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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 08.10.2018

Frauen in der CSU Unterrepräsentiert und unzufrieden

Von Mathias von Lieben

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Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, die stellvertretende CSU-Generalsekretärin Daniela Ludwig und Bundesinnenminister Horst Seehofer. (Peter Kneffel/dpa)
Die stellvertretende CSU-Generalsekretärin Daniela Ludwig umringt von den Führungsfiguren der Partei. (Peter Kneffel/dpa)

Kurz vor der Landtagswahl in Bayern kehren viele Wähler der Partei den Rücken, darunter auch zahlreiche Frauen. Die männliche Dominanz und der zunehmende Rechtskurs stößt viele CSU-Wählerinnen ab. Die Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig will das ändern.

"Starke Frauen für Bayern": Unter diesem Motto hat die CSU-Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig in das Rosenheimer Café Innig eingeladen. Rund 80 Frauen sind gekommen, die meisten zwischen 40 und 70 Jahren, manche in traditioneller Tracht. Die Herbstsonne wärmt an diesem Samstagmorgen die Biergarten-Besucher, am Horizont sind die Alpen zu sehen.

Im Innenbereich wartet ein üppiges Frühstück mit Brezen und Sekt auf die Gäste – oberbayerische Wochenend-Idylle:

"Deswegen tun sie sich zusammen in ihren Verbänden. Und dann marschieren sie los."

Wichtige Posten besetzen die Männer

Daniela Ludwig, zugleich stellvertretende Generalsekretärin ihrer Partei, liegt das Thema Frauenförderung sehr am Herzen. Dafür hat sie sogar eine eigene Kommission eingerichtet. Heute ist der Auftakt der Veranstaltungsreihe, die Teilnehmer sollen netzwerken und über Frauen in der Politik sprechen.

Das passt gut, denn die CSU hat so kurz vor den Landtagswahlen in Bayern ein großes Problem: Seit 1974 haben immer mehr Frauen als Männer die Partei gewählt. Doch jetzt wenden sich viele ab. Was ist passiert? Einen Grund dafür hat Daniela Ludwig bereits ausgemacht:

"Wir haben in der CSU einen Frauenanteil von 20 Prozent bei den Mitgliedern und Mandaten. Das kann uns mit unserem Anspruch, immer noch eine Volkspartei zu sein, nicht reichen."

Zwar ist Ludwig selbst stellvertretende Generalsekretärin der CSU und mit Dorothee Bär ist eine junge Frau als Staatsministerin für Digitalisierung im Kanzleramt nach Berlin gegangen. Die wichtigen Parteiposten besetzen in der CSU aber immer noch Männer.

So entbehrt es nicht jeglicher Komik, dass die Rosenheimer Landtagskandidaten, die an diesem Tag für sich werben, alle drei Männer sind. Daher sei das Format unbedingt notwendig, findet Angelika Artmann, CSU-Gemeinderätin aus Raubling, die gleich in der ersten Reihe Platz genommen hat.

"Wenn 50 Prozent der Bevölkerung Frauen ausmachen, sollte sich das auch in Mandaten widerspiegeln."

Auch sie weiß: In einer Zeit, in der den Volksparteien traditionelle Wählermilieus wegfallen oder sich aufspalten, bedarf es auch einer zeitgemäßen Repräsentation der Frauen. Das hätte viele Vorteile, findet Artmann:

"Ich denke, dass Frauen in gewissen Themen diplomatischer sind und integrierend. Da versuchen Frauen immer den Zusammenhalt zu stärken, ohne ihr Sachthema aus den Augen zu verlieren. Und ich persönlich glaube, wenn wir Frau Merkel nicht an der Spitze hätten, würde das viel eher zu Konfrontation führen, als wie es jetzt ist. Sie hält den Laden zusammen. Vielleicht nicht immer entscheidungsfreudig. Aber ich begrüße diesen Politikstil"

Rechtskurs kommt bei Frauen nicht gut an

Für die schlechten Umfragewerte der CSU – besonders bei Frauen – macht sie die verschärfte Rhetorik in der Asylpolitik verantwortlich. Z.B. vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, Stichwort "Asyltourismus". Oder vom Parteivorsitzenden und Innenminister Horst Seehofer, Stichwort: "Migration ist die Mutter aller Probleme". Dieser Rechtskurs kam bei Frauen nicht gut an, so Artmann.

"Diese Wortwahl in der Asylpolitik war nicht sehr glücklich. Und Frauen reagieren da eben sehr sensibel drauf, wenn es um den sozialen Zusammenhalt geht. Und daher ist es von Vorteil, dass die Wortwahl entsprechend frauenfreundlicher wird."

Den gleichen Eindruck hat Gastgeberin Daniela Ludwig, die während der Veranstaltung immer wieder das direkte Gespräch mit den Teilnehmern sucht:

"Also ich hatte die Wahrnehmung, dass es den Frauen ein bisschen zu hart eingestiegen war. Die sind oft sehr sozial und gut vor Ort verwurzelt, unterwegs, kennen viele Einzelfälle und fühlen sich durch eine zu harte Rhetorik dann teilweise sogar persönlich betroffen. Dieses zu männliche, zu harte ist für viele Frauen manchmal schwer verdaulich."

Zum Beispiel für Christine Domek-Rußwurm, Gemeinderätin im CSU-Ortsverband Frasdorf. Sie trägt ein rosa Kleid, die schwarzen Haare hat sie zusammengebunden. Eine selbstbewusste Frau:

"Es wird zu viel gestritten, viel zu viel gehackelt und gestritten. Und das muss man hervorheben. Es ist ein Thema von ganz vielen."

Viele CSU-Wählerinnen in der Flüchtlingshilfe aktiv

Zwar ist die Asylpolitik für den Großteil der Bayern das mit Abstand wichtigste Thema. Doch viele CSU-Wählerinnen engagieren sich in der Flüchtlingshilfe, wählen die Partei ausgehend von einem christlich-sozialen Wertefundament. Auch Domek-Rußwurm ist in der Flüchtlingshilfe aktiv:

"Ja ich bin engagiert in der Flüchtlingshilfe. Herr Seehofer ist in seiner Tonart manchmal schon sehr hart. Aber er hat nicht für einen Rechtsruck gesprochen, sondern für Recht."

Sie steht weiter zu ihrer Partei. Doch: Aktiv in der Flüchtlingshilfe zu sein und zugleich die scharfe Rhetorik in der Asylpolitik unterstützen – ein Balanceakt für die CSU, wie sie eingesteht:

"Der Balanceakt ist natürlich für mich schwierig, weil auch in meinem Freundeskreis sagen jetzt ganz viele. Boah ihr seid jetzt, wir können euch jetzt nicht mehr wählen."

Der Ton macht die Musik. An der Politik selbst stören sich hier weniger Frauen. Die meisten wollen weiterhin ihre CSU wählen. Das hänge, so Daniela Ludwig, auch damit zusammen, dass die Rosenheimer…

"… der Landkreis waren, der am meisten vom Flüchtlingszustrom betroffen war. Und das haben die Leute hier noch im Nacken. Und da ist der Wunsch groß, dass sich so etwas nicht wiederholt."

Rhetorik zu männlich und zu radikal

So sei auch zu erklären, dass die Rosenheimer bei der Bundestagswahl mit 14 Prozent die AfD gewählt haben, während die CSU genau so viel verlor. Und trotzdem: die kritischen Stimmen in den Reihen der CSU-Wählerinnen, die Rhetorik und Politik als zu radikal empfinden, mehren sich auch hier. Manche wenden der Partei deshalb tatsächlich den Rücken zu. Das hat z.B. Norma Widmann beobachtet:

"Ich habe die Erfahrung gemacht, ich bin die Vorsitzende der Frauen-Union in meiner Gemeinde: Es sind zwei Damen deswegen ausgetreten."

Doch wohin wandern die Frauen ab? Eine Antwort, die bei Umfragewerten bis zu teilweise 18 Prozent naheliegend ist: zu den Grünen, die sich in Bayern viel bürgerlicher geben und trotzdem für eine humane Asylpolitik einstehen. Für die christlich-soziale Wählerschaft eine mögliche Alternative. Vielleicht sogar ein langfristige.

Der Stimmung im Café Innig, wo sich die starken Frauen heute treffen, tut das keinen Abbruch. Unterhalten, netzwerken, den CSU-Geist beschwören. Hier ist alles beim Alten – noch. 

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