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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.07.2018

Franz Hohler: "Sommergelächter"Wie man das Herz mit dem Verstand erzieht

Von André Hatting

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Buchcover: Franz Hohler "Sommergelächter" (Luchterhand Verlag / imago)
Franz Hohlers Verse sind für alle da. Verständlichkeit ist für ihn eine Auszeichnung. (Luchterhand Verlag / imago)

Der bekannte Schweizer Kabarettist Franz Hohler schreibt im Gedichtband "Sommergelächter" das, was Bertolt Brecht Gebrauchslyrik genannt hat. Klar und verständlich formulierte Verse - zum Beispiel über Liebe und Erotik.

Franz Hohler hat viele Leben. Im ersten ist er einer der bekanntesten Schweizer Kabarettisten, im zweiten arbeitet er als Schriftsteller, als Verfasser von Kurzgeschichten vor allem und im dritten ist er auch Lyriker. Hohler schreibt selten Gedichte. Nur drei Bände hat der heute 75-Jährige im Laufe seines langen Künstlerlebens veröffentlicht. Alle sind jetzt in einem Buch zusammengefasst. Hohlers Gedichte sind das, was Bertolt Brecht Gebrauchslyrik genannt hat: Klar und verständlich formulierte, oft sehr persönliche Verse zu konkreten Themen und Anlässen - Anti-Atomkraft-Demos, der Abschuss des Personenflugzeugs über der Ukraine, der Tod eines Freundes und viele kleine Alltagsbeobachtungen wie zum Beispiel durch seine Heimatstadt Zürich flanierende Frauen:

An ihrem forschen Schritt

und den gepressten Lippen
war abzulesen
dass sie fest entschlossen waren
den Sonntag
zu genießen.



Lyrik verlange ein kleines Innehalten, sagte Franz Hohler im "Lesart"-Gespräch anlässlich des Erscheinens des Gedichtbandes:

Stilistisch bleibt Franz Hohler auch in seiner Lyrik oft Kabarettist. Die Gedichte folgen einer Dramaturgie, am Schluss kommt die Pointe, der überraschende Twist. "Hohler spricht und erzieht dabei", schreibt Nora Gomringer treffend in ihrem Nachwort. Dieses Engagement im Enjambement ist eine Erziehung des Herzens mit den Mitteln des Verstandes:

Mutter Erde

(z. Zt. Fukushima)

Es hat mich gejuckt
ihr Menschen
tief unter der Haut
da musste ich mich
kratzen
während ihr glaubtet
ich halte mich still

Ja
habt ihr denn
nicht gewusst
dass ich lebe?

Manche Gedichte, vor allem die knackig kurzen, erreichen dabei die Bonmot-Qualität von Kalendersprüchen:  

Sommerzeit

Die Tage
werden wieder
länger

ohne dich.

Das ist einfach schön gesagt. Hohler holt die große weite Welt in seine kleine eigene. Besonders charmant gelingt ihm das, wenn er Klassiker wie Vergil, Shakespeare oder Sappho auf Schweizerdeutsch nachdichtet:

Gliederlösender Eros treibt wieder mich

um, süß-bitter, unzähmbar, ein wildes Tier.

d Liebi

d Liebi isch wider hindermer här

wo mir s Bluet i d Odere jagt

schmöckt süess und suur mitenand

es Viich, wo niemar cha zähme.

Am stärksten ist Franz Hohler, wenn er Stimmungen für sich arbeiten lässt, die er mit wenigen Pinselstrichen skizziert. Dann treffen seine Verse ins Mark. Das Gedicht "Bahnhof Oerlikon, Freitag" ist beeindruckendes Beispiel dafür:

Zuerst

auf den Monitoren
in der Unterführung
verspätete Abfahrtzeiten

dann auf dem Bahnsteig
die rot gefleckten Sperrzonenbänder
der Polizei

aus dem Lautsprecher
Sonderdurchsagen

der stehende Zug

und dann
auf Gleis 4
die Männer
in leuchtenden Jacken

und mittendrin
das weiße Zelt.

Franz Hohlers Verse sind für alle da. Verständlichkeit ist für ihn eine Auszeichnung. Er will keine Germanistikseminare füttern, sondern möglichst viele Menschen erreichen. Im letzten Gedicht der Sammlung, "Schlechte Presse", bringt Hohler diese Programmatik auf den Punkt:

Wenn die großen

literarischen Feinschmecker
ihre Gault-Millaut-Punkte verteilen
gehe ich öfters leer aus.

Doch meine Volksküche
ist gut besucht.

Franz Hohler: Sommergelächter. Die Gedichte.
Luchterhand, München 2018
352 Seiten, 20 Euro

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