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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 15.08.2016

Freiheit und ÖkologieJe besser, desto mehr

Von Claus Dierksmeier

Ein Schwein schaut durch Gitterstäbe (dpa/ picture-alliance/ Jens Büttner)
Das Motto der qualitativen Freiheit ist nicht "je mehr, desto besser", sondern umgekehrt "je besser, desto mehr", schreibt Claus Dierksmeier. (dpa/ picture-alliance/ Jens Büttner)

Ökologische Ziele müssen nicht am Freiheitsempfinden scheitern, meint der Tübinger Philosoph Claus Dierksmeier. Er plädiert für "qualitative Freiheit" − einem gesellschaftlichen Paternalismus sollte freiwillige Rücksicht auf eigene wie fremde Lebenschancen zuvorkommen.

Zwischen Freiheits-Freunden und Umweltschützern bestehen tiefe Gräben. Wer für Veggie-Days oder alternative Mobilität ist, gilt vielen Liberalen als spaßbefreiter Öko-Stalinist. Wer dagegen vor Bevormundung warnt und ökonomische Lösungen für ökologische Probleme sucht, erscheint Naturfreunden oft als verantwortungsloser Egoist.

Doch gibt es tatsächlich keine Alternative zwischen ökologisch ruinöser Freiheit einerseits und einer Ökodiktatur andererseits? Ich glaube schon.

Wer meint, Nachhaltigkeit sei nur durch ein Minus an Freiheit zu haben, denkt Freiheit rein quantitativ – und bestimmt sie allein an der Anzahl individueller Optionen. Eine Bindung an ökologische Ziele scheint daher in der Tat nur um den Preis von Freiheiten zu haben. Ihn mag nur bezahlen, wer einen äquivalenten Ausgleich erhält. Man würde also die Natur insoweit schonen, wie man sie braucht.

Ich meine: Über diesen rein eigennützigen Umweltschutz hinaus gibt es gute Gründe, sich auch als Liberaler der Nachhaltigkeit verpflichtet zu fühlen. Und diese liegen in der qualitativen Natur von Freiheit.

Freiheit ist etwas, das uns als Person zukommt – und damit allen Personen. Wir dürfen, was wir für uns in Anspruch nehmen, anderen nicht absprechen, dürfen unsere Freiheit nicht so gebrauchen, dass wir die Lebenschancen anderer ruinieren.

Deswegen wäre erstens zu bestreiten, dass wir heute die Lebenschancen zukünftiger Generationen vernichten dürfen. Zweitens aber sollten wir die Freiheit der anderen nicht nur als Grenze, sondern auch als Grund unserer Freiheit betrachten.

Selbstbindung ist nicht Fesselung

Freiheit ist uns nicht einfach gegeben, sondern aufgegeben und verpflichtet uns, allen Menschen ein Leben in Selbstbestimmung zu ermöglichen. Keine Frage: Das wird oftmals nur durch quantitative Beschränkungen, etwa durch Verzicht auf bestimmte, besonders schädliche Optionen erreicht. Weniger kann zwar nie mehr, wohl aber bisweilen besser sein. Denn Selbstbindung ist nicht Fesselung.

Die vorrangige Frage ist daher nicht quantitativ: Wie viele Optionen kriegen Einzelne? Sondern qualitativ: Welche Freiheiten stehen allen zur Verfügung? Das Motto der qualitativen Freiheit ist dementsprechend nicht "je mehr, desto besser", sondern umgekehrt "je besser, desto mehr"; je eher sich unsere individuellen Freiheiten mit universeller Freiheit vertragen, desto mehr sollten wir sie schätzen und schützen.

Also reicht es nicht, ökologische Probleme allein über den Zwang des Rechts zu regeln. Auch seitens der Firmen und der Bürgerschaft ist zu agieren. Um unsere Freiheit nachhaltig zu gebrauchen, benötigen wir auch einen gesellschaftlichen Hang zu anständigem Verhalten und einen persönlichen Drang zur Moral.

Unternehmerischer Erfindungsgeist etwa kann ökologischen Fortschritt fördern. Indem Firmen alte Prozesse zugunsten nachhaltigerer Produkte und Leistungen aufgeben, erarbeiten sie sich Wettbewerbsvorteile, stärken Reputation, Mitarbeiter- und Kundenloyalität - und optimieren dadurch auch ihren betriebswirtschaftlichen Spielraum. So können Ökologie und unternehmerische Freiheit durchaus Hand in Hand gehen.

Lebenschancen aller Menschen zu optimieren

Dies Beispiel zeigt: Während eine rein quantitativ gedachte Freiheit Liberalisierung mit Deregulierung gleichsetzt, also individuelle Optionen maximiert und darum jegliche Wertbindung meidet, sucht  eine qualitativ gedachte Freiheit die Lebenschancen aller Menschen zu optimieren.

Entsprechend bedeutet Liebe zur Freiheit nicht nur ein Aufstehen gegen ökologischen Paternalismus, sondern auch ein Einstehen für freiheitliche Wege zur Nachhaltigkeit.

Claus Dierksmeier, Direktor des Tübinger Weltethos-Instituts (dpa / picture alliance / Marc Herwig)Claus Dierksmeier, Direktor des Tübinger Weltethos-Instituts (dpa / picture alliance / Marc Herwig)Claus Dierksmeier, 1971 geboren, studierte Philosophie in Hamburg und Jena, wo er sich 2002 habilitierte, wurde danach Professor am Institut für Philosophie des Stonehill College in Boston. Dort arbeitete er später auch als Forschungsdirektor des Sustainable Management and Measurement Institutes (SUMMIT) und als "Distinguished Professor for Globalization Ethics". Seit April 2012 leitet er das Weltethos-Institut an der Universität Tübingen. Zudem gehört er zum Vorstand des internationalen Think-Tanks "The Humanistic Management Network" und ist Academic Director des Humanistic Management Center in Berlin. Sein Buch "Qualitative Freiheit, Selbstbestimmung in weltbürgerlicher Verantwortung" erschien soeben im Transcript Verlag Bielefeld.

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