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Studio 9 | Beitrag vom 04.02.2020

Französische Sklaverei Schwierige Suche nach der Geschichte der Vorfahren

Von Anne Françoise Weber

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Im Vordergrund Sklaven im Wald, im Hintergrund Sklavenjäger. (imago images / KHARBINE-TAPABOR)
Sklaven verstecken sich in den Wäldern. (imago images / KHARBINE-TAPABOR)

Nachfahren versklavter Menschen in den französischen Kolonien widmen sich heute der Ahnenforschung. Die Entdeckungen sind oft schmerzhaft – es fällt vielen schwer zu verarbeiten, dass die eigenen Vorfahren wie eine Ware behandelt wurden.

Heute ist in Frankreich ein besonderer Jahrestag. Denn am 4. Februar 1794 wurde im Zuge der französischen Revolution die Sklaverei ein erstes Mal abgeschafft. Sklaven gab es vor allem in den ersten französischen Kolonien in der Karibik, dort arbeiteten sie auf Zuckerrohrplantagen. Doch Napoléon Bonaparte führte die Sklaverei rasch wieder ein.

Erst im Frühjahr 1848 erging das Dekret, das aus ihnen freie Menschen und Bürger Frankreichs machte. Bis heute gehören die Karibikinseln Guadeloupe, Martinique, die Insel La Réunion im indischen Ozean und Französisch-Guyana zum französischen Staatsgebiet. Viele Nachfahren der Sklavinnen und Sklaven leben heute in Europa. Manche besinnen sich gerade hier auf ihre Wurzeln. Ein Verein hilft ihnen, ihren Stammbaum zu erforschen. Nicht immer sind die Entdeckungen leicht zu verdauen. 

Verein hilft Ratsuchenden

Ein kleiner Ladenraum im Pariser Viertel Belleville. Zur wöchentlichen Werkstatt für Ahnenforschung des Vereins CM98 sind ein knappes Dutzend Menschen gekommen – die einen verantwortlich für die seit 2006 bestehende Werkstatt, die anderen Ratsuchende. Unter ihnen ist die 29jährige Léa. Ihr Vater war schon vor einem Jahr mehrfach hier, jetzt hat er keine Zeit mehr für die Stammbaum-Recherche und sie übernimmt: "Ich mache das auch, um mehr Zeit mit meinem Vater zu verbringen. Und um am Ende ein Buch zu schreiben, in dem ich die Familiengeschichte zusammenfasse. Das kann ich dann auch meinen Brüdern und Schwestern weitergeben. Ich tue diese Arbeit, damit etwas bleibt."

Aus dem Ordner ihres Vaters holt Léa verschiedene Kopien. Es sind Urkunden aus dem 19. Jahrhundert, in sorgfältiger geschwungener Handschrift. Das älteste Dokument ist eine Geburtsurkunde von 1867 aus der französischen Karibikinsel Guadeloupe, von der ihr Vater stammt. Auf mehreren DinA 3-Blättern voller Kästchen hatte er schon Teile seines Stammbaums eingetragen – aber jetzt kommt Léa nicht weiter.

Evelyne Gordien vom Werkstatt-Team packt einen Laptop aus. Der Verein CM98 hat in den vergangenen 30 Jahren zahlreiche Dokumente zusammengetragen, die die Ahnenforschung erleichtern. Zum Beispiel Listen von den Karibikinseln Martinique und Guadeloupe aus dem Jahr 1848, als die Sklaverei abgeschafft wurde. Hier rund 150.000 befreite Sklavinnen und Sklaven mit ihrem neuen Familiennamen – zuvor hatten sie nur einen Vornamen und eine Registernummer.  

Weiterforschen mit Hindernissen

Aber in den Listen des Vereins findet sich kein Name, der auf die Eltern des 1867 geborenen Kindes schließen lässt. Manche Listen sind verloren gegangen. Gordien meint jedoch, dass die Vorfahren von Léa vielleicht schon vor 1848 frei waren. Hier müsse man weiterforschen, aber sie nennt auch Hindernisse: "Die Schwierigkeit ist, dass diese Familie umgezogen ist. Und dass es viele Vornamen gibt; auch der Familienname klingt wie ein Vorname – also weiß man nicht, wie sie im Personenstandsregister eingetragen sind; das macht die Sache kompliziert."

Ob es für Léa einen Unterschied macht, wenn sich herausstellen sollte, dass ihre Vorfahren versklavt waren? "Wenn wir herausfinden, dass es da Sklaven oder Sklavenhalter gab, dann gehört das einfach zu meiner Familiengeschichte", sagt sie. "Bis jetzt glaube ich nicht, dass das ein Problem sein wird – im Gegenteil: Ich möchte nur verstehen, wo ich herkomme."

Gemischte Gefühle   

Ähnlich sieht es Josée Grard. Die 77jährige ist für die Dienstagssprechstunde der Werkstatt verantwortlich und hat heute ihren zweijährigen Enkel mitgebracht. Auch er soll einmal wissen, woher er kommt. Anhand ihres sorgfältig gezeichneten Stammbaums zeigt sie, auf wen sie neben einigen versklavten Vorfahren noch gestoßen ist: "Hier ist meine Großmutter, hier meine Urgroßmutter. Auf dieser Seite waren das alles weiße Sklavenhalter. Dieser Familienzweig hat mich nie interessiert. Eines Tages habe ich ihn dann doch weiterverfolgt – und bin auf meine erste afrikanische Vorfahrin gestoßen."

Der kleine Enkel unterbricht die Erläuterungen. Nachdem Grard ihn beruhigt hat, erzählt sie noch, dass viele Menschen karibischer Herkunft, ihre eigene Mutter eingeschlossen, diese Ahnenforschung anfangs sehr misstrauisch beäugt haben: "Die Alten wollten nicht, dass wir da rangehen. Sie sagten: ‚Warum macht ihr das, warum wühlt ihr den Schlamm auf? Ihr werdet den Schmerz wieder wecken.‘ Wenn man manchen Leute die Registernummer ihrer versklavten Vorfahren gibt, ist das ein Schock. Denn viele unserer Landsleute verstehen sich als Afrikaner, nicht als Sklaven."

Zu wissen, dass die eigenen Vorfahren wie eine Ware behandelt wurden, falle viele schwer, beobachtet Grard. Eine weitere Werkstatt-Teilnehmerin ist dagegen froh, mehr über ihre Großmutter aus Guadeloupe erfahren zu haben: "Sie hat mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin", sagt sie. "Aber ich wusste nichts über ihre Eltern. Ihr Großvater war ein Sklave, den ich in den Archiven gefunden habe. Ich habe auch ihre Mutter gefunden, ihren Vater, ihren Urgroßvater – und einen Teil der Familie, der aus Südwestfrankreich stammt. Und dann noch den Kapitän eines Freibeuterschiffs, der in Guadeloupe geheiratet hat."

Die pensionierte Krankenpflegerin schämt sich nicht für ihre versklavten Vorfahren. Im Gegenteil, sie ist froh, dass sie durch ihre Ahnenforschung jetzt mehr über deren Leid weiß.

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