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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 05.11.2020

Frankreich im StresstestTerror und Corona erschüttern das Land

Von Bettina Kaps

Bewaffnete Polizisten mit Masken laufen Patrouille auf dem Vorplatz der Pariser Basilika Sacré Cœur, im Hintergrund eine Aussicht auf die Dächer von Paris. (Getty Images / Kiran Ridley)
Frankreich in der doppelten Krise: Die Coronazahlen steigen rasant und die Terrorgefahr ist ebenfalls groß. (Getty Images / Kiran Ridley)

Erst die Coronakrise, dann kam noch islamistischer Terror dazu: Frankreich kämpft derzeit an gleich zwei Fronten. Präsident Macron steht als Krisenmanager unter Druck. In den Schulen herrscht nach der Ermordung des Lehrers Samuel Paty die blanke Angst.

Die Gymnasiallehrerin Nathalie sitzt an ihrem Gartentisch und bereitet ihren Unterricht vor. Die 50-Jährige will keinen Namen nennen, keinen Wohnort und nicht einmal ihren Fachbereich. Aus Sorge, sie könne sonst in einem sozialen Netzwerk auftauchen. Immerhin ist Samuel Paty nur durch Youtube und Twitter zur Zielscheibe geworden.

"Der Mord an unserem Kollegen hat uns völlig traumatisiert. Wir hätten dringend einen Moment Zeit gebraucht, um uns unter Kollegen auszutauschen und die Gedenkzeremonie gemeinsam vorzubereiten. Das war zunächst auch so vorgesehen. Unser Treffen wurde dann aber in letzter Minute vom Ministerium abgeblasen. Stattdessen haben sie pädagogisches Material ins Internet gestellt. Was für ein trauriger Schulbeginn! Wir fühlen uns missachtet und allein gelassen."

Selbstzensur im Klassenzimmer

Zur Terrorgefahr kommt die Pandemie. In Frankreich ist der Lockdown deutlich strenger als in Deutschland. Cafés und Restaurants, Sport- und Kulturstätten, Universitäten und alle entbehrlichen Geschäfte sind jetzt mindestens bis Dezember geschlossen. Wer kann, soll im Homeoffice arbeiten. Die Schulen bleiben allerdings geöffnet. Bei Nathalie drängen sich 35 Schülerinnen und Schüler im Klassenraum, sie kann dort nicht einmal richtig die Fenster öffnen. 

Véronique Bourget unterrichtet französische Sprache und Kultur an einer Fachoberschule. Sie zückt ihr Handy und zeigt ein Foto vom Treppenhaus mit dicht gedrängten Schülerscharen:

"Eigentlich soll ein Einbahnstraßensystem eingeführt werden. Aber bislang kreuzen sich die Schüler und es kommt zu vielen Staus. In den Pausen sollen alle Säle desinfiziert und gelüftet werden – das hat bis jetzt niemand gemacht."

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In den Ferien hat sie ihren Schülerinnen und Schülern einen drei Seiten langen Brief geschrieben. Es ist ein innerer Dialog mit den jungen Leuten: Gedanken zur Meinungsfreiheit und ihren Grenzen, über die Karikaturen, über die Ermordung ihres Kollegen und über ihre Aufgabe als Lehrerin. Über all diese Themen hat Bourget heute ausführlich in der Klasse gesprochen, aber den Brief hat sie nicht ausgeteilt.

"Das war Selbstzensur. Mindestens 60 Prozent meiner Studenten sind Muslime. Ob unter ihnen auch Islamisten sind – wie kann ich das wissen? Also gehe ich kein Risiko ein. Nach dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo vor fünf Jahren habe ich sehr wohl mit meinen Studenten über die Karikaturen gearbeitet. Heute hat ein junger Mann gefragt, ob ich nicht eine zeigen könnte. Ich habe geantwortet: Such sie selbst. Da habe ich mich also wieder selbst zensiert."

Véronique Bourget ist 62 und könnte längst im Ruhestand sein. Aber die quirlige Frau ist mit Leib und Seele Lehrerin. Jetzt allerdings werden die Umstände immer schwieriger. Und sie muss weit mehr als nur ihr Fach vermitteln.

"Ich habe meine Schüler gefragt, ob sie den Unterschied kennen zwischen Islam und Islamismus. Sie  haben von Sunnitentum, Schiitentum und Salafismus gehört. Aber selbst viele Muslime denken, dass Islam und Islamismus ein und dasselbe seien. Heute habe ich ihnen ausführlich erklärt, dass wir nicht den Islam im Visier haben, sondern nur die Auswüchse davon."

Die französischen Lehrerinnen und Lehrer stehen in diesem Herbst vor einer riesigen Herausforderung. Und nicht nur sie.

Überfüllte Arztpraxis ohne Grippeimpfstoff

Es ist neun Uhr abends geworden. Der Allgemeinarzt Gilles Tournier verabschiedet seinen letzten Patienten. Um die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus zu verringern, stehen in der Praxis alle Fenster offen. Draußen lärmt der Verkehr, trotz der strengen Ausgangsbeschränkung. Tournier lässt sich auf einen Stuhl fallen:

"Das war ein harter Tag heute. Covid nimmt wieder volle Fahrt auf. Vorhin musste ich den Notdienst rufen, für eine 68-jährige Risiko-Patientin. Sie bekam kaum noch Luft. Das war dann mal wieder absurd: Ich selbst trage nur diesen Kittel und die Maske, nicht einmal Handschuhe. Aber die Rettungssanitäter waren wie Kosmonauten ausgestattet."

Ein menschenleere Straße in Nantes während des Lockdowns. (imago / Hans Lucas / Estelle Ruiz)Frankreich, wie hier in Nantes, im zweiten Lockdown: Viele Geschäftsleute fürchten um ihre Existenz. (imago / Hans Lucas / Estelle Ruiz)
Covid ist nun überall präsent. Fast alle Familien und Freundeskreise kennen einen Krankheitsfall, sagt Tournier, aber seine Patienten sind längst nicht mehr so verängstigt wie im Frühjahr. Nur die kleinen Geschäftsleute in seinem Viertel sehen schwarz. Der zweite Lockdown trifft sie hart, vielen droht die Pleite. Einer Floristin und einem Gastwirt hat Tournier heute Antidepressiva verschrieben.

"Seit zwei Wochen steigen die Covid-Fälle in meiner Praxis exponentiell an. Ich habe jetzt schon 10 bis 15 Verdachtsfälle am Tag, das ist fast jeder zweite Patient", berichtet er. "Die Regierung war zum Handeln gezwungen. Ob es ausreicht oder nicht, weiß ich nicht."

Wie in vielen Ländern wird auch in Frankreich das Krisenmanagement der Regierung scharf kritisiert. Tournier macht da nicht mit. Nur eins findet er skandalös: Seit dem Sommer hat die Regierung zur Schutzimpfung gegen Grippe aufgerufen, um das Gesundheitssystem zu entlasten. Aber schon nach wenigen Tagen ist der Impfstoff ausgegangen.

"Wo sind die Grippeimpfungen geblieben? Ein befreundeter Apotheker hat 900 Impfstoffdosen bestellt, aber nur 300 erhalten. Den Rest hat die Regierung beschlagnahmt. Offenbar haben sie solche Angst, der Impfstoff könnte knapp werden, dass sie ihn zurückhalten, um ihn später nach und nach herauszugeben Ich selbst als Arzt konnte mich noch nicht impfen lassen. Völlig idiotisch."    

Gilles Tournier schließt die Fensterläden und sperrt die Praxis ab. Im Oktober hat er eine Woche Ferien gemacht. Die Erholung wird wohl nicht lange vorhalten.

Angst vor Unruhen in den Vororten

In Le Perreux-sur-Marne, östlich von Paris, sind Marie-Christine und Gérard Glatigny in der katholischen Gemeinde aktiv. Es ist Allerheiligen, der letzte Tag, an dem die Kirchen noch Gottesdienste abhalten dürfen. Gérard hat Orgel gespielt, seine Frau hat das Gesangsblatt ausgeteilt und Gel verspritzt, für die Handdesinfektion. Ihre Gemütslage?

"Wir versuchen, gelassen zu bleiben. Aber das ist schwer, weil jetzt so viel zusammenkommt", sagt
Marie-Christine. Sie blickt ernst. "Die Attentate: Erst ein Lehrer, dann die Kirche. Zielscheibe ist der Okzident. Und jetzt noch ein zweiter Lockdown..."

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Die ehemalige Krankenschwester setzt auf den interreligiösen Dialog zwischen Christen und Muslimen. Sie weiß, dass der französische Muslimrat die Gläubigen im Land aufgerufen hat, an diesem Wochenende auf ein Fest zu Ehren des Propheten zu verzichten, aus Solidarität mit den Katholiken. Ein starkes Zeichen, sagt Marie-Christine. Und die Bischöfe hätten zur Beschwichtigung gemahnt.

Ihre Sorge gilt jetzt den Banlieues. Dort könnten wieder Unruhen ausbrechen, befürchtet auch Gérard: "Bei uns haben sich Gettos gebildet, das ist ein altes Problem."

"Wenn 90 Prozent der Schüler in einer Klasse Muslime sind, wie können sie sich da integrieren?", fragt Marie-Christine.

"Viele Muslime auf engem Raum, der Lockdown, der Terrorismus und dann noch Brandreden der Politiker. Unser Innenminister hat doch gerade gesagt, in den Supermärkten solle es keine Regale mit Halal-Produkten geben. Das ist völlig überzogen. So was kann Öl ins Feuer gießen."

Offene Moschee positioniert sich

Die Inschrift klingt wie ein Programm: "Eine offene Moschee, eine brüderliche Stadt, ein unteilbares Vaterland" steht in blauen Buchstaben über dem Eingang der Moschee von Mantes-la-Ville, einer Stadt 60 Kilometer westlich von Paris. Im Innern des Gebäudes herrscht geschäftiges Treiben. Einige Frauen und Männer kochen, andere sortieren Altkleider und mittendrin spielen kleine Kinder.

"In der Moschee gibt es einen Wohltätigkeitsverein. Wir können hier mindestens acht Obdachlose beherbergen. Wir kochen auch Essen für Obdachlose und fahren es aus. Darüber hinaus verteilen wir jeden Tag bis zu 200 Lebensmittelpakete an Bedürftige."

Das sagt Moscheedirektor Abdelaziz El Jaouhari. Die Moschee ist außerdem eine Bildungsstätte. 600 Kinder und Jugendliche aller Altersgruppen werden hier in Religion, islamischer Kultur und arabischer Sprache unterrichtet.

Im Audio der Weltzeit spricht außerdem Korrespondent Jürgen König über die Frage, ob das laizistische Frankreich die Kontrolle über religiösen Fanatismus verloren hat.

Die Enthauptung des Geschichtslehrers Samuel Paty hat nun auch den Islamismus ins Programm gedrängt. Noch in den Herbstferien hat El Jahouhari alle Schülerinnen und Schüler zusammen getrommelt, um den Kindern zu erklären, was genau passiert ist, und um mit ihnen direkt ins Gespräch zu kommen.

"Ich war erschüttert, wie viel Angst sie geäußert haben. Manche befürchten, dass es nun zu einer Hatz auf Muslime kommt. Dass sie selbst und unsere Moscheen angegriffen werden. Ich habe versucht, sie zu beruhigen, und erklärt, dass wir in einem Rechtsstaat leben, wo es nicht drunter und drüber gehen kann."

Interreligiöse Predigt gegen die Barbarei

Dabei gibt es durchaus Grund zur Sorge. Frankreich hat die allerhöchste Terror-Alarmstufe ausgerufen. Muslimische Einrichtungen gelten auch als potenzielle Zielscheiben. Der Bürgermeister von Mantes-la-Ville und der örtliche Polizeichef sind in die Moschee gekommen und haben mit dem Rektor über Schutzmaßnahmen beraten. 

Als ein tunesischer Islamist in einer Kirche von Nizza drei Katholiken erstochen hat, hat die Moschee von Mantes prompt reagiert:

"Beim großen Freitagsgebet haben wir den katholischen Pfarrer aus der Stiftskirche empfangen. Der Pfarrer, unser Imam und ich selbst haben zu den Gläubigen gesprochen und die Predigt handelte auch von dieser Barbarei."

Porträt des Moscheedirektors Abdelaziz El Jaouhari. (Deutschlandradio / Bettina Kaps)Moscheedirektor Abdelaziz setzt sich für religiöse Verständigung und Toleranz ein. (Deutschlandradio / Bettina Kaps)
Es ist Mittag. Der Imam ruft zum Gebet. Ein paar Männer knien im Gebetssaal nieder. Die großen Fenster erlauben einen Rundum-Blick in die weite Landschaft, so als ob auch die Architektur die Offenheit der Gemeinde unterstreichen solle. Der Vorbeter ist in Frankreich geboren und aufgewachsen. Das ist nicht selbstverständlich. Etwa 300 Imame in Frankreich stammen aus der Türkei, Algerien oder Marokko und werden von diesen Ländern entlohnt. Eine Praxis, die Staatspräsident Macron nun mit einem neuen Gesetz zum Kampf gegen religiösen Separatismus verbieten will.

Abdelaziz El Jaouhari wurde vor 43 Jahren in einem Dorf in Marokko geboren. Mit dem strikten französischen Laizismusprinzip hat er kein Problem. Selbst die Mahommed-Karikaturen lässt der Rektor gelten. Solche Toleranz wünscht er sich auch von den Gemeindemitgliedern.

"Die Karikaturisten haben das Recht, sich auszudrücken, wie sie wollen. Auch wenn es mich als Gläubigen schockiert. Ich verteidige die Meinungsfreiheit. Meine Glaubensbrüder und ihre Kinder müssen lernen, zu relativieren. Was mir selbst heilig ist, ist es noch lange nicht für andere."

Kritik an Verharmlosung von Salafisten

El Jaouhari engagiert sich auch in Gefängnissen. Er spricht dort mit radikalisierten Islamisten und mit Syrien-Heimkehrern und hat festgestellt, dass die meisten nur ganz geringe religiöse Kenntnisse besitzen. Staatsbürgerliches Engagement wünscht sich der Rektor von allen muslimischen Verantwortungsträgern – da gebe es noch viel zu tun. Er macht aber auch den französischen Politikern Vorwürfe und bezieht sich auf "Islamo-Gauchisme" – eine Debatte, die in Frankreich gerade an Fahrt aufnimmt: Linke Vereine, Parteien und Politiker und auch viele Universitäten seien islamischen Vereinen und Forderungen gegenüber viel zu nachlässig, hat Bildungsminister Jean-Michel Blanquer kritisiert. Verharmlosung und sogar Kungelei mit Salafisten gibt es aber auch bei rechten Politikern, meint El Jaouhari. In seinem konservativ regierten Departement seien jedenfalls ungute Allianzen geschmiedet worden:

"Es gibt Mandatsträger, die den Rückzug in Parallelgesellschaften zulassen, wenn sie dadurch Wählerstimmen erhalten können. Bald wird ein Gesetz gegen den sogenannten islamistischen Separatismus verabschiedet. Ich finde: Solche Absprachen gehören auch zu den Separatismen, die Frankreich bekämpfen muss. Weil sie die Grundlagen der Demokratie untergraben."

Der Rektor zeigt in den Hof, wo ein paar Helfer Lebensmittelpakete in einer Laster packen. Unzählige muslimische Vereine würden sich so wie seine Moschee für die Allgemeinheit engagieren. Aber das nähmen französische Politiker nicht wahr.

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