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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.02.2006

Freier Wille oder Marionette?

Erhard Oeser: Das selbstbewusste Gehirn. Perspektiven der Neurophilosophie.

Rezensiert von Kim Kindermann

Hirnforscher wissen heute, was bei Schmerz und Freude im Gehirn passiert und können sehen, wie Entscheidungen getroffen werden. Aber je mehr die Funktionen des Gehirns verstanden werden, desto dringender wird die Frage: Ist der Mensch wirklich ein frei denkendes Wesen, oder eine Marionette, die von neuronalen Prozessen gelenkt wird? In seinem neuen Buch "Das selbstbewusste Gehirn" sucht Erhard Oeser nach Antworten.

Ich denke also bin ich. Pustekuchen wer so etwas noch glauben will. Zumindest wenn man den Hirnforschern folgt. Denn schon heute können sie dank neuester Technik Schmerz und Freude im Gehirn sehen.

Sie schauen zu, wie moralische Entscheidungen getroffen und wie religiös-mystische Erfahrungen gemacht werden. Dabei fällt auf: das Gehirn agiert oft, bevor der Mensch selbst etwas bewusst wahrnimmt. Das belegen auch Versuche. Der bekannteste Versuch stammt von Benjamin Libet, seines Zeichens amerikanischer Neurophysiologe. Er zeigte schon 1978, dass die Hirnströme bereits 350 Millisekunden verstärkten, bevor sich die Versuchsteilnehmer ihres Willens, etwa den Finger zu bewegen, überhaupt bewusst sind.

Eine revolutionäre Entdeckung, die auch später immer wieder neu bestätigt wurde: Etwa als sich zeigte, dass auch "bewusst im Stirnhirn geplante Handlungen nur dann zur Ausführung kommen, wenn sie die Schleife von der Großhirnrinde über die tiefer gelegenen Hirngebiete des Thalamus und der Basalganglien durchlaufen haben". Was nichts anderes zu bedeuten scheint, als dass jede Entscheidung, jede Handlung allein durch Gehirnabläufe ausgelöst wird. Kein Wunder also, dass angesichts solcher Resultate einige Hirnforscher auch nicht länger an die Macht des freien Willens glauben wollen und ihn vielmehr als Illusion oder als wirkungsloses Nachspiel bezeichnen.

Unwidersprochen bleiben solche Aussagen freilich nicht. Denn gäbe es keinen freien Willen, dann wäre niemand für sein Handeln verantwortlich, so die Kritiker. Dann ließe sich jedes Verbrechen damit erklären, dass man nicht anders gekonnt hätte, sondern, einem Roboter ähnlich dem neuronalen Impuls gefolgt wäre. Und genau bei diesen unterschiedlichen Sichtweisen setzt Erhard Oeser mit seinem Buch "Das selbstbewusste Gehirn" an.

Aber anders als man wegen seines Berufes vermuten könnte, schlägt der Philosophieprofessor einen neuen Weg ein und kommt zu der optimistischen Grundthese: Erst durch die bahnbrechenden Entwicklungen der Neurowissenschaften ist ein wirklicher Brückenschlag zwischen Körper und Geist gelungen. Ein Brückenschlag, den es so vorher noch nie gegeben hat und an dessen Ende ein neues Menschenbild steht.

Damit der Leser das versteht, nimmt Erhard Oeser ihn mit auf eine Reise durch die Geschichte der Gehirnforschung und beschreibt eindrücklich, wie Forschung und Philosophie den menschlichen Geist stets zu erfassen suchten, dabei aber selten den Schulterschluss, sondern vielmehr die Konfrontation suchten: Aristoteles beispielsweise sah die Seele (ähnlich wie Descartes) als etwas Eigenes, was unabhängig vom Körper existierte. Im Gegensatz dazu führten die Anhänger des Monismus alle geistigen und seelischen Prozesse auf rein körperliche Aktivitäten zurück. Und die Forscher der maschinellen Intelligenz wollten die maschinellen Wirkmechanismen gerne 1:1 auf das menschliche Gehirn übertragen.

Neben diesen spannenden Abhandlungen beschreibt der Autor in einem eigenen langen Kapitel auch über die Evolutionsgeschichte der Gehirnentwicklung und zeigt, was dem Menschen überhaupt erst ermöglicht hat, sich über Seele und Geist Gedanken zu machen. Auch das ist hochspannend. Zeigt doch gerade dieses Kapitel: Der Mensch ist nur eins der vielen Lebewesen, die über Bewusstsein verfügen.

Ganz langsam arbeitet sich Erhard Oeser so durch eine spannende Wissenschaftsgeschichte, die immer auch direkte Folgen auf die Gesellschaft und die Stellung des einzelnen in ihr hatte bzw. hat. Das macht Spaß zu lesen, selbst dann, wenn der Autor auf den 219 Seiten seines Buches immer wieder unnötig komplizierte Satzgebilde baut.

Denn auf behutsame Weise macht Erhard Oeser so deutlich: Es gibt keine allein gültige Betrachtungsweise. Erst indem die unterschiedlichen Blickwinkel der einzelnen Wissenschaften miteinander verbunden werden, kommen wir zu schlüssigen Antworten auf die Frage: Gibt es den freien Willen? Und ja, es gibt ihn. Doch nicht nur als abstrakte Annahme, sondern als "Hirnleistung besonderer Art (...), die nicht von vorneherein vorhanden ist, sondern erst mühsam im Laufe eines individuellen Lebens erkämpft werden muss und auch wieder wegen der großen Störanfälligkeit unseres Gehirns verloren gehen kann".


Erhard Oeser: Das selbstbewusste Gehirn. Perspektiven der Neurophilosophie.
Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft 2006
219 Seiten, gebunden, 34,90 Euro

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