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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.04.2012

Frau mit dem Rücken an der Wand

Euripides' "Medea" am Schauspiel Frankfurt

Von Alexander Kohlmann

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Die griechische Tragödie kommt der Methode Thalheimer sehr entgegen. (Stock.XCHNG / Jendo Neversil)
Die griechische Tragödie kommt der Methode Thalheimer sehr entgegen. (Stock.XCHNG / Jendo Neversil)

Theaterregisseur Michael Thalheimer hat die Energie und Macht, die von der gekränkten Medea ausgeht, in ein faszinierendes Stück übersetzt. Das Publikum im Schauspiel Frankfurt verfolgt mit voyeuristischen Schrecken, wie sich eine unausweichliche Tragödie vollzieht.

Kräftig und gefasst spricht Constanze Becker Medeas berühmten Entscheidungsmonolog, jedenfalls nicht von Sinnen. Sie scheint ziemlich genau zu wissen, was sie tut. Doch diese Entschlossenheit ist nur einer der beiden extremen Pole, die diese Figur zu zerreißen drohen. Unmittelbar nach den Zeilen, "... ich unglückliche Frau", bricht auf der Bühne ein Piktogramm-Gewitter los, dass beginnend mit Mann und Frau mit pochenden Herzen, dem ersten und dem zweiten Kind und einem Rolling-Home des durch die Welt ziehenden Medea-Jason-Paares all die vermeintlich weiblichen Idealbilder zeigt, gegen die Medea mit ihrem entschlossenen, kühl-kalkulierenden Handeln verstößt.

Sie bricht zusammen und windet sich schreiend, während auf den Piktogrammen die ersten Szenen von Gewalt und von dem unbändigen Wunsch nach Rache zu erkennen sind, der hier einen Menschen verzehrt und über weite Teile des Abends in eine Art Fratze des Hasses verwandelt, hinter der alle anderen Emotionen zurücktreten.

So kann es gehen, wenn ein Mensch buchstäblich mit dem Rücken an die Wand gedrängt wird, bis er nicht mehr kann, und es aus ihm buchstäblich herausbrechen muss, um die unerträgliche Spannung der Situation aufzulösen. Michael Thalheimer hat dieses Energie und die böse Macht, die von der gekränkten und entehrten Medea ausgeht in eine äußerst faszinierende Grundaufstellung verwandelt. Auf der bis zu den Brandmauern leeren Bühne steht Medea fast zehn Meter von der Rampe entfernt auf dem circa drei bis vier Meter hohen Sockel einer grauen Wand und beherrscht den Raum alleine durch ihre Stimme, die sie nach einem wellenartigen Wehklagen zu Beginn über die weite Bühne in den Zuschauerraum erklingen lässt.

Ihre Kontrahenten ganz vorne an der Rampe spüren dieses Kraftfeld, sowohl der opportunistische, sich durchwindende Jason (Marc Oliver Schulze) im blauen Anzug, als auch der zitternde, skrupelbehaftete Kreon (Martin Rentzsch) trauen sich kaum die zehn Meter entfernte Überfrau anzusehen, werden wie von einem Magneten fast von der Bühne abgestoßen, so stark ist diese Frau, die doch, mit dem Rücken an der grauen Wand, dieses Konstrukt nicht anders verlassen kann, als durch eine Flucht nach vorn.

Als sich die Wand samt Medea dann tatsächlich in Bewegung setzt und langsam und bedrohlich nach vorne fährt, meint man das Explodieren der Energie und der aufgestauten Emotionen förmlich spüren zu können. Bettina Hoppe als mitleidende, einsame Chor-Frau versucht noch den Koloss zu stoppen, der Jason fast zu erdrücken droht und schließlich um all das bringt, was er liebt. Marc Oliver Schulze gewinnt an Format, seine Trauer um den unfassbaren Verlust ist nachvollziehbar, als Medea den Sockel endlich verlassen kann. Ihre Mordtat hat das Thalheimer-Kraftfeld aufgelöst, und sie hat vorgesorgt. Freund Aigeus (Michael Benthin) mit den schmutzigen Hosen nimmt sie auf, auch er konnte sich ihrer Energie wie eine Fliege in einem Netz nicht entziehen.

Die griechische Tragödie kommt der Methode Thalheimer sehr entgegen, das war in Frankfurt, wo Constanze Becker auch schon in seiner Antigone spielte, einmal mehr zu beobachten. Euripides Text formt genau jene "Seelenskulpturen", die Thalheimers Schauspieler innerhalb des vergangenen Jahrzehnts immer wieder auf der Bühne entwickeln durften. Und so ist in Medea zu beobachten, wie gut die klassische aristotelische Dramaturgie auch heute noch funktionieren kann. Alles ist vom ersten Moment an klar, und der Zuschauer verfolgt dennoch gebannt und mit voyeuristischen Schrecken, wie sich auf diesem engen Raum eine unausweichliche Tragödie vollzieht. Wie alle Figuren in eine Art Schockstarre versetzt werden durch den Bann einer Frau, die - mit dem Rücken an der Wand - zurückschlägt.


Schauspiel Frankfurt: "Medea"

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