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Interpretationen | Beitrag vom 31.01.2021

Franz Schmidt und seine 4. SinfonieMusik für das Jenseits

Moderation: Olaf Wilhelmer

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Ein Mann der Praxis: Als Komponist, Cellist, Pianist, Organist, Dirigent und Hochschullehrer prägte Franz Schmidt (1874-1939) das Wiener Musikleben (Universal Edition)
Ein Mann der Praxis: Als Komponist, Cellist, Pianist, Organist, Dirigent und Hochschullehrer prägte Franz Schmidt (1874-1939) das Wiener Musikleben (Universal Edition)

Ein großer, spätromantischer Klangstrom, ruhig dahinfließend, aber komplex und mehrdeutig komponiert: Franz Schmidts Vierte Sinfonie ist ein Rätsel. Im Konzert ist sie recht selten zu hören, allerdings gibt es etliche prominent besetzte Einspielungen.

Ein "Requiem für meine Tochter" nannte Franz Schmidt seine Vierte Sinfonie – gedacht als Trauermusik für eine Frau, die im Wochenbett gestorben war. Zugleich erscheint dieses Werk als musikalische Meditation eines Menschen, der den eigenen Tod vor Augen hat.

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

Als Cellist der Wiener Hofoper und der Wiener Philharmoniker war Franz Schmidt ein Mitstreiter Gustav Mahlers – und manchmal auch ein Gegenstreiter, denn die beiden musizierenden Komponisten gerieten öfters aneinander. Während Schmidt seinen Chef als Dirigenten bewunderte und dessen Arbeit als "Erdbeben von unerhörter Intensität" empfand, stand er Mahlers Sinfonien kritisch gegenüber.

Zwischen Romantik und Moderne

Tatsächlich ist das, was Schmidt in seinen eigenen vier Sinfonien schuf, im Unterschied zu Mahler mehr abgezirkelt als Grenzen sprengend, mehr nach innen gerichtet als weltumarmend – die Ideen, die man im Wien des frühen 20. Jahrhunderts von einer Sinfonie hatte, konnten sehr unterschiedlich sein.

Obwohl Schmidt ein Spätromantiker durch und durch war, gehörte er als Vertreter des Geburtsjahrgangs 1874 bereits einer späteren Generation als Mahler an. Im gleichen Jahr war auch Arnold Schönberg geboren worden; man kannte und schätzte sich gegenseitig.

Tragik und Erneuerung

Zu Gustav Mahler gibt es allerdings eine biografische Parallele, denn beide traf das Schicksal, eine Tochter zu Grabe tragen zu müssen. In beiden Fällen war die persönliche und künstlerische Verarbeitung dieser Tragödie von eigener Krankheit begleitet. Und wie Mahler gelang es auch Schmidt, Kraft für etwas künstlerisch Neues zu schöpfen, das den biografischen Anlass weit hinter sich ließ.

"Sei davon benachrichtigt, daß die vierte Symphonie fertig ist. Ich weiß nicht, ob sie mein stärkstes Werk ist, aber das wahrste und innerlichste ist es auf jeden Fall. Dir ist das Werk gewidmet. Halte es lieb und in Ehren", schrieb Schmidt an den Dirigenten Oswald Kabasta, der das 1933 vollendete Werk mit den Wiener Symphonikern zur Uraufführung brachte.

Wer frischen Wind in die Musik bringen will, lebt nicht selten aus dem Koffer: Der estnische Dirigent Paavo Järvi ist mit Franz Schmidts Musik seit langem vertraut (imago images / Scanpix)Wer frischen Wind in die Musik bringen will, lebt nicht selten aus dem Koffer: Der estnische Dirigent Paavo Järvi ist mit Franz Schmidts Musik seit langem vertraut (imago images / Scanpix)

Franz Schmidt spannt hier einen großen Bogen von rund einer Dreiviertelstunde Spieldauer. Die vier Sätze seines Werkes, die zunächst klassisch anmuten, gehen ineinander über und erweisen sich bei genauerer Betrachtung als vielschichtig und mehrdeutig.

Aus einem fahlen Trompetensolo heraus entwickelt sich Takt für Takt ein großer Klangstrom, der zuletzt wieder abschwillt und in das Trompetensolo zurückläuft. "Es ist sozusagen die letzte Musik, die man ins Jenseits hinübernimmt, nachdem man unter ihren Auspizien geboren wurde und das Leben gelebt hat", notierte Schmidt dazu.

Den großen Bogen spannen

Diese Musik klingt stets wie selbstverständlich – aber lässt sie sich auch so spielen? Beim vergleichenden Hören verschiedener Einspielungen erweisen sich der Aufbau und das Durchhalten eines dreiviertelstündigen Bogens als Herausforderungen, denen die Interpreten mit unterschiedlichen Konzepten begegnet sind, darunter Dirigenten wie Josef Keilberth, Hans Swarowsky, Zubin Mehta, Franz Welser-Möst, Neeme Järvi sowie neuerdings Kirill Petrenko und Paavo Järvi.

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