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Tonart | Beitrag vom 05.05.2015

Frankreichs Musiker nach Charlie HebdoZwischen Provokation und Aufklärung

Von Martina Zimmermann

Tausende Menschen haben sich erneut in Paris versammelt, um der Opfer des Anschlags auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" zu gedenken. (AFP / Martin Bureau)
Viele Musiker zeigen sich nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo solidarisch (AFP / Martin Bureau)

Sänger aus allen Musikgenres sangen nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo von ihrer Trauer und warben für mehr Toleranz. Aber es gibt auch Musiker, die Verständnis für die andere Seite aufbringen. Damit lösen sie in Frankreich einen Skandal aus.

Adieu mon pays, so heißt dieser Song vom neuen Album des französischen Rappers Booba. "Auf Wiedersehen, meine Heimat" singt Booba dort, der seiner Heimat den Rücken zugewandt hat und heute in Los Angeles lebt. Sein Rap wurde in Frankreich Millionen Mal verkauft, nach 20 Jahren auf der Bühne gilt er als einer der erfolgreichsten französischen Rapper.

Der Rapper hat das Attentat auf Charlie Hebdo in den USA erlebt. Im Interview erklärt Booba, auch er habe sich nach dem Anschlag mit der Satirezeitschrift solidarisch gefühlt: "I am Charlie." Allerdings habe er sich darüber gewundert, dass so ein Anschlag nicht schon vorher passiert sei. Die Karikaturisten hätten den Propheten ja nicht zum ersten Mal gezeichnet.

Booba versteht die, die "Charlie sind" genauso gut wie die, die sich nicht als Charlie fühlen. Die Schlussfolgerung des Rappers: Wer mit dem Feuer spielt, kann sich verbrennen.

Zu schreiben, dass der Koran scheiße ist, sei keine Meinungsfreiheit, sagt Booba. Wörtlich meint er:

"Für mich ist das eine Beleidigung, wie wenn ein Typ mich als dreckigen Hurensohn bezeichnet und er dafür eine Faust ins Gesicht kriegt. Meinungsfreiheit bedeutet zu sagen was man denkt und nicht die Leute zu beleidigen."

Diese Sätze sorgten in Frankreich für einen Skandal. Notarzt Patrick Pelloux, Mitarbeiter bei Charlie Hebdo, der seine Freunde bei dem Attentat verloren hat, reagierte im Radiosender RTL:

"Vielleicht macht dieser arme Rapper sehr guten Rap, aber seine Analysen sind nichts. Es ist bestürzend was er erzählt, er greift alle Opfer an und vergisst, dass die Attentäter Muslime getötet haben, Christen, Journalisten und Zeichner."

Rapper Booba gab das Interview anlässlich seines neuen Albums "DUC" in Anspielung auf seinen Spitznamen Duc de Boulogne, der Herzog von Boulogne, seinem Geburtsort im Pariser Vorort. Auch im neuen Werk des Rappers geht es um Geld, um Frauen und um Waffen. Schock und Provokation gehören zu seinem Gangsterrap.

Hip-Hop-Kollegen äußern Kritik

Boobas Provokationen stoßen allerdings auch bei Hip-Hop-Kollegen wie Jo Dalton alias Jérémie Maradas Nado auf Kritik:

Der Mainstreamrap sei heute vulgär, meint der Hip-Hopper. Er predige Gewalt und Sex. Dieser repräsentiere nicht mehr das Volk und den Alltag. Dabei sei Hip-Hop am Anfang eine Botschaft, war Meinungsfreiheit! Die Rapper waren die ersten Journalisten der Vororte, sie prangerten die dortigen Lebensbedingungen und das System an.

Mit der städtischen Kultur und dem Rap haben die Hip-Hopper gezeigt, dass das Zusammenleben möglich ist. Bevor er Rap machte, kämpfte Jo Dalton in den Straßen gegen Skinheads und Neonazis. Dank des Hiphop kam er zum ersten Mal in Freizeiteinrichtungen mit verschiedenen Menschen zusammen.

Rap soll positive Botschaften vermitteln

Auch Kaddour Hadadi, der Sänger von HK et les Saltimbanks, will mit seinem Rap aus den Vororten von Paris positive Botschaften vermitteln. Nach den Attentaten sei es noch wichtiger, den Menschen Mut zu machen für ein harmonisches Zusammenleben und für eine Welt mit anderen Werten, meint Kaddour.

Seine Musik sei nicht kompatibel mit willigen Gehirnen, die zuvor oder danach Werbung sehen müssen. Er verstehe, warum seine Songs nicht im Radio und im TV gesendet werden. Sie sei Gift für ein System, das unsere Kinder zu hirnlosen Konsumenten machen will. Die Kinder, unsere Brüder und Schwestern sollen nicht nachdenken, sondern alles kaufen, bestimmte Marken wie Musik. Da gehe es nicht um Kunst sondern um Konsum und das empört ihn, weil das die kleinen Brüder und Schwestern in den Vororten nach unten ziehe. Er hingegen möchte, dass sie sich erhöhen. Dazu diene die Kunst.

HK alias Kaddour Hadadi ist in Roubaix in Nordfrankreich geboren und aufgewachsen. Sein algerischer Vater war Gemüsehändler auf dem Markt. HKs Songs stehen in der Tradition des französischen Chansons: Ein guter Text mit einem interessanten, oft engagierten Inhalt.

Hadadi:"Wir machen etwas. Wir bauen etwas auf. Wir sind nicht die Karikatur, die sie haben möchten. Je weniger man uns im Fernsehen sieht, um so besser halten die Schwätzer über die Unmöglichkeit des Zusammenlebens."

Ohne Hass, ohne Waffen und ohne Gewalt

An dem Tag, an dem Dutzende, Hunderte, Tausende wie er überall zu sehen sind, sei jeder von uns ein Beweis, wie absurd diese Reden sind.

HK et les Saltimbanks, "HK und seine Gaukler" spielen öfter auf Konzerten als im Radio. Dennoch haben sie einen Riesenhit gelandet: "On lache rien" – sinngemäß: Wir geben nicht auf. Der Song ist auf jeder Demo zu hören und auch im in Cannes mit der Goldenen Palme preisgekrönten Film "Das Leben der Adèle".

Heute gehe es in Frankreich um Folgendes, erklärt Kaddour Hadadi: Jeder von uns sei ein bisschen Chilene, Chinese, Afrikaner, Europäer oder Amerikaner. Über Internet und Fernsehen seien wir miteinander verbunden. Denken wir in diese Richtung oder verschließen wir uns voreinander?

"Ohne Hass, ohne Waffen und ohne Gewalt" lautet ein weiterer Titel des neuen Albums. Ohne Hass, ohne Waffen und ohne Gewalt möchten HK und seine "Gaukler" die Welt positiv verändern.

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 05.05.2015)

Streit um Satirezeitschrift - Deutscher PEN-Präsident kritisiert Preis für "Charlie Hebdo"
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 28.04.2015)

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(Deutschlandfunk, Kulturfragen, 03.04.2015)

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