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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.09.2017

Franziska Meifort: Ralf DahrendorfStreitfreudiger Vordenker

Von Ulrike Ackermann

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Bundesparteitag der FDP in der Stadthalle in Freiburg 1968 (Verlag CH Beck/picture alliance/dpa/Foto: Fritz Fischer)
Buchcover und Ralf Dahrendorf (M) auf dem 19. Bundesparteitag der FDP in der Stadthalle in Freiburg 1968. (Verlag CH Beck/picture alliance/dpa/Foto: Fritz Fischer)

Ralf Dahrendorf war wissenschaftlicher Assistent bei Adorno und Horkheimer und sein Rededuell mit dem Studentenführer Rudi Dutschke 1968 geriet legendär. Nun hat Franziska Meifort eine äußerst lesenswerte Biografie über ihn geschrieben.

Haben Intellektuelle und Wissenschaftler  etwas in der Politik zu suchen? Aber ja doch. Z.B. solch einer wie Ralf Dahrendorf (1929 - 2009): als "engagierter Beobachter", der mit scharfem analytischen Verstand beobachtet, nach der Wahrheit sucht und wenn nötig, direkt ins Geschehen eingreift und politisch handelt. So beschrieb Dahrendorf die Rolle des Intellektuellen in seinem letzten Buch über Die Versuchungen der Unfreiheit, die der Liberale bis zu seinem Tod verkörperte.

Franziska Meifort, die über Dahrendorf promoviert hat und für ihre Dissertation den Wolf-Erich-Kellner-Gedächtnispreis erhielt, gelingt es glänzend, das facettenreiche Leben Dahrendorfs zu beleuchten. Früh, so zeigt die Autorin, prägte Dahrendorf seine Erfahrung als Schüler in der Gestapo-Haft, Freiheit und Aufbegehren gegen Unfreiheit blieben sein Lebensthema. Während seiner Schüler- und Studentenzeit war er Sozialdemokrat, promovierte über den Gerechtigkeitsbegriff bei Karl Marx und war später Wissenschaftlicher Assistent bei Adorno und Horkheimer am Frankfurter Institut für Sozialforschung.

Engagement in der FDP

Er studierte in Hamburg und London und lehrte später in Tübingen und Konstanz. Seit Ende der 1960er-Jahre engagierte er sich in der FDP. Legendär war sein Rededuell mit dem Studentenführer Rudi Dutschke 1968 in Freiburg. Dieser galt bis dahin rhetorisch als unschlagbar. Dahrendorfs Sieg über ihn brachte ihm Respekt von allen politischen Seiten ein. Seine Forderungen nach "Bürgerteilhabe", fairen "Lebenschancen" und das Pamphlet "Bildung ist Bürgerrecht" fanden schnell Eingang in den allgemeinen politischen Diskurs.

Er wurde Landtags- und Bundestagsabgeordneter, kurze Zeit Staatssekretär und dann bis 1974 EG-Kommissar in Brüssel. Nach diesem Ausflug in die Realpolitik zog es ihn wieder in die Wissenschaft zurück. Bis 1984 leitete er die hochangesehene London School of Economics und lehrte in Konstanz und New York. Seit 1988 britischer Staatsbürger, war er dort bei den Liberal Democrats aktiv und später Mitglied des britischen House of Lords. Inzwischen zum Lord geadelt, hielt er der Wissenschaft die Treue als zehnjähriger Rektor des St Antony’s College der Universitiy of Oxford.

Konflikte sind notwendig für Fortschritt

Seine Ausflüge in die Politik und das Wissenschaftsmanagement hatten seinen soziologischen Blick weiter geschärft, wie seine zahlreichen Bücher, die weit über ein akademisches Fachpublikum hinaus rezipiert wurden, zeigen. Immer wieder, auch darauf weist Meifort hin, greift Dahrendorf in seinen späteren Werken auf Grundsätze seiner Soziologie zurück, wie er sie 1961 in Gesellschaft und Freiheit formuliert hatte: Konflikte sind notwendige Faktoren in allen Prozessen sozialen Wandels und Fortschritts und öffentlicher Streit ohne Denkverbote deshalb nötig.

Kurz vor seinem Tod warnte er noch vor "Pumpkapitalismus" mit außer Kontrolle geratenden Schuldenspiralen und dem Widererstarken autoritärer Führer. Die Biographie von Franziska Meifort würdigt Dahrendorfs Werk und seinen Lebensweg, eingebettet in die Zeitgeschichte. Die Aktualität seines Denkens schwingt dabei immer mit. Das ist atemberaubend. Und ein großes Lesevergnügen!  

Franziska Meifort: "Ralf Dahrendorf. Eine Biographie"
CH Beck, München, 2017
477 Seiten, 38,00 Euro

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