKultur 2011
Länge: 87'57


Jochen Meißner, geb. 1966 in Remscheid. Autor, Journalist und Hörspielkritiker. Er gehörte mehreren Hörspieljurys an – unter anderen der des Hörspielpreises der Kriegsblinden und des Hörspielpreises der ARD – und ist seit 2008 Vorsitzender der Fachjury und Mitveranstalter des Berliner Hörspielfestivals – das Festival des freien Hörspiels. Seit 2012 betreibt er das Blog hoerspielkritik.de. Zuletzt im Radio: "Gesänge, Chöre, Kollektive – ein Hörspielrezitativ (DKultur 2016), "Voyager 3 – Eine Reise durch den radiophonen Raum (SWR 2019, zusammen mit Frank Kaspar).

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