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Studio 9 | Beitrag vom 15.03.2019

"Fridays for Future"Warum kaum Studierende an den Klima-Protesten teilnehmen

Von Jens Rosbach

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Ein junger Mann steht vor dem Bundestag und hält ein Plakat hoch, auf dem steht: "Plant a tree" (Carsten Koall/Getty Images)
Klimaprotest: Viele Schüler sind engagiert, die Studenten lassen es eher ruhiger angehen. (Carsten Koall/Getty Images)

Die Organisatoren der "Fridays for Future"-Proteste wollen den größten Klimastreik veranstalten, "den die Welt je gesehen hat". Jede Menge Schüler sind vermutlich wieder auf der Straße – aber wo bleibt eigentlich der akademische Nachwuchs?

Fridays for Future? Simon, ein Kunstgeschichts-Student der Berliner Humboldt-Universität, schüttelt den Kopf: Mit dem Klima-Streik habe er nichts am Hut: "Ich hatte es wirklich für ein Schülerding gehalten, so wurde es von den Medien vermittelt. Ich dachte eher an meine kleine Schwester, ob die das vielleicht macht."

Keine Zeit für Protest

Der 26-Jährige will am Freitag nicht demonstrieren gehen – auch weil er sich nicht unter die Teenager, die "Kinder", mischen will. "Vielleicht wäre es peinlich zu sagen: Ich gehe da jetzt hin."

Auch Mia wird nicht bei den Schulschwänzern mitmachen. Die 29-jährige Geschichtsstudentin der FU Berlin erklärt, sie kaufe umweltbewusst ein, vermeide Plastikabfall und spare Energie. Aber für Protest-Aktionen fehle ihr die Zeit. "Also ich bin ein bisschen gestresst von meinem Studienabschluss und Master Thesis und so. Ja, ist 'ne schlechte Ausrede - klar, man kann sich die Zeit nehmen, ist immer 'ne Prioritätensetzung."

Andere Studierende schimpfen über 60-Stunden-Wochen mit Nebenjobs und Schlafmangel. David, 27 und Musikstudent der Universität der Künste, resümiert: "Man hat schon das Gefühl oft, die Leute sind ziemlich oft in ihrem Studiums-Korridor und sind halt irgendwie überlastet oder, ja, unpolitisch."

Die Studenten sind keine Avantgarde mehr

Experten wissen: Studierende stellen längst nicht mehr die gesellschaftliche Avantgarde dar – wie in den Siebziger- und Achtzigerjahren bei der Anti-Atom-, Friedens- oder Umweltbewegung. Für Simon Teune, Protestforscher an der TU Berlin, spielt dabei die Umstellung der Magister- und Diplom-Abschlüsse auf Bachelor und Master eine große Rolle, die Anfang der Nullerjahre begann.

"Also ein Hintergrund ist, dass sich das Studium wesentlich verändert hat. Also dass es eine stärkere Verschulung gibt, dass weniger Zeit dafür ist, sich an der Uni über politische Themen auszutauschen. Und damit ist sozusagen auch eine politische Traditionslinie durchbrochen, dass Studierende eben sehr stark sich in soziale Bewegungen eingebracht haben."

Bei Fridays for Future komme hinzu, analysiert der Soziologe, dass das Schwänzen zwar für Schüler einen Reiz des Verbotenen ausstrahle – aber weniger für Studierende.

"Also wenn Studierende streiken, dann hat das nicht so einen disruptiven Charakter wie bei SchülerInnen – weil Schüler eben Schulpflicht haben und deswegen einen Regelbruch begehen, wenn sie freitags nicht zur Schule gehen. Studierende sind nicht dazu verpflichtet zur Uni zu gehen, und insofern ist das Drohpotential bei solchen Streiks relativ gering."

Das Studentenparlament lehnte eine Zusammenarbeit ab

Zudem haben die Hochschulen gerade vorlesungsfreie Zeit. Sollen die Studis etwa ihre Semesterferien bestreiken? Auch viele Studierendenvertretungen sind offenbar noch im Urlaubsmodus. In Berlin etwa verweist weder der AStA der FU, der TU noch der Humboldt-Universität auf seiner jeweiligen Webseite auf die heutige Klima-Aktion.

Lethargie herrscht auch in Aachen. So klagt Tobias Holle, Student der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule, über ein mangelndes Interesse der Studentenschaft:

"Der Kontakt mit dem AStA bezüglich Fridays for Future ist noch gar nicht zustande gekommen aus dem Grund, dass das Studierendenparlament der RWTH Aachen im Januar eine Solidarisierung mir Fridays for Future abgelehnt hat. Es wurde vermutlich zu wenig kommuniziert über den Antrag, und die Rahmenbedingungen waren sehr schlecht - es war drei Uhr nachts und alle wollten nach Hause."

Holle, 21 Jahre alt, hat in den letzten Wochen ein bundesweites Studenten-Netzwerk mit aufgebaut, das Fridays for Future unterstützt. Die – nach eigenen Angaben - 60 bis 70 Aktivisten wollen den eigenen Studierendenvertretungen Dampf machen.

Als einen Erfolg verbuchen sie, dass der AStA der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften am Mittwoch eine Rundmail an alle 17.000 Studierenden verschickte, damit sie sich an den Klimaprotesten beteiligen. Mit dem Ende der Semesterferien Anfang/Mitte April wird es dann richtig losgehen, so die Hoffnung des Uni-Aktionsnetzwerkes. Dann sollen die Studierenden endlich aus dem Schatten der Schüler heraustreten.

"Wenn über Wochen hinweg in den Vorlesungen wenig Studierende sind, weil sie sich auf Demonstrationen und Streiks bewegen, dann kann das auch einen Professor oder eine Professorin zum Nachdenken anregen und zeigen, wie wichtig das Thema auch den Studierenden ist."

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