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Buchkritik | Beitrag vom 02.06.2020

Frédéric Brun: "Perla"Kindheit im Schatten des Traumas

Von Dirk Fuhrig

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Buchcover zu Frédéric Bruns "Perla". (Faber & Faber)
Aufgrund ihrer Schönheit wurde die Mutter des Erzählers in Auschwitz vom Lagerarzt Josef Mengele vom Tod in den Gaskammern verschont. (Faber & Faber)

Frédéric Brun erlebte seine Mutter Perla als stets elegant gekleidete Pariser Geschäftsfrau. Erst nach ihrem Tod wagt er den Blick in ihren und seinen eigenen Abgrund: sechs Monate Auschwitz. Für sein Debüt "Perla" bekam Brun 2007 den Prix Goncourt.

"Wie ist es möglich, dass Novalis, die deutschen Dichter und die Hitlergeneräle den gleichen Stammbaum haben?"

Diese - nicht zum ersten Mal gestellte - Frage lässt Frédéric Brun nicht los. Der 1960 geborene Autor bewundert die deutsche Romantik - und steht vor dem Rätsel, wie das Volk der Dichter, Denker und Maler wie Caspar David Friedrich den Zivilisationsbruch der Shoa herbeiführen konnte.

Die essayistischen Reflexionen über deutsche Kunst und deutsche Verstrickung bettet Brun ein in die beklemmende Schilderung seiner Prägung als Sohn einer französischen Jüdin, die einen sechsmonatigen Aufenthalt im Konzentrationslager überlebt hat.

Mutter vermied, über Lager zu sprechen

Die zweite Generation wird vom Schatten des Holocaust eingeholt. Auch wenn die Mutter es immer vermieden hat, über ihre Zeit im Lager zu sprechen: Das traumatische Ereignis hat auf die Familie abgefärbt.

"Perla" wurde als junge Frau in den letzten Kriegsmonaten in Paris verhaftet und erst ins Lager Drancy im Norden der französischen Hauptstadt und von dort nach Auschwitz-Birkenau gebracht.

Viele Holocaust-Opfer haben geschwiegen - weil das Berichten des Grauens unerträglichen neuen Schmerz hervorgebracht hätte. Erst als seine Mutter, die nach dem Krieg in Paris zur erfolgreichen, stets elegant gekleideten Geschäftsfrau wurde, stirbt, beginnt für den Sohn die Aufarbeitung.

Text aus Opferperspektive

Er schreibt diesen autobiografischen Text als Vergangenheitsbewältigung aus Opferperspektive. Der Ich-Erzähler liest Ruth Klüger und Primo Levi, er reist nach Auschwitz und stellt sich den Doktor Mengele vor, wie er die Ankommenden nach sekundenkurzer Begutachtung in den sofortigen Tod oder in die Baracken schickte - und wie seine Mutter trotz eines entstellenden Pickels im Gesicht auf die "rettende" Seite selektiert wurde. Eine der wenigen Episoden, die Perla ihrem Sohn aus ihrer Zeit aus dem Lager berichtet hat.

Der kurze Text ist eine tastende, assoziative Spurensuche "zwischen Vergessen und Erleichterung". Wie hat das unbewusste Wissen über die KZ-Haft seiner Mutter den Autor selbst beeinflusst? Das geht so weit, dass er sich vorstellt, die Gewalterfahrung schon vorgeburtlich im Leib seiner Mutter eingesogen zu haben.

Psychologisch gnadenloser Text

Bruns Buch kommt dem Leser sehr nah. Viele Grausamkeiten wirken umso schrecklicher, als sie nur angedeutet werden. Es ist ein überwältigender, psychologisch gnadenloser Text, ein Klagegesang, verfasst in einer Sprache, hart an der Grenze zum Pathetischen.

Zahlreiche Kinder von Shoa-Opfern haben in Frankreich gerade in den letzten Jahren diese Erfahrung literarisch verarbeitet. Frédéric Brun hat für "Perla" 2007 den Prix Goncourt in der Kategorie bester Debüt-Roman erhalten. Es ist schade, dass dieses schonungslose Buch erst jetzt auf Deutsch zu lesen ist. Umso mehr ist das Engagement des kleinen Leipziger Verlags "Faber & Faber" zu loben.

Frédéric Brun: "Perla"
Aus dem Französischen von Christine Cavalli.
Faber & Faber Verlag, Leipzig 2020
128 Seiten, 20 Euro

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