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Lesart / Archiv | Beitrag vom 07.08.2015

Friedrich Ani: "Der namenlose Tag"Sound der Verzweiflung

Von Kolja Mensing

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Der Münchner Schriftsteller Friedrich Ani im Juli 2015 (dpa / picture alliance / Ursula Düren)
Friedrich Ani ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Kriminalschriftsteller. (dpa / picture alliance / Ursula Düren)

Der Autor Friedrich Ani beginnt mit "Der namenlose Tag" eine neue Krimi-Reihe und zeigt dabei ein feines Gespür für Alltagssprache. Anis hat Ermittler Jakob Franck mit einer neurotischen Energie ausgestattet, der man sich nur schwer entziehen kann: ein außergewöhnliches Rätsel!

Der erste Satz war immer der gleiche:

"Ich habe eine schlimme Nachricht für Sie, darf ich reinkommen?"

Als Jakob Franck noch als Mordermittler im Dezernat 11 der Kriminalpolizei München arbeitete, war er es, der die Angehörigen eines Todesopfers benachrichtigen musste. Jetzt ist er im Ruhestand.

Er lebt allein und zurückgezogen in einer kleinen Wohnung in München, manchmal spielt er als "Hannes7" ein paar Runden Online-Poker, und ansonsten wartet Kriminalkommissar a. D. Jakob Franck gleichmütig darauf, dass ihn die Gespenster der Vergangenheit besuchen: "Den Toten war sein Status egal. Er hatte sich damals, beim Eintritt in den Gehobenen Dienst für ihre Welt entschieden, und aus dieser Welt kehrt niemand unversehrt und traumlos zurück."

Es ist eine einsame, beunruhigend handlungsarme Welt, die Friedrich Ani auf den ersten zwanzig, dreißig Seiten seines neuen Kriminalromans "Der namenlose Tag" zeichnet - und es ist fast eine Erleichterung, als in Jakobs Francks "Weltall der Verlorenheit" schließlich das Telefon klingelt: Ein gewisser Ludwig Winther ruft an, dessen Tochter Esther sich 21 Jahre zuvor als Teenagerin im Park an der Bad Dürkheimer Straße tot aufgefunden wurde.

Franck hat eine Schuld abzutragen

Alles deutete damals auf Selbstmord hin, der Tatort und auch die Aussagen von Mitschülern und Mitschülerinnen, von denen Esther sich in den Wochen zuvor immer mehr isoliert hatte. Doch Ludwig Winther ist sich immer noch sicher, dass seine Tochter sich nicht selbst getötet hat, sondern umgebracht wurde. Er präsentiert sogar einen neuen Verdächtigen: einen Zahnarzt aus der Nachbarschaft, der im Ruf stand "Affären mit Schülerinnen" zu haben.

Jakob Franck ahnt, dass er zwei Jahrzehnte nach dem Tod des Mädchen keine neuen Beweise für ein Gewaltverbrechen finden wird, aber er sagt dem Ludwig trotzdem Hilfe zu. Denn nicht nur Esther, sondern auch ihre Mutter gehören zu den Gespenstern, die ihm an den langen Tagen in seiner Wohnung Besuche abstatten: Doris Winther, der Jakob Franck damals die Nachricht vom Tod ihrer Tochter überbracht hatte, um sie anschließend über Stunden hinweg im Arm zu halten, hatte sich schließlich selbst das Leben genommen. Franck hat eine Schuld abzutragen.

Es liegt nahe, Friedrich Anis Kriminalromane in erster Linie über seine Hauptfiguren zu lesen. Immer sind es Ermittler in eigener Sache, Menschen, deren Leben um eine existentielle Leerstelle kreist. Tabor Süden zum Beispiel, Anis bekanntester Protagonist: Als Kind wird er von seinem Vater verlassen und kümmert sich dann bei der Kripo München ausschließlich um Vermisstenfälle. Polonius Fischer: Ein Mönch, der seinen Glauben verliert, aus dem Kloster ausscheidet und zur Kriminalpolizei geht, um einer anderen Art von Wahrheit auf die Spur zu kommen. Oder Jonas Vogel, genannt "Der Seher": Ein Polizist, der sein Augenlicht verliert und trotzdem tief in die Seele anderer Menschen schaut. Und jetzt Jakob Franck, "ein alter grauer Mann in einer zu großen grellen Welt, der sich den Tod ausgesucht hatte, um Menschen nahezukommen und sie gelegentlich sogar zu umarmen".

Das ist angewandte Psychologie: Friedrich Ani hat Franck mit einer neurotischen Energie ausgestattet, der man sich nur schwer entziehen kann, und man kann sich leicht vorstellen, dass "Der namenlose Tag" der Auftakt einer neuen, erfolgreichen Reihe sein wird. Trotzdem darf man nicht übersehen, dass die eigentliche Leistung dieses Schriftstellers, auf sprachlichem Gebiet liegt. Man muss dafür allerdings eher einen Blick auf die Nebenfiguren werfen. Ludwig Winthers erster Auftritt zum Beispiel ist als fünf Seiten langer Monolog gestaltet:

"Wäre ich doch da gewesen und in der Näh', so wie jetzt bei Ihnen. Dass man die Hand ausstrecken und jemand festhalten. Die Esther. Hat kein Mensch festgehalten, das kleine Mädchen. Klein ist auch falsch, sie war schon siebzehn; ich geh manchmal in meiner Wohnung rum und krieg die Zahl siebzehn nicht aus dem Schädel; siebzehn, siebzehn, dröhnt's da oben, und ich stell mich ans Fenster und hoffe, dass im Garten was passiert, damit mein Kopf Ruhe gibt."

Ein Ermittler, der zuhört

Das ist der ganz normale, leicht übersteuerte Sound der Verzweiflung, der Jakob Franck immer wieder entgegenschlägt, während er in München (und für ein paar Tage auch in Berlin) noch einmal im Todesfall Esther Winther ermittelt. Alle reden sich um Kopf und Kragen: Ein ehemaliger Mitschüler, eine Schulfreundin, der in die Jahre gekommene Zahnarzt aus der Nachbarschaft, eine Verwandte, und immer wieder Ludwig Winther: "Uns hat's an nichts gefehlt; ich hab verdient, und die Bank hat uns korrekt behandelt, das Grundstück war ein Schnäppchen gewesen, und ich hab sehr gute Zinsen verhandelt, und alles hat gestimmt."

Nichts hat bei den Winthers gestimmt, das begreift man sofort. Was allerdings in dieser kaputten Mittelschichts-Familie genau nicht funktioniert hat, ist durch den Grauschleier der Alltagssprache zunächst nur zu erahnen. Ein Mordfall oder einfach nur die traurige Geschichte eines verzweifelten Teenagers? Um das herauszufinden braucht's keinen Ermittler, sondern einen, der zuhört. Und natürlich einen, der's aufschreibt. Jakob Franck und Friedrich Ani. Passt.

Friedrich Ani: "Der namenlose Tag. Ein Fall für Jakob Franck"
Suhrkamp, Berlin 2015
298 Seiten, 19,95 Euro

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