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Religionen / Archiv | Beitrag vom 08.05.2016

Franz von PapenDreiste Lügen eines Überzeugungstäters

Von Adolf Stock

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Franz von Papen (1879−1969) (picture alliance / dpa)
Franz von Papen (1879−1969) (picture alliance / dpa)

Der Rechtskatholik Franz von Papen, letzter Reichkanzler in der Weimarer Republik, war seit 1939 als Botschafter in der Türkei den Nazis zu Diensten. Zu Unrecht redete er nach dem Krieg seine Rolle klein, sagt Reiner Möckelmann, der bei den Recherchen zu einem Buch über Papen keinen Beleg für gute Taten fand.

Reiner Möckelmann: "Angelo Roncalli war Delegat des Vatikan und seit 1935 in der Türkei. Und Papen kam im April 1939 an die deutsche Botschaft als Botschafter in Ankara. Und kurz darauf haben sie sich kennengelernt, zumal Papen nun ein überzeugter Katholik und tiefgläubig, sehr bald den Kontakt zu Roncalli gesucht hat."

Reiner Möckelmann war bis 2006 Generalkonsul in Istanbul, wohl ein Grund, weshalb er sich für die ungewöhnliche Beziehung zwischen dem Vertreter des Vatikan und dem deutschen Diplomaten Papen interessiert. Zwei ganz unterschiedliche Charaktere sind sich in der Türkei begegnet:

"Ein äußerst bescheidener Roncalli, der sehr beliebt im Laufe der Zeit in der Türkei wurde. Er hat humanitäre Arbeit geleistet und die Würde seines Amtes hintangestellt, während ein Papen hochherrschaftlich walten konnte und das auch immer gezeigt hat."

Monsignore Roncalli bewunderte Papen, der 1933 im Auftrag Hitlers das Konkordat mit dem Vatikan verhandelt hatte.

Schon in der 20er-Jahren hatte sich Papen als Mitglied des Adels und als Abgeordneter der Zentrumspartei in Rom erfolgreich um den Titel "Geheimkämmerer di spada e cappa" bei Pius XII. bemüht. Zu hohen kirchlichen Feiertagen präsentierte er stolz Degen und Mantel. Solche Auftritte prägten das wenig schmeichelhafte Image: Papen galt als eitel, naiv und geltungssüchtig.

Er wollte Regimekritiker gewesen sein

Sein Selbstbild war anders. In Nürnberg berief sich Papen auf seine Marburger Rede, die er im Juni 1934 gehalten hatte. Sie sollte belegen, dass er ein Regimekritiker und Friedensstifter war. Doch die Nürnberger Richter sahen in Papen keinen Widerstandskämpfer, sondern einen getreuen Vasallen Adolf Hitlers.

Möckelmann: "Es war eine Mission. Papen meinte das Dritte Reich – dieser Begriff, den hat er selbst ständig geführt, Hitler hat es nachher verbieten lassen, das Dritte Reich infolge des ersten Ottonischen und des zweiten Wilhelminischen Reichs. Heiliges Reich römischer Nation, also Kreuz und Adler zusammen. Kaiser, Königtum und Kirche. Und er sah Hitler in Nachfolge dieser Monarchen und wollte die Kirche zu der Herrschaft zusammenführen."

Schon als Botschafter in Wien hatte Papen den Wiener Kardinal Innitzer mit Hitler zusammengebracht. Nach dem Anschluss Österreichs ließ er in Wien die Glocken läuten. Ein weiterer Weggefährte war Bischof Alois Hudal. Sein Buch "Grundlagen des Nationalsozialismus" hat er 1936 dem "Führer" gewidmet.

Zitat: "Die nationalsozialistische Staatsidee, so wie sie vom Führer gewollt und verkündet, entspricht in ihren großen Zügen durchaus den kulturellen, staatspolitischen, wirtschaftlichen und sozialen Auffassungen der Kirche."

Es ging um Elitedenken und die Idee der Volksgemeinschaft. Aber letztendlich war für Hitler das Bemühen von Hudal und Papen eher eine belanglose Schrulle. Auch der Vatikan wollte Hudal nicht folgen und lehnte es ab, seine Thesen zu diskutieren, obwohl der Theologe damals Rektor des deutschen Priesterkollegs Santa Maria dell‘Anima war, das in der Ewigen Stadt beheimatet ist.

Möckelmann: "Zumal im Jahr 1936 die Erfahrungen mit Brüchen des Konkordats, Verstößen der Nazis schon die heftigsten Übergriffe, Inhaftierung, schon Todesstrafen, in keiner Weise gerechtfertigt hätte, dass eine Symbiose, ein Brückenschlag möglich sein könnte zwischen Katholizismus und Nationalsozialismus."

Er fand keine Schuld bei sich

Die Skepsis des Vatikans konnte Papen nicht bremsen. In der Türkei wollte er Roncalli für seine Sache gewinnen. Mit seinem Anliegen war Papen keineswegs allein. Der Kreis um Kardinal Faulhaber in München, Erzbischof Konrad Gröber in Freiburg und die Ordensbrüder des Klosters Maria Laach hatten ähnliche Ziele. Fast alle dieser Brückenbauer haben nach der Nazi-Diktatur ihre ideologische Nähe zum Nationalsozialismus verschwiegen oder möglichst kleingeredet. So auch Papen:

"Wenn ich mein Gewissen prüfe, so finde ich keine Schuld da, wo die Anklage sie sucht und behauptet."

Angelo Roncalli ließ in der Türkei Taufscheine für ungarische Juden ausstellen, um ihnen den Weg ins Exil zu ermöglichen. Nach dem Krieg wollte auch Papen Juden gerettet haben. Eine dreiste Lüge, sagt Reiner Möckelmann:  

"Das war für mich das Härteste bei der ganzen Recherche, diese Judenfrage. Roncalli hat immens viel getan zur Rettung von Juden, die vom Baltikum über Istanbul nach Palästina wollten. Papen hat sich drangehängt, hat behauptet, er hätte über 10.000 Juden gerettet. Das ist nirgendwo nachweisbar, das heißt, Papen hat sich diesen guten Ruf Roncallis zunutze gemacht, aber Roncalli konnte es nicht bestätigen im Nürnberger Prozess."

"Der Wahrheit eine Gasse". Unter diesem Titel hat Franz von Papen seine Lebenserinnerungen veröffentlicht. Jenseits der Mythenbildung und Selbstinszenierung charakterisiert Reiner Möckelmann Franz von Papen als einen religiösen und politischen Überzeugungstäter, einen pathologischen Fall:

"Pseudologia phantastica. Das ist, wenn jemand Tatsächliches und Erdachtes genauso intensiv erlebt, dass er es nicht unterscheiden kann."

Es wird Zeit, sagt Reiner Möckelmann, das Kapitel Kreuz und Hakenkreuz ad acta zu legen, nicht nur wegen der Wahrheit, sondern auch, um das Ansehen von Papst Johannes XXIII. in Ehren zu halten.  

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