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Studio 9 | Beitrag vom 13.06.2017

Frei Ottos Multifunktionshalle gerettet?Das Wunder von Mannheim

Von Uschi Götz

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Blick in die Multifunktionshalle in Mannheim, entworfen von Frei Otto (Stadt Mannheim, Daniel Lukac)
Die Mannheimer Multifunktionshalle, entworfen von Frei Otto, soll erhalten bleiben. (Stadt Mannheim, Daniel Lukac)

Es fehlte nicht viel, dann wäre ein einzigartiges architektonisches Werk in Baden-Württemberg abgerissen worden: Die Multihalle von Frei Otto im Mannheimer Herzogenriedpark. Die Wende scheint für das Kulturdenkmal gerade noch rechtzeitig gekommen zu sein.

Tatjana Dürr: "Es ist eine amorphe, mit einer Folie überspannte, zweiteilige Gitterschalenkonstruktion. Die sich in diesen Park amorph einfügt."

Aus der Vogelperspektive sieht die Hallenkonstruktion im 27 Hektar großen Mannheimer Herzogenriedpark wie ein großes Urzeittier aus. Architektin Tatjana Dürr, Referentin für Baukultur bei der Stadt Mannheim, und ihr Kollege, Architekt Marco Spies, stehen unter dem schalenförmigen Dach, das sich wellenförmig in verschiedene Richtungen ausstreckt.

Schlauchartige Stege und Treppen führen auf den Kern, die sogenannte Multihalle, zu. Der gesamte Bereich ist von der größten freitragenden Holzgitterschalenkonstruktion der Welt überspannt. Doch das Wunder von Mannheim wird erst erlebbar, wenn man die Halle betritt.

Mannheimer Multihalle: Die Deckenkonstruktion muss mit Stützträgern gehalten werden. (dpa/picture alliance/Uwe Anspach)Mannheimer Multihalle: Die Deckenkonstruktion muss mit Stützträgern gehalten werden. (dpa/picture alliance/Uwe Anspach)

Marco Spies: "Der Blick wird hier förmlich nach oben gerissen, weil man erst durch diesen tiefen Eingang gegangen ist, der auf dieser Höhe gebaut ist, wie der Steg und kommt dann in die Halle und sofort reist der Blick nach oben, weil die Halle einfach sehr hell ist, damals sicher noch heller, wie ja die Membran jetzt ja auch schon gealtert ist, und man sieht sofort dieses Leichtigkeit, die die Halle auch hat."  

Wie Waben sehen die Holzgitter aus, so muss es sich in einem Bienenstock anfühlen. Während der Bundesgartenschau 1975 fanden in der Halle Blumenausstellungen und Fernsehsendungen statt.   

Marco Spies: "Hier wurde nichts zugebaut oder entfernt, sondern das ist wirklich die Halle, wie sie sich damals 1975 dargestellt hat."

Ursprünglich war Frei Ottos Halle nur für die Gartenschau

Frei Paul Otto, deutscher Architekt (dpa picture alliance / Michael Dick)Frei Paul Otto, deutscher Architekt. Bekannt wurde er 1972 mit der zeltartigen Überdachung des Olympiastadions in München. (dpa picture alliance / Michael Dick)

Der Architekt und Künstler Frei Otto hatte gemeinsam mit Kollegen einst die Konstruktion für die Mannheimer Bundesgartenschau entwickelt. In Fachkreisen galt das Werk im Herzogenriedpark bald als eine architektonische Sensation. Doch ursprünglich sollte die Halle nach der Blumenschau wieder abgebaut werden. Nur temporär sollte sie sein, temporär wie Nomadenzelte.

Frei Otto, der Biologe unter den Ingenieuren, galt zu dieser Zeit bereits als Größe in seinem Metier. 1968 kam er aus Berlin nach Stuttgart, gründete im Südwesten das "Institut für leichte Flächentragwerke". Seine Architektursprache war neu und setzte international Akzente. Bis heute verbindet man seinen Namen vor allem mit der Zeltdachkonstruktion des Münchner Olympiageländes.

Ein Konzept für die Halle fehlt

In Mannheim tat man sich indes schwer mit der Nutzung der Multihalle. Kleintierzüchterschauen, Flohmärkte und Gewerkschaftsveranstaltungen fanden im Inneren statt, doch ein Konzept fehlt bis heute, was auch an den bauphysikalischen Eigenschaften liegt, wie Architekt Spies demonstriert:

"Sie bekommen hier unter der Kuppel, das ist dieser Domeffekt, bekommen sie sofort das Thema Nachhall. Das heißt, wenn man hier klatscht, dann hat man hier einen mehrfachen Nachhall und das ist für alle Veranstaltungen, die man hier abhalten will natürlich auch ein großes Problem."

Seit 1998 steht die Multihalle als Kulturdenkmal unter Denkmalschutz. Allerdings zerfällt das Wunder sichtbar von außen und innen. Technische Gutachten zur Tragkonstruktion und zur Dachhaut sehen einen hohen Sanierungsbedarf. Ein Gerüstturm stützt die über 20 Meter hohe Kuppel der Halle von innen.

Marco Spies: "Weil man sehen kann, dass die Halle nicht mehr die schöne, gebogene Form hat, einer idealen Wölbung, sondern abflacht, und das ist für diese leichte Konstruktion, weil dann ganz andere statische Bedingungen auf einmal in dem System herrschen, natürlich Gift."

Förderverein wirbt um Spendengelder

Olympiaturm und Zeltdach in München (dpa picture alliance / Robert B. Fishman)Eines von Frei Ottos bekanntesten Projekten: Das Zeltdach im Olympiapark in München* (dpa picture alliance / Robert B. Fishman)

Im Sommer 2016 beschloss der Mannheimer Gemeinderat den Abriss des Kulturdenkmals, falls sich keine privaten Sponsoren finden, die die Kosten für die Sanierung mittragen. Dann geschah um das Wunder ein neues Wunder. Plötzlich hieß es aus dem Rathaus, man habe eine "moralische und historische Verpflichtung" das Werk Frei Ottos zu erhalten.

Ein Förderverein gründete sich. Mit der Stadt ist auch die baden-württembergische Architektenkammer Mitglied. Gemeinsam wird nun um Spenden geworben. Von der Kammer selbst kamen die ersten 10. 000 Euro. Carmen Mundorff, Pressesprecherin der Architektenkammer:

"Es ist etwas Einzigartiges und es hat eine unglaubliche Innovationskraft in den 1970er Jahren schon gehabt. Frei Otto hat da in den 50er Jahren schon mit angefangen auf diese Art und Weise. Aber das ist wirklich ein Zeugnis, was es zu erhalten gilt, und da darf man keine Mühen scheuen. Und dementsprechend hängt sich die Architektenkammer auch auf vielen Ebenen mit hinein, in diesen Versuch zu erhalten."

Die Sanierungskosten kommen laut Stadt auf etwa 11,6 Millionen Euro.

Tatjana Dürr: "Die Aufgabe dieses Gebäude ist wichtig, nicht nur für Mannheim, sondern auch für das Land Baden-Württemberg, für die Bundesrepublik Deutschland und darüber hinaus. Deswegen generiert es auch so große, internationale Aufmerksamkeit." Schulterschluss zu generieren."

Ende März fand ein erster Nutzungsworkshop für Planer aus ganz Deutschland statt. Fazit bei der Architektenkammer: "Unser Nutzungsworkshop hat gezeigt, dass die Experten der Auffassung waren, dass man mit moderaten Mitteleinsatz diese Halle durchaus erhalten kann."  

Mehr Informationen zum Förderverein der Mannheimer Multihalle finden Sie hier.

(*) Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde in der Bildunterschrift der Olympiaturm in München, nicht das Zeltdach, dem Architekten Frei Otto zugeschrieben.

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