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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.06.2018

Frida-Kahlo-Ausstellung in LondonInszenierung der permanenten Wiederauferstehung

Von Walter Bohnacker

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Frida Kahlo (Frida Kahlo: Making Her Self Up, 16 June – 14 November 2018. Sponsored by Grosvenor Britain & Ireland)
Das Londoner Victoria and Albert Museum zeigt, wie geschickt Frida Kahlo sich zu Lebzeiten inszenierte (Frida Kahlo: Making Her Self Up, 16 June – 14 November 2018. Sponsored by Grosvenor Britain & Ireland)

Kaum eine Künstlerin hat sich so intensiv mit sich selbst beschäftigt und ebenso bewusst zur lebenden Legende stilisiert wie sie: Frida Kahlo. Das Londoner Victoria and Albert Museum zeigt nun Persönlich-Privates aus dem Leben der mexikanischen Malerin.

Frida Kahlo starb 1954 und doch ist sie heute präsenter denn je. Und alles von ihr und über sie, möchte man meinen, ist bekannt und erforscht. Gibt es in der Kahlo-Welt überhaupt noch was zu entdecken? In Europa auf jeden Fall, meint eine der drei Kuratorinnen der Londoner Schau, Ana Baez Ruiz: "Was wir hier ausstellen, wird zum ersten Mal außerhalb Mexikos gezeigt. Hinzu kommt das Nebeneinander der Objekte: hier die Privat- und Intimsphäre der Kahlo, dort ihre Bilder und dekorativen Arbeiten. Beides tritt in einen Dialog miteinander, und gerade der eröffnet einen frischen Zugang zur Künstlerin."

Vorbild für die Überwindung existenzieller Extremsituationen

Die Ausstellung versammelt rund 200 Exponate. Das Gros entstammt einem Konvolut von einigen tausend Fotos und persönlichen Gegenständen aus dem Nachlass der Malerin, den ihr Mann -Mexikos Malerstar Diego Rivera - nach ihrem Tod im sogenannten "Blauen Haus" der beiden in Mexiko-Stadt versiegeln ließ. Der Schatz wurde erst 2004 wieder entdeckt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. "Wir werfen nicht nur neues Licht auf Kahlo, wir vermitteln auch eine klare Botschaft: die von der Malerin als Leitfigur und Vorbild für die Überwindung existenzieller physisch-psychischer Extremsituationen."

Selbstporträt von Frida Kahlo (Frida Kahlo: Making Her Self Up, 16 June – 14 November 2018. Sponsored by Grosvenor Britain & Ireland)Selbstporträt von Frida Kahlo (Frida Kahlo: Making Her Self Up, 16 June – 14 November 2018. Sponsored by Grosvenor Britain & Ireland)

Frida Kahlo ist die Schmerzenskönigin der Kunst des 20. Jahrhunderts, ihr Leben war eine Passion sondergleichen. Erst die Kinderlähmung, dann - mit 18 - der Verkehrsunfall mit seinen das Werk prägenden Folgen: Operationen an der Wirbelsäule, jahrelange Krankenlager, die Fesselung an Bett, Rollstuhl und Krücken; später die Fehlgeburten und Abtreibungen, die Abhängigkeit von Alkohol und Opiaten, die Scheidung von und Wiederheirat mit Rivera und schließlich - ein Jahr vor ihrem Tod - die Beinamputation.

Nichts und niemanden malte Kahlo lieber als sich selbst

Auf diesen Leidensweg verweist der Untertitel der Schau: "Making Her Self Up". Das zielt auf zweierlei: auf das Make-up mit Schminke und Schmuck und auf ein "making up" als Akt kreativer Fantasie. Nichts und niemanden malte und zeichnete Kahlo lieber als sich selbst. Ihr Gesicht und ihr geschundener Körper sind die zentralen Sujets ihres Werks. Ihr bevorzugtes Medium - das hatte sie beim fotografierenden Vater abgeschaut - war das Selbstporträt. Um diese Selbstdarstellung und Selbstinszenierung der Frau geht es in London: wie sie sich - salopp gesagt - herausputzte und gezielt zur Symbolfigur stilisierte auf der Leinwand und vor Spiegel und Kamera.

Make-up von Frida Kahlo (Frida Kahlo: Making Her Self Up, 16 June – 14 November 2018. Sponsored by Grosvenor Britain & Ireland)Exponat der Ausstellung: Make-up von Frida Kahlo (Frida Kahlo: Making Her Self Up, 16 June – 14 November 2018. Sponsored by Grosvenor Britain & Ireland)

Hier der von den Frauen des Eingeborenenstamms der Tehuana übernommene Kopfschmuck samt traditionellen Trachten; dort das mit dem Hammer-und-Sichel-Symbol und einem Embryo im Mutterleib bemalte Gipskorsett; und daneben die mit fernöstlicher Ornamentik verzierte Beinprothese. Kleider, Schmuck, Parfüm, Nagellack und Lippenstifte: all das war für Kahlo weit mehr als Dekor und Staffage. Make-up und Kostümierung dienten als überlebenswichtige Heilmittel der Selbstfindung und Entwicklung einer eigenen femininen Identität.

Jemand wie die kleinwüchsige Sinéad Burke schöpft bei der Künstlerin Inspiration und Kraft für die eigene Arbeit. Die Modejournalistin und Behindertenaktivistin sieht in der Kahlo ihr großes Leitbild: "Orthopädische Gerätschaften verwandelte Kahlo in modische Accessoires. Damit signalisierte sie ein neues Selbstbewusstsein nach der Devise: 'Seht her! Ich bin behindert und dennoch fühl' ich mich fantastisch!'"

V&A Museum der passende Rahmen für diesen Kahlo-Kult

Man mag sich stoßen an der Choreografie und Theatralik der Ausstellung, die in eine "Modenschau" mündet und ihre Vitrinenschätze präsentiert wie die Reliquien einer Heiligen - in effektvoll ausgeleuchteten Galerien inklusive Soundtrack aus dem Off. Aber das Victoria and Albert Museum, das neben Kunsthandwerklichem immer mal wieder auch Ikonen der Pop-Kultur zelebriert, ist tatsächlich der passende Rahmen für dieses Kapitel Kahlo-Kult. Dieser Kult ist so alt wie das, was hier gezeigt wird, denn angestoßen hat ihn die Meisterin schon zu Lebzeiten. Deshalb also: Wirklich neu ist hier letztlich wohl nur der Rahmen: die - diesmal fast hautnahe, leibhafte - Inszenierung der permanenten Wiederauferstehung einer Madonna der Kunst.

Die Ausstellung "Frida Kahlo: Making Her Self Up" wird vom 16.06.2018 bis zum 04.11.2018 im Victoria and Albert Museum in London gezeigt. 

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