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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.08.2009

Frauen in der Fremde

Sana Krasikov: "In Gesellschaft von Männern", Luchterhand Verlag, München 2009, 283 Seiten

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Krasikovs Geschichten handeln von einsamen Frauen fernab der Heimat. (Stock.XCHNG / Daniel Andres Forero)
Krasikovs Geschichten handeln von einsamen Frauen fernab der Heimat. (Stock.XCHNG / Daniel Andres Forero)

Die Erzählungen von Sana Krasikov spielen überwiegend in den USA, auch wenn die Heimat der Protagonisten – Russland, Georgien oder die Ukraine – allgegenwärtig ist. Ihre wirtschaftliche, aber auch politische Situation dort hat viele der Figuren zur Emigration bewogen. In der Hoffnung auf ein besseres Leben oder schlicht zum Geldverdienen sind sie gekommen.

Da ist die Georgierin Maja, die als Vollzeit-Pflegerin bei einer Amerikanerin in Upstate New York lebt und arbeitet und ihren Sohn bei der Schwester in Tiflis zurückgelassen hat. Als der Halbwüchsige nach schwierigem Vorlauf für ein paar Tage zu Besuch kommen darf, macht die Entfremdung zwischen Mutter und Sohn das lang erwartete Treffen zum Fiasko.

In der Titelgeschichte des Buches "In Gesellschaft von Männern" lebt die Heldin Ilona zwar schon viele Jahre legal in den USA, haust aber nach ihrer Scheidung aus Geldmangel bei einem alten Mann, der ihrem Traum von Partnerschaft gänzlich widerspricht. Die Verkupplungsversuche von Freunden und Bekannten mit Männern ihres russisch-georgischen Milieus bleiben erfolglos.

Krasikovs Geschichten beschreiben realistisch, fast nüchtern die Lebensbedingungen von Migrantinnen in den USA – aber auch ihren Mangel an Alternativen. Einige wenige Figuren kehren zwar in ihre Heimat zurück und versuchen dort erneut ihr "Glück zu machen", aber auch diese Bemühungen haben etwas Vergebliches.

Sana Krasikov schöpft in ihren Geschichten offensichtlich aus Erfahrungen und Begegnungen im eigenen Umfeld. Die Tochter jüdischer Emigranten wurde in der Ukraine geboren, wuchs in Georgien auf und kam als knapp Neunjährige mit ihrer Familie in die USA. Sana Krasikov studierte zunächst Chemie, dann Literatur und Kunst und erhielt ein Fulbright-Stipendium.

Krasikovs Texte finden sich mittlerweile in renommierten Zeitschriften wie dem New Yorker oder dem Atlantic Monthly. Sie gilt in den USA als eines der neuen jungen Talente der "short story". Für ihr Debüt "One more year" erhielt sie in diesem Jahr den mit 100.000 Dollar dotierten "Sami-Rohr-Preis" für jüdische Literatur.

Diese Sammlung mit dem deutschen Titel "In Gesellschaft von Männern" umfasst insgesamt acht Erzählungen. Russische und georgische Frauen in der neuen "Heimat" USA stehen darin im Zentrum – dennoch werden einige der Geschichten aus Sicht von Männern erzählt. Das ist ein kleines, aber bezeichnendes Detail für die Herangehensweise von Sana Krasikov an ihre Figuren.

Gerade in der Darstellung von Mann-Frau-Beziehungen ist sie unparteiisch und genau: Auch wenn viele der Frauen einem klassischen Opferschema entsprechen, gibt es keine einfachen Schuldzuweisungen. Selbst in der Geschichte "Die bessere Hälfte", in der es um häusliche Gewalt zwischen einem Amerikaner und seiner russischen Ehefrau geht, entrollt sich ganz allmählich ein Beziehungsgeflecht, bei dem beide Partner ihre Rolle spielen.

Keine Liebesgeschichten also, sondern Erzählungen über Träume, Illusionen, Erwartungen und vor allem Enttäuschungen. Das liest sich nicht larmoyant oder sentimental. Die Autorin erzählt mit großer Ruhe und Intelligenz – und hat in ihrer Menschenkenntnis eine Tschechow’sche Qualität, die sich wunderbar mischt mit dem Sound der modernen amerikanischen "short story".

Besprochen von Olga Hochweis

Sana Krasikov: In Gesellschaft von Männern
Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz
Luchterhand Verlag, München 2009
283 Seiten, 8,00 Euro

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