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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 09.12.2014

FriedensnobelpreisAuf den Spuren von Malala und Kailash

Über die Vergangenheit und das Umfeld der Preisträger aus Pakistan und Indien

Von Sandra Petersmann und Jürgen Webermann

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Kinder in einem Heim der Hilfsorganisation von Kailash Satiarthy - ein Schutz vor Kinderarbeit und Ausbeutung (Deutschlandradio / Jürgen Webermann)
Kinder in einem Heim der Hilfsorganisation von Kailash Satiarthy (Deutschlandradio / Jürgen Webermann)

Der Friedensnobelpreis 2014 geht an die Kinderrechtsaktivisten Kailash Satyarthi aus Indien und an die 17-jährige Malala Yousafzai aus Pakistan. Sandra Petersmann und Jürgen Webermann haben sich in Lahore und Neu-Delhi umgesehen.

Mohammed Ijaz ist 30 Jahre alt und Verkäufer in einem der größten Buchläden von Lahore. Die Millionenstadt im Osten ist das intellektuelle Zentrum Pakistans. Doch selbst hier in Lahore ist Malalas Autobiographie kein Bestseller.

"Malala sagt in ihrem Buch schlechte Sachen über uns und unsere Religion. Es geht ihr nur ums Geld, aber nicht um Pakistan."

Ijaz ist sich sicher, dass die Autobiographie "Ich bin Malala" irgendwo rumliegt. Nach einigem Stöbern findet sich das Buch im zweiten Stock. Ganz hinten. Im Regal für Kochbücher. Zudem halb verdeckt durch eine schwere, gebundene Ausgabe von Henry Kissingers "Weltordnung". Malala unter dem früheren amerikanischen Außenminister Kissinger – für Ijaz macht das Sinn.

"Das war doch klar, dass Malala den Friedensnobelpreis kriegt. Dafür haben die Amerikaner gesorgt. Die sind doch der große Sponsor von Malala. Ich kann mir vorstellen, dass der Anschlag auf Malala eine Verschwörung gegen uns war. Die Attentäter haben gezielt geschossen. Aber sie haben sie nicht getötet. Es sollte nur so aussehen wie ein Angriff von Terroristen. Denn so ein Terrorangriff auf ein Mädchen schadet Pakistan ganz besonders."

Malalas Buch ist im Laden versteckt - bei den Kochbüchern und unter Kissingers "World Order" (Deutschlandradio Kultur / Sandra Petersmann)Malalas Buch ist im Laden versteckt - bei den Kochbüchern und unter Kissingers "World Order" (Deutschlandradio Kultur / Sandra Petersmann)

Mohammed Ijaz, der Bücherverkäufer aus Lahore, ist kein Einzelfall. Jahrzehnte der gezielten politischen Islamisierung haben die Gesellschaft verändert. Liberale Kräfte verstummen im Angesicht von Extremismus und Gewalt. Der Anti-Amerikanismus sitzt tief. Angst, Misstrauen und Verschwörungstheorien sind weit verbreitet. Die gewählte Regierung ist schwach, das Militär - ein Staat im Staat. Pakistan war die längste Zeit seiner Geschichte eine Militärdiktatur.

Aisha ist 21 und studiert die Geschichte Pakistans. Sie ist zierlich und im Gegensatz zu Malala voll verschleiert: 

"Es sind bei dem Angriff auf Malala auch noch zwei andere Mädchen verletzt worden. Doch keiner fragt nach ihnen. Das Ausland interessiert sich nur für Malala. Es gibt hunderte Malalas, die in Waziristan durch amerikanische Drohnenangriffe sterben. Aber darüber redet im Westen keiner."

Wohl kaum ein anderes Land steht im Westen stärker unter Verdacht, ein Terrorstaat zu sein. Umso größer ist die westliche Euphorie um Malala – weil das Mädchen dem gängigen Pakistan-Bild so gar nicht entspricht.

(Malala:) "Der Islam ist eine friedliche Religion. Aber einige Fundamentalisten wollen, dass wir rückständig bleiben und uns nicht weiterentwickeln. Wegen dieser Fundamentalisten, denen die Schlagzeilen gehören, denken viele Menschen, dass der Islam eine gewalttätige Religion ist, in der Frauen keine Rechte haben und zu Hause bleiben müssen. Aber das stimmt nicht. Der Islam ist keine Religion des Zwangs und der Gewalt. Die Menschen können selber entscheiden."

Umer sucht im Buchladen nach Fachliteratur. Er macht in einem halben Jahr sein Examen zum Wirtschaftsprüfer. Er ist sich schon heute sicher, dass er keinen Arbeitsplatz finden wird. Pakistans Wirtschaft steckt in einer tiefen Krise. Nicht wenige Experten sehen das Land auf dem Weg zum gescheiterten Staat. Umer denkt darüber nach, Pakistan zu verlassen:

"Malala ist ein außergewöhnliches Mädchen. Wir können uns glücklich schätzen, dass es sie gibt. Ich bin stolz auf sie. Ihr Nobelpreis ist auch für Pakistan. Er gibt auch uns ein friedliches Image."

Für rund 25 Millionen Kinder und Jugendliche in Pakistan ist Malalas preisgekrönter Bildungstraum unerreichbar. Sie können entweder gar nicht oder nur kurz zur Schule gehen. Weil sie auf der Flucht sind. Weil ihre Eltern zu arm sind. Weil sie Mädchen sind und heiraten sollen. Weil sie arbeiten müssen. Weil sich der Staat nicht um sie kümmert. Die Atommacht Pakistan investiert mehr Geld in Soldaten, Geheimdienste und Waffen als in Bildung. Im verfeindeten Nachbarland Indien, ebenfalls eine Atom-macht, sieht es nicht besser aus.

Razzia in Delhi

Elf Uhr Vormittags, in einem staubigen Vorort der indischen Hauptstadt Neu-Delhi. Aus zwei Minibussen springen mehrere Polizeibeamte. Sofort verteilen sie sich, einige Polizisten stürmen in ein Treppenhaus, die anderen in einen Hinterhof. Hier gibt es kleine, garagenartige Hallen. In einer fertigen sie Flipflops, in einer anderen Plastikteile für Autos, eine größere Halle ist eine kleine Textilfabrik.

Nach nicht einmal einer Minute haben die Beamten die Lage unter Kontrolle. Es gibt kein Geschrei, keinen Widerstand. Die Polizisten führen fünf Kinder in den Hinterhof. Auf dem Dach, am Eingang zum Hof und vor den kleinen Fabriken bilden sich Menschentrauben.

Die Kinder tragen verdreckte Kleidung. Sie sind vielleicht 12, 13 Jahre alt und völlig verängstigt, als sie zu Deepak Kumar geführt werden. Kumar ist ein sehr ruhiger, freundlich wirkender Herr mit einer dicken Hornbrille und einem Notizblock. Er ist von der Arbeitsschutzbehörde und nimmt die Personalien der Kinder und ihrer Arbeitgeber auf: 

"Wir bringen sie extra in zivilen Fahrzeugen fort. Es geht jetzt auch nicht auf eine Polizeistation, sondern in ein Gebäude der Gemeinde. Wir wollen nicht, dass die Kinder verängstigt sind. Sie sollen begreifen, dass wir sie gerettet haben. Gegen die Aufseher und die Arbeitgeber wird jetzt ermittelt."

Mehreren hundert Millionen Indern mangelt es an allem. An Nahrung, Toiletten, Bildung. Es geht für sie ums reine Überleben. Die Kinder sind Einnahmequellen und müssen mit anpacken. Auch in Neu-Delhi, sagt Deepak Kumar von der Arbeitsschutzbehörde, sei Kinderarbeit Alltag.

Razzia in einer Fabrik in einem Vorort von Neu-Delhi - Polizisten kontrollieren, ob Kinder in der Fabrik arbeiten (Deutschlandradio Kultur / Jürgen Webermann)Razzia in einer Fabrik in einem Vorort von Neu-Delhi - Polizisten kontrollieren, ob Kinder in der Fabrik arbeiten (Deutschlandradio Kultur / Jürgen Webermann)

"Hier im Distrikt Nordwest-Delhi führen wir solche Razzien vielleicht zweimal im Monat durch. Die Arbeitgeber hat die Polizei meistens gut im Griff. Die Kinder sind schwieriger, weil sie darauf trainiert sind, sich heraus zu reden."

Genau das geschieht auch an diesem Vormittag. Ramesh sagt, er sei 16, sieht aber deutlich jünger aus. Zahir behauptet, er habe nur seinen Onkel in der Fabrik besucht. Nur Bittoo redet offener. Bittoo sagt, er hätte 3000 Rupien im Monat erhalten, das sind 40 Euro. Doch in den meisten Fällen sehen die Kinder nicht mal eine Rupie: 

"Ich musste die Riemen an den Schlappen befestigen. Ich habe von neu Uhr morgens bis abends halb zehn gearbeitet. Weißt Du, meine Schule war ein Witz. Der Lehrer saß doch eh nur in seinem Büro, statt Unterricht abzuhalten."

Bittoo, Ramesh und Zahir wären wohl nicht aufgegriffen worden, wären da nicht die vielen Aktivisten von Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi. Seine Organisation heißt "Bachpan Bachao Andolan" – "Rettet die Kindheit":

Kailash Satiarthy empfängt im Hauptquartier seiner Organisation im Süden Neu-Delhis. Es ist ein schlichtes Bürohaus mit engen Gängen. Früher war Kailash auch in Indien den meisten Menschen unbekannt. Das hat sich durch den Nobelpreis geändert. Täglich schreibt irgendeine Zeitung über ihn. Er war auch beim Premierminister:

"Wir müssen den Teufelskreis zwischen Armut und Kinderarbeit brechen. Wir leben in einer Welt, in der kein Land erfolgreich sein kann ohne Bildung. Wir leben in der Welt der Wissens-Ökonomie. Und deshalb müssen wir allen Kindern Bildung ver-schaffen. Und das geht nur, wenn wir die Kinderarbeit abschaffen. Ja, die Armut ist allgegenwärtig. Aber deshalb den Kindern ihre Rechte, ihre Freiheit, ihre Kindheit und ihre Träume zu verwehren, ist eine unverzeihliche Sünde. Das ist ein Fluch, der mit Armut nicht zu entschuldigen ist."

Friedensnobelpreisträger Keilasch Satiarti (Deutschlandradio Kultur / Jürgen Webermann)Friedensnobelpreisträger Keilasch Satiarti (Deutschlandradio Kultur / Jürgen Webermann)Mit zwölf Jahren verschleppt, gerettet und endlich auch in die Schule

Kailash war eigentlich Ingenieur, aber Anfang der 80er Jahre reichte ihm die Unternehmenswelt. 80.000 Kinder haben er und seine Mitstreiter nach eigenen Angaben schon aus der Zwangsarbeit gerettet.

Rizwan steckt hinter der Razzia im Norden von Neu-Delhi. Er hatte die Polizei schon vor Wochen genau über den Standort der Hinterhof-Fabriken informiert: 

"Ich bin mit den Razzien heute aber nicht zufrieden. Wir haben viel zu wenige Kinder gefunden. Wir hatten mit insgesamt 20 Kindern gerechnet."

Rizwan arbeitet seit mehr als fünf Jahren für die Organisation von Kailash Satyarthi. Er spioniert undercover wie ein Agent. Er darf unter keinen Umständen auffallen. Der Kampf gegen Kinderarbeit kann sehr gefährlich sein: 

- "Ich selbst habe einen besonders schweren Zwischenfall erlebt. Das war 2011. Damals bildete sich ein Mob von 500 Leuten. Wir wurden heftig verprügelt und mussten ins Krankenhaus. Es ging mir ziemlich dreckig. Ich hatte innere Blutungen."
- "Hast Du manchmal Angst?"
- "Nein. Ich mache das aus Überzeugung. Manchmal lächeln die Kinder, nachdem wir sie gerettet haben. Deshalb mache ich das."

Viratnagar im Herzen des indischen Bundesstaates Rajasthans. Eingebettet zwischen kleinen Hügeln, direkt neben zwei Tempeln und weit weg von den großen, dreckigen Städten liegt der Bal Ashram, der Kinder-Ashram. Kinderarbeiter, die Kailash Satyarthi und seine Helfer befreit haben, kehren normalerweise zu ihren Familien zurück. Sozialarbeiter versuchen, die Eltern davon zu überzeugen, ihre Kleinen lieber zur Schule zu schicken. Aber in einigen Fällen gelingt das nicht. Dann kommen die Kinder in den Bal Ashram. Es gibt hier einen Fußballplatz, eine Bibliothek, Computer, eine kleine Kantine, einen Raum für Unterricht und Yoga, und eine kleine Ambulanz. 70 Kinder sind hier unter gekommen.

Nitish ist seit zwei Monaten hier. Er ist vielleicht zwölf Jahre alt, sein Blick ist starr. Nitish sitzt vor der Kantine und nestelt die ganze Zeit mit den Händen an den Hosenbeinen. Ein Bein wackelt ständig:

"Ich musste auch in meinem Dorf in Bihar arbeiten. Dann kam ein Mittelsmann und nahm mich mit, in den Bundesstaat Punjab. Ich habe dort von sechs Uhr morgens bis fünf Uhr abends auf dem Kartoffelfeld arbeiten müssen. Der Chef dort hat uns alle geschlagen."

"Als die Polizei kam, sagte uns der Sohn des Chefs, dass wir uns verstecken sollen. Also sind wir in ein Maisfeld gerannt. Die Polizisten fragten den Chef, wo denn all die Kinder hin sind. Er sagte, er wisse es nicht. Dann haben sie ihn verprügelt und wir kamen aus unserem Versteck."

Nitish wurde gemeinsam mit 150 anderen Kindern gerettet. Er ist völlig traumatisiert. Und erzählt doch, dass er in den zwei Monaten im Bal Ashram schon das lateinische und das Hindi-Alphabet gelernt habe. Nitish mag Seil springen und Fußball spielen. Als er den Reporter zum Abschied abklatschen darf, lächelt er zum ersten Mal.

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