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Buchkritik | Beitrag vom 05.07.2019

Friedrich Ani: "All die unbewohnten Zimmer"Überfordert von der Gegenwart

Von Sonja Hartl

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Cover: Friedrich Ani "All die unbewohnten Zimmer" (Suhrkamp Verlag)
Bisher lösten sie ihre Fälle in eigenen Büchern. Nun ermitteln Tabor Süden, Polonius Fischer und Jakob Franck erstmals gemeinsam. (Suhrkamp Verlag)

Friedrich Ani lässt in "All die unbewohnten Zimmer" seine Helden gemeinsam ermitteln. Entstanden ist ein tiefsinniger Kriminalroman über die Ambivalenz der Kameradschaft und das Scheitern an eigenen Erwartungen.

Über 30 Kriminalromane hat Friedrich Ani bisher geschrieben, nun bringt er in "All die unbewohnten Zimmer" drei seiner bekanntesten Ermittler in einem Roman zusammen. Das erste Wiedersehen erfolgt schon im Prolog: Ein Mann kommt in das Büro der Kommissarin Fariza Nasri. "Er kam herein, und ich wusste nicht, wohin mit meinem Staunen." Es ist Tabor Süden, von dem es heißt, er "bringe Verschwundenen ihren Schatten zurück". In über 20 Romanen hat er nach vermissten Personen gesucht, ehe er zuletzt selbst verloren gegangen schien. Nun kehrt er zurück, ganz beiläufig, wie so vieles beiläufig in diesem vielschichten Roman geschieht.

Rechtsradikale Polizisten und Kinder aus Syrien

Diese Begegnung hängt mit dem zweiten Mordfall in dem Buch zusammen, den ersten haben Nasri und ihr Chef Polonius Fischer – ein ehemaliger Mönch, der nun als Polizist arbeitet, ebenfalls bekannt im Ani-Universum – bereits nach gut 90 Seiten aufgeklärt. Dieser zweite Fall um einen Polizisten, der in einer Gasse erschlagen wurde, wird sie länger beschäftigen – und hier kommt auch Jakob Franck ins Spiel, Nasris ehemaliger Chef, nun pensioniert, aber immer noch in Kontakt mit den Toten.

Ganz selbstverständlich fügen sich die Mitwirkungen der Ermittler zusammen, Friedrich Ani versteht es meisterhaft, die Fäden in der Handlung zu halten. In Kreisen bewegt er sich durch die Handlung, wechselt die Zeitebenen und Perspektiven, erforscht Subtexte. Er erzählt von Polizisten, die rechtsradikal sind, von Kollegen, die dagegenhalten. Von traumatisierten geflüchteten Kindern aus Syrien, von erlittener und ausgeübter Gewalt, von der Ambivalenz der Kameradschaft.

Eine Welt voller Grauschattierungen

Vor allem aber bevölkern "All die unbewohnten Zimmer" Figuren, die von der Gegenwart überfordert sind und an der Welt sowie den eigenen Erwartungen leiden. Es sind überwiegend Männer, von denen Ani erzählt, und sie gehen ganz unterschiedlich mit ihrer Überforderung und Verletzung um. Einige suchen Halt in Brutalität und Hass, anderen fallen allmählich in sich selbst zusammen.

Ani will nicht erklären, er will erforschen und erspüren. Seine Welt ist voller Grauschattierungen, die tendenziell immer dunkler werden. Und da hilft dann manchmal nur noch eine kurze menschliche Berührung.

Friedrich Ani: "All die unbewohnten Zimmer"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
494 Seiten, 22 Euro

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