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Interview | Beitrag vom 02.11.2018

Frauen im BergbauVon wegen Männersache

Dagmar Kift im Gespräch mit Dieter Kassel

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Eine Arbeiterin mit Lore in einem deutschen Berg in den 1920er Jahren.  (dpa / picture-alliance)
Eine Arbeiterin mit Lore in einem deutschen Berg in den 1920er Jahren. (dpa / picture-alliance)

Zwar verbot Preußen 1865 den Unter-Tage-Einsatz von Frauen in Bergwerken, präsent blieben Frauen dort trotzdem: als Arbeiterinnen über Tage, in der Verwaltung - und als Ersatz für männliche Arbeitskraft in Kriegszeiten.

Der Bergbau als Männerdomäne? Keineswegs. Im 19. Jahrhundert war es gang und gäbe, dass auch Frauen in Bergwerken unter Tage arbeiteten. Bis das Allgemeine Berggesetz für die preußischen Staaten ihnen diese Tätigkeiten 1865 verbot:

"Ja, es gab Frauenarbeit unter Tage vor 1865", sagt die Historikerin Dagmar Kift, stellvertretende Direktorin des Westfälisches Landesmuseums für Industriekultur in Dortmund. "Das ist aber noch ein relativ unerforschtes Feld." Für das Ruhrgebiet nimmt Kift an, dass dort keine Frauen unter Tage eingesetzt wurden, weil der dortige Steinkohlebergbau recht jung sei. "Aber in Oberschlesien gab es das mit Sicherheit, weil da hatten sich auch die Grubenbesitzer 1865 stark dagegen gewehrt, dass es dieses Frauenarbeitsverbot gab." 

Recht gut dokumentiert sei die Situation in England, weil sich dort infolge der rasanten Industrialisierung im 19. Jahrhundert immer wieder Parlamentskommissionen mit den Zuständen in Textilfabriken, anderen Produktionsstätten und im Bergbau befasst hätten. Dort hätten schlimmere Arbeitsbedingungen geherrscht als in den schlimmsten Textilfabriken. "Die Arbeitsverhältnisse waren eben dadurch bestimmt, dass die Strecken und Stollen relativ schlecht ausgebaut waren, dass das Wasser nicht abgepumpt worden ist." Manchmal hätten die Arbeiter und Arbeiterinnen bis zu den Hüften im Wasser gestanden.

Auch Kinder hätten unter Tage gearbeitet, sagt Kift:

"Es gibt ja auch diese Bilder aus den Schulbüchern, so ein Schnitt durch den Untertagebereich in einem englischen Bergwerk, wo Kinder an Türen sitzen, die sie auf und zumachen, und Karren - teils ohne Räder - durch ganz enge Gänge ziehen, kriechend oder sie schieben und dann die Kohle auf dem Rücken durch den Schacht nach oben transportieren."

EU-Gleichstellung öffnete den Frauen das Bergwerk wieder

Im Zuge der EU-Gleichstellungsregeln sei das Frauenarbeitsverbot unter Tage 2009 wieder gestrichen worden, sagt Kift. Die praktischen Auswirkungen dieser Lockerung dürften allerdings gering sein, da zum Jahresende die letzten Steinkohlebergwerke in Deutschland schließen.

Doch auch in den mehr als 100 Jahren, in denen Frauen nicht unter Tage arbeiten durften, waren sie im Bergbau als Arbeitskräfte durchaus vertreten: So hätten Frauen beispielsweise im Ersten Weltkrieg in den Bergwerken des Ruhrgebiets die die Tätigkeiten von Männern über Tage ausgeübt.

"Und danach setzte eben so eine Entwicklung ein, dass Frauen im Putz- und Reinigungsdienst, im Magazin so peu à peu Arbeitsplätze gefunden haben." Hinzu kamen Verwaltung und Gesundheitsdienst, sodass es 1977 etwa 10.000 Frauen gegeben habe, die im Bergbau gearbeitet hätten, so Kift. "Davon drei Viertel als Angestellte."

(uko)

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