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Buchkritik | Beitrag vom 07.06.2019

Friederike Otto: "Wütendes Wetter"Eine Physikerin erklärt die Folgen der Erderwärmung

Von Johannes Kaiser

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Montage: Buchcover von "Wütendes Wetter" und Blitze am Gwitterhimmel. (Ullstein Verlag / Imago / Mint Images)
"Wütendes Wetter" so heißt das Sachbuch von Friederike Otto. (Ullstein Verlag / Imago / Mint Images)

Was macht der Klimawandel mit dem Wetter? Und wie wäre es ohne menschengemachte Erderwärmung? Diese Fragen beantwortet die Klimaforscherin Friederike Otto in "Wütendes Wetter" - das derzeit beste Buch zum Klimawandel, sagt unser Kritiker.

Sind Extremwetter wie Wirbelstürme oder Hitzewellen Ausnahmeerscheinungen oder Ereignisse des Klimawandels?

Viele sind der Ansicht, das ließe sich nicht bestimmen. Falsch, sagt die Klimaforscherin Friederike Otto, die in Oxford die Arbeitsgruppe namens Zuordnungswissenschaft leitet. Dahinter verbirgt sich ein relativ neues Arbeitsfeld der Klimaforschung, das - so die Autorin ohne falsche Bescheidenheit - eine Revolution eingeleitet hat.

Wie sich das Wetter durch Klimawandel verändert

Denn damit könne man den Einfluss des Klimawandels auf das Wetter nachweisen und das in Echtzeit. Die Methode: Ein Vergleich der Wetterdaten aus einer Welt ohne Klimawandel mit der aktuellen Welt der Erwärmung. Anhand der Abweichungen könne man berechnen, wie sich das Wetter verändert und wie häufig Extremereignisse vorkommen.

So werden zum Beispiel heiße Sommer in Europa zum neuen Normalzustand werden, sagt die deutsche Physikerin. Und erklärt das anschaulich am Beispiel des verheerenden Wirbelsturmes "Harvey", der im August 2017 die texanische Großstadt Houston in nie zuvor gesehenen Wassermassen ertränkte.

Otto zeigt, wie ihr Team Daten auswertet, Zusammenhänge herstellt, Wahrscheinlichkeiten berechnet. So können sie belegen, dass innerhalb von drei Tagen zwölf bis 22 Prozent mehr Regen auf Houston fielen, als in einer Welt ohne Klimawandel zu erwarten wäre. Die Situation von früher mit der von heute zu vergleichen leuchtet zwar sofort ein, erweist sich aber als ausgesprochen kompliziert.

Die Variablen wie Temperatur, Niederschlag, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit, Windstärke ändern sich ständig. Das Ergebnis ist bisweilen verblüffend. So können sich Klimaeinflüsse gegenseitig aufheben, wie eine Studie zum Dürrerisiko aus São Paulo zeigt. So nimmt das Risiko für Niederschläge durch den Klimawandel zu, gleichzeitig aber verdunstet mehr Wasser. Beide Effekte heben sich gegenseitig auf.

Grundlagen der Klimaforschung verständlich erklärt

Friederike Otto erklärt die Grundlagen der Klimaforschung und der Zuordnungswissenschaft so verständlich, dass jeder sie versteht. Ihre Schlussfolgerungen lassen sich leicht nachvollziehen, ihre Beweisketten sind einleuchtend und überzeugend. Sie widerlegt sachlich die Argumente der Klimaleugner, zeigt deren wirtschaftliche Interessen auf.

Und verschweigt nicht, dass es noch eine Menge Wissenslücken gibt. Zudem verweist sie auf den Einfluss des Menschen: Urwaldrodungen, künstliche Bewässerungssysteme, Bodenversiegelung und andere Maßnahmen verändern die klimatischen Verhältnisse und damit das Wetter.

Problem der Klimagerechtigkeit

Das Buch verhandelt kurz, knapp, präzise dazu noch das Problem der Klimagerechtigkeit zwischen dem Westen und den Entwicklungsländern und begrüßt Klimaklagen gegen die größten CO2-Sünder wie Exxon oder RWE. Otto fordert von der Politik aktuelle Schutzmaßnahmen und warnt vor weiterem Abwarten, denn mit jedem Grad Erwärmung steigen die Chancen für Extremwetterereignisse.

"Wütendes Wetter" ist das derzeit beste Buch zum Klimawandel. Eine fantastische Argumentationshilfe für die "Fridays for Future"- Bewegung. Es sollte Schullektüre werden.

Friederike Otto: "Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewelle, Hochwasser und Stürme"
Ullstein Verlag, Berlin 2019
240 Seiten, 18 Euro

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