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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 10.08.2012

Frieden aus dem Netz

Facebook bietet neue und ganz einfache Möglichkeiten der Völkerverständigung

Von Robert B. Fishman

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Israelische Fahnen wehen auch auf Facebook. (picture alliance / dpa / Atef Safadi)
Israelische Fahnen wehen auch auf Facebook. (picture alliance / dpa / Atef Safadi)

Ronny hatte nur ein Foto auf Facebook geposted. Seine Tochter hält eine israelische Fahne, darunter steht "Iraner, wir lieben Euch!". Inzwischen hat die Seite 70.000 Fans, und weitere Seiten folgten - zum Beispiel "Palestines loves Israel", verwaltet von einer Deutsch-Palästinenserin.

"Wir reden immer nur über den Krieg, sehen die Bilder des Krieges. Da müssen wir die Einstellungen und die Wahrnehmungsweisen ändern. Das fängt damit an, dass die Leute laut sagen 'Wir wollen lieber Frieden, Liebe und wir möchten lieber versuchen, uns miteinander zu verständigen'. Heute haben wir mit dem Internet das Werkzeug, um die Dinge wirklich zu verändern. Wir müssen einander nicht hassen. Wir einfache Leute können etwas ändern und diesen Krieg zwischen Israel und dem Iran und weiteres Blutvergießen im Nahen Osten verhindern."

Ronny kennt den Krieg. Als Fallschirmjäger der israelischen Armee hat er im Libanon gekämpft.

"Du siehst als Soldat, wie Menschen verletzt und Familien zerstört werden. Und wofür? Für nichts. Ich möchte nicht, dass meine Kinder Soldaten werden und dass andere Menschen ihre Familien verlieren. Dafür habe ich auch kein Problem damit, dass ich der Naivling bin, der sich heraustraut und 'Wir lieben Euch' sagt."

Ronny unterrichtet Grafik-Design an einer Tel Aviver Hochschule. Krieg entsteht für ihn aus Bildern:

"Ich habe vor dem Iran Angst, weil ich die Iraner nicht kenne. Wenn Du sie kennst und verstehst gibt es keinen Grund mehr für einen Krieg. Du musst ein neues Bild, ein neues Image schaffen. Krieg ist wie ein Virus, aber Frieden ist der stärkere Virus. Mit diesem musst Du den Kriegs-Virus bekämpfen."

Israelische Friedensaktivisten werden ausgelacht, beschimpft und mitunter auch bedroht. Ronny ist zum Glück noch nichts passiert. Noch gefährlicher ist das Engagement für Versöhnung auf der palästinensischen Seite.

Joujou nennt sich die 30jährige Deutsch-Palästinenserin, die inspiriert durch "Israel Loves Iran" die Seite "Palestine Loves Israel" - "Palästina liebt Israel" eingerichtet hat. Joujou lebt in Deutschland. Ihren wahren Namen verrät sie lieber nicht.

"Ich habe einfach auf Facebook auch eine Seite gegründet, 'Palestine loves Israel', und habe die ersten zwei Wochen gar nichts gepostet, weil ich von meinem eigenen Courage praktisch fast schockiert war, und dann habe ich aber immer mehr Zuspruch bekommen und habe dann angefangen, Messages zu sammeln. Mein Ziel ist eigentlich Kommunikation und miteinander ins Gespräch zu kommen, was eigentlich der Hauptgrund ist, warum dieser Konflikt stagniert."

Joujou war von den vielen positiven Reaktionen überrascht.

"Ich möchte es einfach durchbrechen und deswegen habe ich ganz viele Stimmen, auch von Israelis bekommen, die gesagt haben: 'Wir haben gar nichts gegen Palästinenser, und wir möchten gern mit euch zusammenleben, als Nachbar, als Freunde, und es muss möglich sein.' Ich habe dasselbe auch von Palästinenser bekommen, und auf der Seite ist es so, dass es eine Art Begegnungstätte ist. Ich administriere es nur, die Leute kommunizieren miteinander und stellen sich auch harte Fragen."

Ein Palästinenser zum Beispiel schrieb einem Israeli "Warum besetzt Ihr unser Land, wenn Ihr Frieden wollt?"

"Und dann kamen sie in einem Dialog, der so erstaunlich war, weil zuerst war wirklich eine gegenseitige Aggression, und am Ende war es nur 'Es tut mir Leid, dass wir im Krieg miteinander sind und ich möchte eigentlich, dass die Palästinenser wissen, dass die Israelis nichts gegen euch haben', das sagte dann der Israeli. Und am Ende war es wirklich so, als wurde von israelischer Seite die Frage gestellt, 'Vielleicht liegt der Grund für diesen Konflikt darin, dass wir Angst voreinander haben und wir müssen aufhören, voreinander Angst zu haben'. Es war so simpel, und selbst wenn es nur so einen klitzekleinen Tropfen auf dem heißen Stein - es hat mich sehr berührt."

Joujous Familie lebt im Libanon, manche ihrer Angehörigen im Lager Sabra, wo 1982 Milizionäre mit Unterstützung der israelischen Armee wahllos Hunderte Palästinenser ermordet haben. Ihre Großeltern waren nach der Gründung Israels 1948 aus Haifa geflohen – oder wurden von den Israelis vertrieben. Aus dem Online-Kontakt mit Israelis hat Joujou, wie sie sagt, eine Menge gelernt.

"Ein Nichtjude kann es nicht nachvollziehen, wie tief das Trauma des Holocausts bei Juden wirklich sitzt. Das kann man nicht nachvollziehen, wenn man die jüdischen Wurzeln nicht hat. Was noch ein sehr großer Grund für diesen Konflikt ist, ist dass beide Seiten sich als extreme Opfer fühlen. Ich kann das verstehen, ich kann das vor allem von palästinensischer Seite nachvollziehen, weil ich auch Familienmitglieder in diesem Konflikt verloren habe, aber das ist eine Sackgasse. Also wir sollten wirklich mal neue Wege testen."

Und wie sehen diese für Joujou aus?

"Wir sollten wirklich mal aufhören, uns als Opfer zu fühlen."

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