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Weltzeit | Beitrag vom 26.02.2020

Frauen in der US-PolitikKeine Präsidentin in Sicht

Von Claudia Sarre

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Eine aufgeschlagene Doppelseite der New York Times mit den Portraits der demokratischen  Präsidentschaftsbewerberinnen Elizabeth Warren und Amy Klobuchar. (Getty Images / Star Tribune / Glen Stubbe)
Von ursprünglich sechs Präsidentschaftsbewerberinnen sind noch Elizabeth Warren und Amy Klobuchar übrig geblieben. Doch es ist unwahrscheinlich, dass eine der beiden gegen Trump antreten darf. (Getty Images / Star Tribune / Glen Stubbe)

Hillary Clinton erhielt drei Millionen mehr Stimmen als Donald Trump bei der Wahl 2016. Seit 2018 sitzen so viele Frauen im US-Kongress wie nie. Ein Rekord auch bei Frauen im Präsidentschaftsrennen. Aber die Realität 2020 ist männlich. Noch.

Im leuchtend blauen Kostüm und mit beschwingtem Schritt betritt Amy Klobuchar die Rednerbühne. Fast jeden Tag hat die 59-jährige Senatorin aus Minnesota nun Wahlkampfveranstaltungen wie diese zu bewältigen. Heute ist sie in Durham zu Gast, einer Kleinstadt an der Ostküste der USA.

Das einzige, was das Land und die Partei wieder versöhnen würde, wäre, dass sie gewännen! Amy Klobucher wirkt konzentriert und in sich ruhend – und dennoch voller Energie und Kraft. Bevor sie ins Rennen um die Präsidentschaftskandidatur startete, kannte kaum jemand die dunkelhaarige Senatorin aus dem Mittleren Westen.

Bei den ersten beiden Vorwahlen schnitt sie überraschend gut ab. Anders als ihre linksprogressive Mitbewerberin Elisabeth Warren gilt Amy Klobuchar als moderat. Als jemand, der über die Parteigrenzen hinweg agiert und versöhnt statt spaltet. Sie versuche es zumindest, sagte sie vor kurzem in einem Fernsehinterview.

Die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Amy Klobuchar verlässt lachend eine Veranstaltung in Texas   (Getty Images / North America / Justin Sullivan)Am 10. Februar 2019 erklärte Amy Klobuchar ihre Präsidentschaftskandidatur. Sie steht für einen Kurs der Mitte. (Getty Images / North America / Justin Sullivan)

"Wenn man sich ansieht, wie Leute in Washington miteinander umgehen, wie jahrelange Freundschaften zerstört werden wegen einer Äußerung – das ist es nicht wert. Wenn man Dinge durchsetzen will, muss man sich in andere hineinversetzen können und dadurch einen gemeinsamen Nenner finden."

Mit Amy Klobuchar und Elisabeth Warren, der Senatorin aus Massachusetts, bewerben sich gleich zwei ernstzunehmende Demokratinnen um die Präsidentschaft. Noch vor ein paar Monaten waren es sogar sechs Frauen, die sich zutrauten, Präsidentin der USA zu werden. Das gab es bislang in den Vereinigten Staaten noch nie. Überhaupt herrscht in der demokratischen Partei derzeit geradezu ein Boom an starken Frauen. Auslöser war der Wahlsieg Donald Trumps im November 2016.

Trump sorgte für Proteststurm von Frauen

Einen Tag nach Trumps Amtseinführung strömten hunderttausende Menschen – insbesondere Frauen – nach Washington zum Women's March, um für Frauenrechte und vor allem gegen die neue Regierung zu demonstrieren.

Auch im Jahr 2020 gingen die Frauen wieder auf die Straße, nicht nur in Washington, sondern in vielen amerikanischen Städten. Die Themen sind immer noch die gleichen.

"Wo soll ich anfangen? Abtreibungsrecht, Einkommensunterschiede und natürlich sexuelle Belästigung und Frauenfeindlichkeit", sagt eine Demonstrantin, während sie ein Schild hochhält, auf dem steht: Sexualtäter, Steuervermeider, Klimaleugner, Rassist, Lügner und Verräter!

Die sogenannte "Pink Wave" ist inzwischen etwas abgeebbt. Aber immer mehr Frauen strebten nach politischen Ämtern, bestätigt Capri Cafaro. Sie sitzt in einem Hörsaal der American University in Washington vor ihrem Laptop. Die 42-Jährige lehrt Politische Wissenschaft. Bevor sie nach Washington kam, war sie neun Jahre lang demokratische Senatorin in ihrem Heimatstaat Ohio:

"Die Dinge ändern sich. Immer mehr jüngere Frauen engagieren sich in der Politik. Sie sind weniger ängstlich, oder sagen wir, sie lassen sich weniger schnell entmutigen. Und je mehr Frauen kandidieren und dann auch gewinnen – wie zum Beispiel bei den Halbzeitwahlen – desto mehr Gelegenheiten gibt es."

Im US-Kongress sitzen 23,5 Prozent Frauen 

Tatsächlich wurden 2018 bei den Halbzeitwahlen mehr Frauen als jemals zuvor ins US-Repräsentantenhaus gewählt. Seitdem sind 23,5 Prozent des Kongresses weiblich. So viele Frauen wie noch nie zuvor, sagt die demokratische Oppositionsführerin Nancy Pelosi stolz:

"Im Moment gibt es 116 Abgeordnete im Repräsentantenhaus, 91 Demokratinnen und 15 Republikanerinnen. Nichts ist heilsamer für unser Land als das zunehmende Engagement von Frauen in der Politik."

Gleichzeitig war das Repräsentantenhaus noch nie so divers – mit einer rekordverdächtigen Anzahl an Afroamerikanerinnen, der ersten "native American", also Uramerikanerin und der jüngsten Abgeordneten überhaupt. Alexandra Ocasio-Cortez ist erst 29 – genauso wie die Muslimin Ilhan Omar sorgte sie bereits international für Aufsehen. Bei den Republikanern sind Frauen allerdings Mangelware, erklärt Politologin Cafaro:

"Die Republikaner bemühen sich, mehr Frauen zu rekrutieren. Weil sie merken, dass sie von den Demokraten überholt werden."

Außerhalb von Washington, auf Bundesstaatenebene, sei die Situation ganz anders, erzählt sie.

"Dort sind die Frauen häufig Gouverneure. Sogar in den konservativsten Staaten wie zum Beispiel in Alabama oder in New Mexiko oder in Texas. Auf Bundesstaatenebene gibt es viele Frauen, sowohl bei den Demokraten als auch bei den Republikanern."

USA sind bei MeToo und Feminismus Vorreiter

Sicherlich hat die "MeToo"-Bewegung für mehr Bewusstsein in Sachen Geschlechtergerechtigkeit gesorgt. Dennoch würden Frauen in der US-Gesellschaft noch vielfach diskriminiert, bestätigt Capri Cafaro. Auf ganz subtile Art:

"Oftmals sind geschlechtsspezifische Vorurteile verinnerlicht. Viele Leute merken noch nicht mal, dass sie Vorurteile haben."

Madeleine Albright, Condoleezza Rice, Nikki Haley, Sarah Palin und natürlich Hillary Clinton. Es gab durchaus Frauen in der Top-Riege der US-Politik, aber nicht viele. Und das, obwohl die USA beim Feminismus eine Vorreiterrolle einnimmt. Bei Frauen würden andere Maßstäbe angelegt, sagt Capri Cafaro.

"Wenn's ums Äußere geht, oder ums Verhalten. Man muss nett sein, aber nicht zu nett. Tough, aber nicht zu tough, und attraktiv, aber nicht zu attraktiv."

Mehrheit der US-Bürger nicht bereit für Präsidentin

Erfüllt Elisabeth Warren diese Kriterien? Mit der randlosen Brille und dem praktischen Kurzhaarschnitt ist die Präsidentschaftskandidatin nicht gerade das, was man eine auffallende Erscheinung nennt. Dafür gilt die ehemalige Harvard-Professorin als hochintelligent.

US-Senatorin Elizabeth Warren auf einer Wahlkampfveranstaltung 30. November in Chicago. (imago images/ZUMA Press)US-Senatorin Elizabeth Warren liegt im Rennen der Demokraten auf Platz vier und hat somit kaum noch Chancen auf die Präsidentschaft. (imago images/ZUMA Press)

Nützt ihr das im Wahlkampf oder wird ihr die Intelligenz eher als Arroganz ausgelegt? Sind die Amerikaner derzeit überhaupt offen für eine weibliche Präsidentin? Warrens parteiinterner Kontrahent Bernie Sanders bezweifelte das angeblich in einem privaten Gespräch mit Elisabeth Warren. Doch die 70-jährige Vollblut-Demokratin sieht das anders.

"Am Ende des Tages – wenn die Leute sich für einen Präsidenten entscheiden - muss es jemand sein, dem sie vertrauen. Und da kann man auch mal Neues wagen. Unsere Partei steht dafür und unser Land auch. Wir können und wir sollten im Jahr 2020 eine Frau als Präsidentin haben."

Schon Hillary Clinton sprach 2016 im US-Wahlkampf von der "härtesten und höchsten gläsernen Decke" überhaupt. Sie erfuhr am eigenen Leibe, wie schwierig es für Frauen im Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten ist, sich an die Spitze zu kämpfen. Am Ende bekam sie drei Millionen mehr absolute Stimmen als ihr Widersacher Donald Trump und wurde trotzdem nicht Präsidentin.

Das Land wäre reif für eine Frau, aber in einer Zeit, in der Donald Trump und seine Republikaner rekordverdächtige Zustimmungswerte haben, scheint die Mehrheit der Amerikaner nicht offen zu sein für eine Präsidentin, so das Resümee von Professorin Capri Cafaro:

"Die Amerikaner denken vielleicht, dass sie gerne eine Präsidentin hätten. Aber die Realität sieht anders aus. Ob es bei Hillary Clinton nun daran gelegen hat, dass sie eine Frau ist, weiß man nicht. Für ihre Niederlage gab es noch andere Gründe."

Beste Chancen auf Präsidentenamt haben Männer

Zurück zur Wahlkampfveranstaltung von Amy Klobuchar. Während die Demokratin schon längst zum nächsten Termin geeilt ist, wird im Saal noch diskutiert. Fast alle sind begeistert von der Senatorin aus dem Mittleren Westen. Sogar die Männer:

"Ich war sehr beeindruckt von ihr. Ich fand, dass sie hier wirklich Vertrauen und Trost verbreitet hat. Falls sie gewählt würde, wäre sie eine gute Repräsentantin für unser Land."

Vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Amerika ein weibliches Staatsoberhaupt bekommt. Bei den nächsten Wahlen im November sieht es jedoch nicht danach aus. Dort haben vier Männner Ende 70 die besten Chancen: Donald Trump, Bernie Sanders, Joe Biden und Michael Bloomberg.

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