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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 23.01.2015

Französische Schriftsteller Dritte Generation schreibt über Zweiten Weltkrieg

Von Clarisse Cossais

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Blick auf das Stadtzentrum von Paris, 2008 (picture alliance / ZB / Waltraud Grubitzsch)
Blick auf das Stadtzentrum von Paris (picture alliance / ZB / Waltraud Grubitzsch)

Philippe Claudel, Valentine Goby und Fabrice Humbert erzählen in ihren Romanen von Krieg und Holocaust - obwohl alle drei nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zur Welt kamen. Inzwischen ist es in Frankreich nicht mehr verpönt über den Weltkrieg zu schreiben, ohne ihn erlebt zu haben.

Philippe Claudel: "Was den Roman "Brodecks Bericht" betrifft… ich bin unbewusst lange Zeit um ihn herum geschlichen, denn ich wurde immer von dieser großen Frage erschlagen: "Wie hat es Auschwitz geben können?". Einer Frage, die sich Millionen von Menschen gestellt haben und sich weiterhin stellen. Selbstverständlich gibt es keine Antwort."

Fabrice Humbert :"Ich empfand Beklemmung, über Buchenwald sprechen zu wollen und als ich das erste Mal nach der Veröffentlichung meines Buches einen Deportierten traf, fühlte ich mich beschämt und dachte, ich bin ein Betrüger im Vergleich zu dem, was er erlebt hat."

Valentine Goby: In Ravensbrück stehen nur noch drei Baracken, was bleibt davon, wenn es keine Bücher darüber gibt?"

Valentine Goby, Fabrice Humbert und Philippe Claudel französische Schriftsteller der Enkelgeneration, die sich mit einem Thema befassen, das in Frankreich erneut viele Autoren beschäftigt: Der zweite Weltkrieg und der Holocaust. Die Autoren gehören zu den Nachgeborenen, die den Krieg und seine Verschmähungen nur durch Erzählungen, Berichte von Zeitzeugen oder von Familienmitgliedern kennen.

Lange Zeit galt es als verpönt, sich diesem Thema literarisch anzunähern, wenn man selber nicht betroffen war. Es war die Epoche, in der Zeitzeugen wie Robert Antelme, Anna Langfus, David Rousset, Pierre Daix oder Jorge Semprun ihre Erlebnisse literarisch verarbeiteten und für das französische Publikum einen Teil der Geschichte beleuchteten, der in dem befreiten Frankreich der Nachkriegsjahre zwar Beachtung fand, jedoch bald vergessen werden sollte.

Was viele der Schriftsteller der Kindergeneration sich nicht getraut hatten, übernahmen Mitte der 00er-Jahre Autoren der Enkelgeneration, die in den 60er- und 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts geboren wurden.

"Kinderzimmer" von Valentine Goby

Valentine Goby lebt in einem modernen Hochhaus am Ufer der Seine mit weitem Blick über Paris. In ihrer hellen Wohnung im 9. Stock empfängt sie ihren Gast mit einem umwerfenden Lächeln, ihre dunklen Augen leuchten, sie ist klein und wirkt sehr feminin. Sie hat viele Jahre als Französisch-Lehrerin gearbeitet und etliche Jugendbücher geschrieben, die in Frankreich große Beachtung fanden. Nach einem kleinen Kaffee erzählt sie, wie das Thema ihres 2013 erschienenen Buches - mit dem Originaltitel "Kinderzimmer" – gewissermaßen zu ihr kam:

Goby: "Es kam in Gestalt eines Mannes, der mir erzählte, er sei in Ravensbrück geboren. An sich ist die Tatsache nicht besonders erstaunlich, es haben 130.000 Frauen in Ravensbrück gelebt, das Durchschnittsalter war 22 Jahre, es waren sehr junge Frauen, die gerade verheiratet waren, also im besten Gebäralter. Es waren politisch Deportierte, die beste Tarnung für sie war ein normales Leben. Und so ist es auch ganz banal, dass es in Ravensbrück Geburten gegeben hat. Was aber sehr erstaunlich ist, ist die Tatsache, dass dieser Mann lebend aus dem Lager gekommen ist.

Die französische Schriftstellerin Valentine Goby (AFP / Foto: Pierre Verdy)Die französische Schriftstellerin Valentine Goby (AFP / Foto: Pierre Verdy)

Und da fing ich an, mir Fragen zu stellen, auf die es wenig Antworten gab, weil es wenig Dokumente über dieses Kinderzimmer gibt, von dem ich nichts wusste, bevor dieser Mann mit mir sprach. Danach erfuhr ich, dass es 522 Babys gegeben hatte. Von ihnen haben 31 Babys überlebt, davon drei französische. Sie wurden am Ende des Krieges geboren, denn bis September 1944 mussten die Frauen spät abtreiben und ihre Babys wurden vor ihren Augen getötet. Das ist in einem Lager völlig logisch, wo der Gefangene in erster Linie ein produktives Wesen ist. So wurde ich neugierig."

Valentine Goby begann ihre Recherche, verbrachte viel Zeit in der Bibliothek und sprach mit vielen Zeitzeugen, unter anderen mit Marie-José Chombart de Lauwe, die mit 20 Jahren mit ihrer Mutter nach Ravensbrück deportiert wurde, wo sie als Pflegerin in dem Kinderzimmer des Lagers arbeitete. Die Hauptperson aber ist die fiktive Suzanne Langlois, die unter dem Decknamen Mila für die Résistance arbeitet, bevor sie denunziert und nach Ravensbrück deportiert wird. Kurz vor ihrer Deportierung hat sie einem Zuflucht suchenden Mitstreiter für ein paar Stunden Asyl gewährt. In einem für sie später unverständlichen Moment ist zwischen ihr und dem Fremden eine intime Nähe entstanden. Als sie deportiert wird, ist Mila von dem Unbekannten schwanger. In Ravensbrück kann dies für sie den Tod bedeuten. Sie versteckt ihre Schwangerschaft fast bis zum Schluss.

Zitat ("Éditions Actes Sud", 2013)

"Mila denkt: Ich weiß, was sie aus uns machen werden. Wir werden alle hier sterben, ich werde sterben, wenn nicht durch die Arbeit, dann wird es durch den Hunger sein oder den Durst oder das Gift oder die Selektion oder durch eine Kugel im Nacken oder durch das Kind, das ich trage. (…) Es gibt kein einziges Baby in diesem Lager, keine einzige Mutter, denn gebären, das heißt töten. Aus diesem Grund: Sich vom Kind lösen. Sofort."

Mila bekommt das Kind, ihre Freundinnen tun alles, um ein Überleben im Konzentrationslager zu ermöglichen. Mila ist erschöpft, kann den kleinen James kaum ernähren. Andere Mütter, deren Babys gestorben sind, bieten ihre Milch an. Täglich tauscht Mila Brot für Kohle gegen die Kälte. Nach einigen Wochen jedoch stirbt ihr Baby. Sabine, die französische Pflegerin vom Kinderzimmer, bietet Mila ein anderes Kind an, Sacha, deren Mutter soeben verstorben ist.

Zitat ("Éditions Actes Sud", 2013)

"Sie kennt die Zeit der Leere nicht. Ein neues Kind ersetzt das andere. Im Kinderzimmer vertraut Sabine Sacha Mila an. Sacha, du bist James. Und ich bin deine Mutter. Sacha starrt Mila an. Kein Schrei, keine Träne. Sacha wundert sich nicht über diese neue Frau, die sich über ihn beugt. Die Babys von Ravensbrück wissen alles, man könnte glauben, der Engel hätte sich nie über sie gebeugt, hätte nie den Zeigefinger über ihre Oberlippe gelegt, und keine Spur hinterlassen, die man die Spur des Engels nennt - das Zeichen des Vergessens, nach dem das Leben beginnt oder wieder beginnt, komplett neu gelernt werden muss."

Goby: "Ich schreibe nicht, um Geschichten zu erzählen, ich schreibe, weil das, was mich wirklich interessiert, die Sprache ist. Wie trägt die Sprache eine Geschichte? Das Buch sagt, dass wir nicht dafür programmiert sind, Helden zu werden. Ich spreche von sehr normalen Frauen, nicht von erfahrenen Widerstandskämpferinnen… Es sagt auch, dass wir ohne die anderen nichts können, dass das Individuum wenig wiegt und dass großartige Projekte, die das individuelle Interesse sprengen, nur gemeinsam vollbracht werden. Wie zum Beispiel: Babys am Leben erhalten in einem Todeslager. Und das ließ mich bald aufhorchen, dass es dabei nicht nur um die Geschichte der anderen ging, sondern auch um meine."

Mila und Sacha-James überleben Ravensbrück. In der Rahmenhandlung des Romans erzählt Goby vom Besuch Milas als Zeitzeugin in einer Schulklasse. Dort wird die alte Dame mit der Frage einer Gymnasiastin konfrontiert, wann sie verstanden habe, dass sie nach Ravensbrück gebracht worden war. Die Frage fungiert als Auslöser für eine Reflexion über das Gedächtnis und die Entstehung der Erzählung. Wie entsteht das Erinnern? Wann bekommt der Name "Ravensbrück" die Bedeutung, die er nach dem Krieg hat? Ist zudem nicht alles über diese Zeit gesagt?

Goby:"Natürlich nicht. Auch nicht von den Historikern, die vor allem mit Dokumenten arbeiten. Es geht auch um die Geschichten und Gefühle von Zeitzeugen, um die Einblicke von Künstlern und Romanautoren. Nicht, dass das Schweigen durch Erfindungen gefüllt werden muss, da bin ich völlig dagegen, aber ich denke, dass ich als Autorin Hypothesen formulieren kann. Ich kann aber nicht eine fiktive Geschichte anstelle der verbürgten Geschichte schreiben. Es geht darum, wie man eine kollektive Geschichte schreibt, was von ihr übrig bleibt. Bücher sind außergewöhnliche Gedächtnisorte… In Ravensbrück stehen nur noch drei Baracken, was bleibt, wenn es keine Bücher gibt?"
Gedenkstätte im ehemaligen Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, Brandenburg (AFP)Gedenkstätte im ehemaligen Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, Brandenburg (AFP)

Damit etwas von Ravensbrück und von dem "Kinderzimmer" bleibt, verwendet Valentine Goby eine sehr präzise, ziselierte Sprache. Kurze Sätze erzeugen einen stakkatohaften Rhythmus, atemlos folgt der Leser dem Geschriebenen, dem langsamen Verfall der Frauenkörper. In den französischen Text sind phonetische Beschreibungen von deutschen Wörtern eingestreut, die zu Beginn der Erzählung kursiv geschrieben sind, und schließlich in den Text, in den Wortschatz der französischen Gefangenen eingehen. Es ist die Sprache des Lagers.

Goby:"Die Deutung kommt peu à peu. Hier gibt es kein Verständnis, es ist nur eine Reihe von Bildern und Eindrücken. Diese Bilder schockieren uns wie die Salve eines Maschinengewehrs. Man stirbt davon, aber man bleibt stehen. Die Bilder kommen, man hat keine Zeit, sie zu interpretieren, ihnen einen Sinn zu geben. Das Buch versucht zu zeigen, wie man die Realität zähmt."

Mit ihrer asketischen Sprache und ihren knappen Sätzen verhindert Valentine Goby bewusst, dass ihr Sujet in Gefühligkeit abdriftet. Die ehemalige Kinderschwester  Marie-José Chombart de Lauwe und die überlebenden französischen Kinder von Ravensbrück Jean-Claude Passerat, Guy Poirot und Syvie Aylmer haben die Veröffentlichung des Romans wärmstens begrüßt, der ihrer Leidensgeschichte ein längst fälliges Denkmal setzt.

Jorge Semprun:"Was sind Sie? Ich sage nicht Spanier, ich sage nicht Franzose, ich sage nicht Schriftsteller, ich sage nicht Politiker, vielleicht wenn ich etwas müde und traurig bin, sage ich: Ich bin vor allem ein ehemaliger Deportierter von Buchenwald."

Der 2011 verstorbene Schriftsteller und gebürtige Spanier Jorge Semprun war von 1942 bis 1945 Häftling im KZ Buchenwald. Darüber schrieb er - auf Französisch - mehrere Romane: "Die große Reise", "Was für ein schöner Sonntag" und  "Schreiben oder Leben". Jorge Semprun hat die nachkommenden Schriftsteller ermuntert, über den zweiten Weltkrieg und die Konzentrationslager zu schreiben.

"Der Ursprung der Gewalt" von Fabrice Humbert

Als Fabrice Humbert 2009 seinen Roman "L'origine de la violence", "Der Ursprung der Gewalt" veröffentlichte, beglückwünschte kein Geringerer als Jorge Semprun den jungen und talentierten Autor, mit dem ich in einem belebten Pariser Café verabredet bin.

Fabrice Humbert: "Semprun hat von Anfang an darauf bestanden, dass die nächsten Generationen darüber reden sollten, damit Erinnerung entsteht. Und so bin ich in diesen Prozess des Erinnerns geraten. In den nächsten Generationen wird niemand mehr einen persönlichen Bezug dazu haben, auch wenn irgendein Ur-ur-ur-Großvater im Krieg gestorben ist, aber das Thema wird wichtig bleiben."

Wenn er nicht gerade Interviews gibt oder schreibt, unterrichtet Fabrice Humbert Französisch an einem deutsch-französischen Gymnasium in der Nähe von Paris. Der Roman "Der Ursprung der Gewalt", den es noch nicht auf Deutsch gibt, basiert auf einer wahren Begebenheit:

Humbert: "Die ursprüngliche Geschichte ist eine Familiengeschichte. Ich wusste schon lange, dass es in meiner Familie einen Großvater namens Wagner gegeben hatte, der kurz nach der Geburt meines Vaters verschwunden ist. Er ist später deportiert worden. Eigentlich wusste ich sehr wenig über diesen Mann, aber ich wollte schon lange diese Geschichte aufschreiben, die meinen Vater sehr geprägt hat. Dann fuhr ich nach Weimar mit meiner Klasse, und wir kamen nach Buchenwald. Im KZ sah ich eine Fotografie von dem Lagerarzt, der Wagner hieß, und ich musste sofort an diesen verschollenen Großvater denken, der auch Wagner hieß. So kam die Idee von dem Foto am Anfang der Erzählung, ein Foto auf dem Erich Wagner zu sehen ist. Hinter ihm steht ein Deportierter, der auch Wagner heißt. So fing ich an, diesen Roman zu schreiben."

Zitat (L’origine de la violence, Editions du passage, 2009)

"Vitrinen mit Fotografien und Zeugnissen aus der Zeit folgten aufeinander - manchmal versehen mit Sätzen des ehemaligen Häftlings Jorge Semprun, aus seinem großen Buch ´Schreiben oder Leben`.

Ich schaute nicht so sehr auf die Opfer, diese hageren Silhouetten in gestreiften Uniformen, als vielmehr auf die Täter. Ich wollte ihre Gesichter sehen, ihr Los erfahren, wissen, ob sie bestraft worden waren. Einer von ihnen, Erich Wagner, der Lagerarzt, hatte sogar angenehme Züge. Auf der alten Schwarzweiß- Fotografie lächelte er (…); mit seinem leichten schütteren Haar und seiner Hornbrille, sah er aus wie ein selbstbewusster Intellektueller. Am Ende des Krieges durch die Amerikaner inhaftiert, war er 1948 geflohen. Er hatte danach unter Pseudonym in Bayern gelebt bis er 1962 Selbstmord beging.

Spätes Bereuen, Angst, wieder gefangen zu werden, Krankheit? Davon stand nichts.

Um die Wahrheit zu sagen, hatte ich wenig Muße, darüber nachzudenken, denn ein anderes Gesicht zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Auf dieser Fotografie beobachtete ein Gefangener den Arzt mit einer Besonderen Intensität. Seine Züge fielen mir auf: Sie erinnerten mich an die meines Vaters. …."

Der Mann auf dem Bild erweist sich als der verschollene Großvater des Erzählers, der alles in Bewegung setzen wird, um diesen blinden Fleck in seinem Stammbaum aufzufüllen.

Humbert: "Es ist eine Art doppeltes Denkmal, denn ich habe auf der einen Seite diesen während des zweiten Weltkrieges verschwundenen Großvater geehrt. Ich habe das gemacht, was oft in Büchern über den zweiten Weltkrieg gemacht wird, man gibt Leuten, die verschwunden sind, ein Grab. Oft ist es der Grund, weshalb man schreibt. Sie sind negiert worden, ihre Namen sind gestrichen worden und so kann man durchs Schreiben, ihnen wieder einen Namen geben. Das ist die erste Ehrung. Und natürlich habe ich auch dabei an den Mann gedacht, der meinen Vater erzogen hat, an meinen Großvater Joseph Humbert und ihn in dem Buch porträtiert."

Ein berührendes Porträt. Die Lebensgeschichte eines Mannes, der seine Frau über alles liebt, der Zeuge wird, wie diese sich unsterblich in einen Schwager namens David Wagner verliebt und mit ihm eine Liaison eingeht, aus der ein Kind entstehen wird. David Wagner ist Jude und wird während des Krieges denunziert, der Großvater des Erzählers erzieht den Jungen wie seinen eigenen.

David Wagner wird nach Buchenwald deportiert. Der Lagerarzt Erich Wagner entdeckt eines Tages, dass David Wagner die Fotografie einer schönen, blonden Frau besitzt… das wird das Todesurteil für David Wagner.

Humbert: "Die Frage nach der Wahrheit ist eine wesentliche, wenn es um den zweiten Weltkrieg geht. Bei allem, was wirklich historisch fundiert ist, habe ich nichts erfunden. Die einzige Fiktion betrifft die Figur von David Wagner. Der Rest beruht auf Dokumenten, Geschichtsbüchern. Eine ausschließlich fiktive Herangehensweise kam mir gegenüber  dieser schwer zu verstehenden Wahrheit suspekt vor. Es ist zu wichtig, um erzählerisch verändert zu werden."

Fabrice Humbert hat eine schöne Sprache, seine Sätze sind lang, mäandern wie lange, ruhige Flüsse und der Leser lässt sich auf die Reise mitnehmen, bei der die Dämonen des Erzählers beschworen werden.

Zitat (L’origine de la violence, Editions du passage, 2009)

"Ich bin nicht in der Lage, etwas Anderes zu beschreiben als das: Die Gewalt. Eine grenzen- und maßlose Gewalt, eine Gewalt, die sich mühsam durch die Epochen entwickelt und ab und an ihren zischenden Schlangenkopf hebt. Und auch wenn der Ursprung in diesem Familienschicksal womöglich zu finden ist, ist die Gewalt, in dem Schweigen meines Vaters verkrochen, bis zu mir transportiert worden. Durch diese seltsamen und faszinierenden Wege der Kindheit, diese empfindliche Basis, die für das ganze Leben ein Bewusstsein verleiht, ist mir die Gewalt als Erbe gegeben worden. Ich bin mein Großvater, den Henkern ausgeliefert, ich bin mein Vater, vor selbstmörderischer Gewalt bebend, ich bin der Erbe einer immensen Gewalt, die meine Träume und meine Erzählungen durchquert."

Mit seinen Büchern "La fortune de Sila" und "Avant la chute" hat Fabrice Humbert seine Suche nach dem Ursprung der Gewalt fortgesetzt, in beiden geht es um die Gewalt der Globalisierung, um die Verstrickung menschlicher Schicksale quer über die Landkarte. Beide haben es verdient, ins Deutsche übertragen zu werden. Aber Fabrice Humbert liegt vor allem daran, dass der Roman "Der Ursprung der Gewalt" in Deutschland veröffentlicht wird.

Humbert: "Es ist ein deutsch-französisches Buch. Unter all den Übersetzungen gab es eine, die mir am Herzen lag, und sie ist nicht gekommen: die deutsche Übersetzung."

"Brodecks Bericht" von Philippe Claudel

Jenseits des Rheins im Département Lorraine – Lothringen lebt Philippe Claudel. Sein Roman "Brodecks Bericht" war auch in Deutschland ein literarischer Erfolg. Im Unterschied zu den meisten französischen Intellektuellen wohnt Philippe Claudel nicht in Paris, sondern auf dem Land, in der Provinz - wie man in Frankreich sagt. Und sogar in dem Ort, in dem er geboren wurde, in Dombasles.

Philippe Claudel: "Vom Büro aus, in dem wir sind, befindet sich mein Geburtsort nur 200 Meter Luftlinie entfernt. Und das mag ich. Ich habe während meines Studiums in Nancy gelebt, aber ich bin dann hierher zurück mit dem seltsamen Gefühl, wieder in die Fußtritte des jungen Mannes wieder zu treten, der ich gewesen bin. Das Leben hier hat sich nicht sehr verändert, die Natur drum herum auch nicht, sodass ich heute, wenn ich spazieren gehe, die gleichen Wege gehe, durch die gleichen Felder, die gleichen Obstgärten."

Die Gegend, in der Philippe Claudel aufgewachsen ist, war Schauplatz von vielen Kämpfen zwischen Frankreich und Deutschland, sowohl im ersten und im zweiten Weltkrieg als auch während des deutsch-französischen Krieges 1870-71.

Claudel: "Als ich klein war und heute noch, wenn ich unterwegs auf Pilzsuche bin, finde ich ständig Blindgänger, Bajonette, Stücke von Helmen usw. und natürlich auch Gräben. Sodass es bei mir seit meiner Kindheit eine Imprägnierung durch den Krieg, den Holocaust, gibt. Es gehört zu meiner intimen Geschichte, es gehört nicht nur der französischen oder deutschen oder der europäischen Geschichte."

Der Roman "Brodecks Bericht" bildet den dritten Teil einer Trilogie, die Philippe Claudel den großen Konflikten des 20. Jahrhundert gewidmet hat.

Claudel: "Ich denke, dass die Zeugen nicht die einzigen sind, die über etwas sprechen dürfen. Die Tatsache, dass man eine bestimmte Zeit erlebt hat, ist kein Grund dafür, dass man am besten darüber schreibt. Nichtsdestotrotz hat es über die KZs Bücher von Primo Levi, Robert Antelme, Imre Kertesz, David Rousset gegeben. Es hat also große literarische und philosophische Texte über diese Frage gegeben, aber was mich interessiert und was zur Entstehung von "Brodecks Bericht" beigetragen hat, ist die Erkenntnis, dass Auschwitz der Baum ist, der den Wald versteckt. Es gibt eine Todeszone und eine Todeserfahrung, die in einem sehr begrenzten Land und in einer sehr begrenzten Zeit existiert: Deutschland zwischen 1933 und 1945. …Aber den Völkermord gibt es, seit es Menschen gibt. Die großen Gründungstexte unserer Kultur, die mythologischen Texte zeigen es, sie beweisen es. Es gibt vor Auschwitz historische Beispiele, und es gibt leider auch welche danach, bis heute."

Der französische Schriftsteller Philippe Claudel (dpa / picture alliance / Gero Breloer)Der französische Schriftsteller Philippe Claudel 2008 in Berlin (dpa / picture alliance / Gero Breloer)

In einem nicht näher definierten Land zu einer nicht näher definierten Zeit wird ein Mann namens Brodeck damit beauftragt, über ein schlimmes Ereignis, das das Dorf zerrüttet hat, zu berichten. Im französischen Original befinden sich von Claudel erfundene Redewendungen, die eine Verortung der Handlung im deutschsprachigen Raum ermöglichen. Die Sprache klingt deutsch, ist aber kein gebräuchliches Deutsch. In der deutschen Übersetzung ist diese Nuance nicht mehr vorhanden, nur  die kursiv geschriebenen Ausdrücke deuten auf die Erfindungen im französischen Original hin.

Claudel: "Was mich interessiert hat, bestand darin, einen Roman zu erschaffen, dessen Hintergrund den Leser dazu bringen würde, die Handlung in Deutschland zu orten. Gleichzeitig habe ich alle Details entfernt, die eine genaue Ortung ermöglicht hätten. Ich wollte vielmehr in einer fabelhaften Vision bleiben, im Sinne von Fabel, Legende, Mythos. Ich wollte dem Leser sagen: Ja, es scheint Deutschland zu sein, es gibt eine Sprache, die dem Deutschen ähnelt, es gibt Hinweise, die dazu verleiten könnten, aber gleichzeitig ist es nicht Deutschland, nicht das wirklich existierende."

Eines Tages taucht ein Fremder auf, der Andere, der zum Objekt des gesammelten Hasses des Dorfes wird. Weil er anders ist, zu bunt, zu extravagant. Weil er die verborgenen Seelenwelten der Dorfbevölkerung aufdeckt. Sie wird es ihm nicht verzeihen.

Claudel: "…. Ich bin eines Tages aufgewacht und hatte einen Satz geträumt: ´Ich heiße Brodeck und ich kann nichts dafür.` Der Satz schien mir so rätselhaft, dass ich ihn sehr schnell aufgeschrieben habe und als ich ihn mir später am Tage anschaute, dacht ich mir: Dieser Satz ist magisch… er hat etwas von einem ´Schlüssel`, welches Schloss wird er aufmachen? Das war der Anfang vom Roman, dieser Name, Brodeck. Ich hatte den Namen vorher noch nie gehört und auch nie gelesen. Es hat mich stutzig gemacht. Aber es war auch ein Name, der wie aus Zentraleuropa klingt, man weiß nicht genau, welchem Land man ihn zuteilen soll. Gleichzeitig ist Brodeck derjenige, der webt… aus ´broder`, weben auf Französisch. Ja, das ist der Schriftsteller. Und in diesem Satz war auch ein ´Ich` vorhanden, mit dem Willen, seinen Namen zu sagen und sofort eine Art Schuld von sich zu weisen: Ich kann nichts dafür. Wenn man den Roman betrachtet, steckt der ganze Roman in diesem Satz, es ist wie ein Kern - im atomischen Sinne. Wenn man ihn spaltet, entsteht eine Explosion, die der Roman selbst ist."

Brodeck webt seinen Bericht vielschichtig und erzählt dabei die Geschichte eines europäischen Dorfes im 20. Jahrhunderts, aber auch die Geschichte Europas in Zeiten von Konflikten und Krisen. Als Jude ist auch Brodeck  ein "Fremder" im Dorf. Eines Tages erinnert sich jemand daran und Brodeck wird in ein Lager deportiert.

Zitat (Brodecks Bericht, Rowohlt Verlag, 2009)

"Sie kam nicht allein. Immer trug sie ihr Kind im Arm, einen nur wenige Monate alten, in hübsche Wäsche gekleideten Säugling. Sie wiegte ihn sanft, flüsterte ihm etwas ins Ohr oder summte Kinderlieder, …Das Kind weinte währen der Hinrichtungen nie. Manchmal schlief es, dann weckte die Seelenfresserin es behutsam und zärtlich, und wenn es die Augen aufschlug, mit Ärmchen und Beinchen strampelte und gähnte, gab sie den Aufsehern mit einer einfachen Kopfbewegung zu verstehen, dass die Zeremonie beginnen konnte. Einer der Aufseher trat gegen den Hocker, der Körper des "Du" stürzte, und im selben Augenblick wurde sein Sturz vom Strang ruckartig gebremst. Der Seelenfresserin entging nicht, wie der Körper zuckte, die Füße ruderten und Halt suchten. Ihr entging nicht das Röcheln, das Gurgeln der Eingeweide, die sich entleerten, und auch nicht die Reglosigkeit und Stille, die folgten. Die Frau drückte einen langen Kuss auf die Stirn ihres Kindes, das manchmal ein wenig wimmerte, wahrscheinlich nicht vor Angst, sondern weil es einfach Hunger hatte und nach der Brust verlangte. Dann ging sie schweigend fort. Die drei Krähen nahmen ihre Plätze ein…"

Claudel: "Ich schreibe ganz einfach, weil ich es liebe, weil es mir gefällt und sonst gar nichts. Schreckliche Geschichten zu schreiben, wie die von Brodeck, gefällt mir auch. Die Szene ist grausam. Aber ich kann mich genau erinnern, mit welchem Wohlgefühl ich sie geschrieben habe. Das hängt überhaupt nicht von der Thematik ab, es gibt keine perverse Seite in mir, die es genießt aber die Art und Weise, wie die Sätze kamen, wie es mir gelang, diese Sätze zu schreiben, war ein großes Schreibglück."

Eine berührende und verstörende Lektüre.

Philippe Claudel, Valentine Goby und Fabrice Humbert überzeugen mit ihren Romanen über eine düstere Zeit. Sie haben den Aufruf von Jorge Semprun ernst genommen, damit die Erinnerung bleibt.

Goby: "Nur die dritte Generation kann versuchen, dieses völlig utopische Vorhaben zu realisieren: Die Zeit auflösen, Vergangenes im Präsens neu schreiben."

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