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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.02.2021

Franzobel über "Die Eroberung Amerikas"Der erfolgloseste Eroberungsfeldzug der Geschichte

Moderation: Joachim Scholl

Ein alter Stich aus dem 19. Jahrhundert zeigt eine Szene aus der gewaltsamen Eroberung Südamerikas im frühe 16. Jahrhundert: Der Inkaherrscher Atahualpa begegnet Francisco Pizarro und Hernando de Soto. (picture alliance / Prisma Archivo)
Die Begegnung von Atahualpa mit Francisco Pizarro und Hernando de Soto endete für den Inkaherrscher mit dem Tod. (picture alliance / Prisma Archivo)

Die Conquistadores richteten in Südamerika auf der Suche nach Reichtümern ein Gemetzel an. Der österreichische Autor Franzobel hat einen von ihnen zum Helden seines neuen Romans gemacht. Und vermischt dabei Grausamkeit und Humor.

Cortes, Pizarro und Aguirre sind weltbekannte spanische Eroberer – und zugleich Massenmörder, die die indigene Bevölkerung Südamerikas brutal unterwarfen und niedermetzeln ließen. Der österreichische Autor Franzobel ("Das Floß der Medusa") erzählt in seinem neuen Buch "Die Eroberung Amerikas" die Geschichte eines weniger berühmten Spaniers: Der Edelmann Hernando de Soto begleitete unter anderem Pizarro nach Peru und traf als Erster den Inkakönig Atahualpa.

1538 brach de Soto zu einer Expedition auf dem Gebiet der heutigen USA auf, um sein eigenes El Dorado zu entdecken. Doch in Florida und am Mississippi fand er keine Reichtümer, Indigene töteten seine Männer. De Soto starb 1542 an Fieber. 

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Warum hat Franzobel ausgerechnet diese Expedition, die als der erfolgloseste Eroberungsfeldzug der Geschichte gilt, zum Thema seines Buches gemacht? Für den Schriftsteller "kulminiert" in der Figur de Sotos "die gesamte Conquista". Er habe in Kuba, Kolumbien und Spanien viele spannende Details und Geschichten recherchiert, sagt Franzobel: etwa die von einer Frau, die in Männerkleidern an der Expedition teilnahm, oder jene von einem Spanier, der zehn lange Jahre bei einem indigenen Stamm verbrachte.

Der Schriftsteller Franzobel (dpa/Arno Dedert)Mit moralisch-aufklärerischen Absichten: der Schriftsteller Franzobel. (dpa/Arno Dedert)

Aufgelockert werden die teils grausamen Beschreibungen durch die skurrile Rahmenhandlung, die im heutigen Amerika spielt: Der Anwalt Trutz Finkelstein vertritt eine Sammelklage gegen die USA, in der die Rückgabe des gesamten US-Gebietes an die Indigenen gefordert wird. War dieser inhaltliche Kontrast nötig, um die Grausamkeiten der de Soto-Handlung erträglich zu machen?

"Ich habe einerseits versucht, sehr nahe an der Historie dran zu sein und die Geschichte möglichst wahrhaftig zu erzählen", sagt Franzobel. "Es ging dann aber für mich nur über den Humor. Sowohl ich als auch der Leser – wir brauchen den Humor, damit wir nicht nach zwanzig Seiten sagen: Diese Geschichte ist so fürchterlich – man mag das zwar verstehen, aber man mag sich das nicht antun."

Durch Unterhaltung könnten die Lesenden das Geschehen besser verdauen – auch wenn das Lachen im Hals stecken bleibe.

Verfremdung des historischen Stoffs

Zum Amüsement gehören auch Verfremdungen und immer wieder ein Heraustreten aus dem historischen Stoff: So sprechen de Sotos Männer, als ob sie im 21. Jahrhundert lebten, erfinden nebenbei den American Football und den Hamburger.

Das Buch verfolge durchaus einen moralisch-aufklärerischen Zweck, sagt der Autor. Der beschriebene Horror solle eine kathartische Wirkung haben:

"Dass man als Leser schon sieht, um wieviel besser es den heutigen Menschen geht, was wir erreicht haben an Humanismus und an Aufklärung. Und wie stark auch der Begriff der Würde in unserer Gegenwart in seiner Bedeutung gestiegen ist."

(mkn)

Franzobel: "Die Eroberung Amerikas"
Zsolnay, Wien, 2021
543 Seiten, 26 Euro

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