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Lesart | Beitrag vom 06.04.2021

Frausein im Alter"Ja, jetzt bin ich eine alte Frau"

Erica Fischer im Gespräch mit Joachim Scholl

Erica Fischer blickt in einem Zimmer in die Kamera. Sie trägt ein dunkles Oberteil, hat grau-weiße Haare und trägt eine rote Brille. (Jennifer Endom )
Erica Fischer hat das Buch "Alt: Na und?" geschrieben. Sie ist selbst 78 Jahre alt. Einen Satz von Simone de Beauvoir will sie sich zum Leitbild machen. (Jennifer Endom )

Autorin Erica Fischer ist eine engagierte Feministin. In "Alt: Na und?" schreibt sie sehr persönlich darüber, was das Altern für Frauen bedeutet. Der Verlust an körperlicher Attraktivität sei ein Schock, sagt sie – aber auch eine Chance.

Erica Fischer ist am Neujahrstag 78 Jahre alte geworden – nun hat die Autorin des Romans "Aimee und Jaguar" und Feminismus-Vorreiterin ein sehr persönliches Buch über das Alter veröffentlicht. Sie betont, ihr sei wichtig gewesen, dass das Wort "Alt" auch im Titel steht. "Man lebt so dahin, und beim 40. Geburtstag ist man ein bisschen beunruhigt, beim 50. Geburtstag noch mehr", so Fischer. "Und plötzlich stellt man fest: Ich bin alt."

Empörung im Alter

Sie leitet ihr Buch mit einem Zitat der österreichischen Schriftstellerin Veza Canetti ein: "Mir ist etwas Empörendes zugestoßen. Ich bin alt geworden!" So sei es eben, sagt Fischer, man schaue in den Spiegel und eines Tages stelle man fest und dann jeden Tag wieder: "Ja, jetzt bin ich eine alte Frau."

Die Empörung über das Altern sei natürlich vergebens, räumt die Schriftstellerin ein. Sie lehne es ab, etwa auf dem Markt mit "Junge Frau" angeredet zu werden. Andererseits komme niemand auf die Idee, sie mit "Alte Frau" anzureden – aus guten Gründen. "Das Wort 'alt' gilt als Diskriminierung. Es ist keine Ehrenmedaille, alt zu sein, und das finde ich ziemlich ungerecht - das ist empörend." Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter

"Die Diskriminierung von Alten ist weniger gut erforscht als Rassismus und Sexismus", findet Fischer. "Ich denke, das kommt auch daher, dass die Alten eben abgeschrieben sind, dass die gesellschaftlich nicht mehr so relevant sind. Und dadurch beschäftigt man sich weniger mit ihnen."

Engagierte Feministin

Bei ihrer Beschäftigung mit dem Thema Alter sei sie auch auf eine Aussage von Simone de Beauvoir – die sehr unter dem Altern gelitten habe, so Fischer – gestoßen, die sie sich zum Leitbild machen wolle. "Beauvoir hat gesagt, Menschen müssen schon vorher als Menschen behandelt worden sein, dann Altern sie besser und glücklicher."

Einerseits beeinflusse zwar die persönliche Lebensgestaltung das Alter, aber auch die Stellung in der Gesellschaft, in der man alt werde, Armut und Wohlstand machten einen Unterschied. Die Alten seien kein monolithischer Block, im Gegenteil: "Im Grunde genommen, je älter wir werden, desto unterschiedlicher werden wir, weil auch unsere Leben unterschiedlich waren."

Fischer ist als engagierte Feministin bekannt: Sie hat sowohl die "Neue Frauenbewegung" mitbegründet als auch eine Buchhandlung für Frauen, das "Frauenzimmer" in Wien und "AUF - Eine Frauenzeitschrift". Sie sagt, das Aussehen spiele bei den Frauen eine viel größere Rolle als bei den Männern. "Frauen sind einfach eine untergeordnete Kaste und haben bis zu einem gewissen Alter nur, oder sagen wir überwiegend, ihre körperliche Attraktivität anzubieten." Beim Mann spiele das Aussehen – immer noch – weniger eine Rolle. 

Weiblichkeit und Attraktivität

In dieser Hinsicht können das Alter und der Verlust an körperlicher Attraktivität – "oder das was von außen als solches wahrgenommen wird" – allerdings auch befreiend sein: "Ich kann viel mehr ich selbst sein. Ich kann Dinge machen, die ich in meinen jungen Jahren nicht machen konnte, weil ich ständig umgeben war von Belästigungen, von Störungen, von Blicken. Ich werde jetzt nicht mehr gesehen. Das ist einerseits doch deprimierend und verletzend – und andererseits gibt es mehr Freiheit."

Wenn sie sich jetzt noch mal selbst als junge Frau, als junge Schönheit begegnete, was würde sie ihrem jungen Ich raten: "Ich würde nicht so viel Zeit und Aufmerksamkeit auf mein Äußeres legen. Ich würde mich nicht ununterbrochen fragen, wie sehen mich die anderen, bin ich attraktiv genug? Ich würde mich mehr konzentrieren auf das, was wesentlicher ist: auf meine Bildung, auf meine Arbeit, auf meine ‚inneren Werte‘. Ich glaube, dass ich viel Zeit verschwendet habe an unbedeutenden Dingen."

Junge Frauen machen nach ihrer Beobachtung auch schon vieles anders als Frauen ihrer Generation, sagt Erica Fischer: "Die Welt hat sich verändert, und die jungen Frauen sind viel selbstbewusster geworden, viel zielstrebiger, haben eine viel freiere Sexualität. Das ist alles eine gute Vorbereitung auf das Alter."

(mfu)

Erica Fischer: "Alt: Na und?"
Berlin Verlag, Berlin/München 2021
303 Seiten 22,00 Euro

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