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Im Gespräch | Beitrag vom 05.10.2020

Frauenärztin Mandana Gholami"Afghanische Frauen tun mir sehr leid"

Moderation: Ulrike Timm

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Gynäkologin Mandana Gholami am Schreibtisch. (Nina Zander)
Medizinische Unterstützung und ein offenes Ohr: Die Gynäkologin Mandana Gholami hilft Frauen, die aus Afghanistan geflohen sind. (Nina Zander)

Mandana Gholami arbeitet mit geflüchteten Frauen. Deren grausame Schicksale kennt kaum jemand: Gewalterfahrungen, Kinderehe und Zwangsverheiratung bestimmen oft ihr Leben. Die engagierte Gynäkologin aus Köln bietet medizinische Hilfe und hört zu.

"Wer kann bei der Versorgung Geflüchteter helfen?" – Diese Anfrage aus dem Jahr 2015 änderte die Arbeit der Kölner Frauenärztin Mandana Gholami. Da ihre Familie aus dem Iran stammt und sie unter anderem Persisch spricht, meldete sie sich. Seither betreut sie vermehrt Frauen aus Afghanistan und Syrien. Frauen, die oft noch nie zuvor bei einer Gynäkologin waren, erinnert sie sich.

"Das waren sehr junge Frauen, teilweise 19 Jahre, die mir erzählt haben, dass sie seit vier Monaten verheiratet sind – und sie seien noch nicht schwanger."

Kinderehen und Zwangsverheiratung

Die Beruhigungsversuche der Ärztin halfen nichts. "Die eine Frau erzählte mir: Meine Schwiegermutter sagt meinem Mann, wenn deine Frau noch keine Kinder hat, ist die nicht die richtige Frau für dich. Dann musst du die Frau, die wir für dich ausgesucht haben, heiraten. Afghanische Frauen tun mir sehr leid. Sie leben in einer so patriarchalischen Gesellschaft, das ist so traurig."

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Kinderehen, Zwangsverheiratung, all dies erfahre sie in den Gesprächen. Und sie bemühe sich, diese Frauen zu stärken. "Ich versuche, immer erst einmal den Frauen klar zu machen, wie wertvoll sie sind und versuche, ihnen klarzumachen, dass sie jetzt nicht mehr in einer patriarchalen Gesellschaft leben. Dass sie frei sein sollen und dass sie die Möglichkeiten, die sie haben, gut ausnutzen sollen."

Von Deutschland in den Iran

Mandana Gholami ist 1969 in Homburg geboren, aufgewachsen im Ruhrgebiet, in Niederwenigern, einer Kleinstadt nahe Hattingen. Ihr Vater war Chefarzt in dem dortigen Krankenhaus, die Mutter war Hebamme. Beide waren zum Studium aus dem Iran nach Deutschland gekommen.

Als Mandana – der Name bedeutet "die immer Bleibende" – acht Jahre alt ist, geht die Familie zurück in den Iran. Noch regiert der Schah, aber kurze Zeit später beginnt die Islamische Revolution. Diese Zuspitzung hätten die Eltern unterschätzt, so Mandana Gholami rückblickend.

Islamische Revolution und "Gehirnwäsche"

1979 wird der Schah abgesetzt, Ajatollah Khomeini übernimmt die Macht, die Repressalien gegen Frauen nehmen zu. Mandana Gholami erlebt die "Gehirnwäsche" als Schülerin.

"Ich bin damals mit dem Mofa in die Schule gekommen, war in der siebten, achten Klasse, und ich hatte immer Jeanshosen an. Dann meinte die Direktorin: `Gholami, du bist doch so ein tolles Mädchen. Aber für ein Mädchen geziemt es sich nicht, dass es mit einem Motorrad zur Schule kommt und auch noch in einer Jeanshose. Ein paar Monate später hieß es, in der Schule muss man ein Kopftuch tragen – es war alles Pflicht."

Die Eltern beschließen, zurück nach Deutschland zu gehen. Da der Vater keine Arbeitserlaubnis bekommt, gehen sie nochmals in den Iran. Doch der Iran-Irak-Krieg zwingt sie erneut, das Land zu verlassen.

1988 kommen sie endgültig nach Deutschland zurück. Mandana Gholami tritt in die Fußstapfen der Eltern: Sie studiert Medizin, arbeitet als Oberärztin in Solingen. Seit 2010 betreibt sie eine eigene gynäkologische Praxis in Köln.

Die Unterdrückung im Iran und ihre eigene Fluchterfahrung hat sie nie vergessen. Auch deshalb hilft sie heute geflüchteten Frauen.

(sus)

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