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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.05.2014

FrankreichErschöpftes Weltblatt

Die Krise bei der Tageszeitung "Le Monde"

Von Ursula Welter

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Gebäude der Zentralredaktion von "Le Monde" (dpa / picture alliance / Ian Langsdon)
Gebäude der Zentralredaktion von "Le Monde" (dpa / picture alliance / Ian Langsdon)

Sieben leitende Redakteure von Frankreichs wichtigster Tageszeitung "Le Monde" sind zurückgetreten. Sie protestieren gegen Umstrukturierungen und Sparpläne, aber auch gegen ihre Chefin.

Brillante Journalistin, ein Arbeitstier – aber von Beginn an recht einsam an der Spitze, so wird Redaktionsdirektorin Nathalie Nougayrède beschrieben.

Anfang 2013 hatte der plötzliche Tod des geachteten Erik Izraelewicz es nötig gemacht, einen neuen Chef zu finden. Die Aktionäre von "Le Monde", Pigasse, Niel und Bergé, hatten unterschiedliche Auffassungen und Kandidaten. Natalie Nougayrède war die lachende Dritte und keineswegs Favoritin. Dennoch wurde sie vom Redaktionskollektiv mit einer Mehrheit ausgestattet: keine Führungserfahrung zwar, dafür langjährige Korrespondentenerfahrung, profunde Kenntnisse Osteuropas, Expertin für Internationale Fragen.

Die einen nennen sie einen "unabhängigen Kopf", die anderen vermissen bei ihr die klare Linie. Wieder andere, die sieben von elf leitenden Redakteuren, die das Handtuch warfen, beklagen "fehlendes Vertrauen" und "schlechte Kommunikation".

Der Redaktionsdirektorin und ihrem engeren Führungsteam warfen die Journalisten von Zeitung und Online-Version einerseits Inkompetenz, andererseits fehlende Bodenhaftung in dieser wichtigen Phase des Umbaus vor.

Ein Team unter Druck

Das Fass lief über, als ein interner Bericht über die Arbeitsbelastungen bei "Le Monde" bekannt wurde, die Chefin tobte, sprach von "Putsch", räumte aber ein, dass das Team unter Druck stehe und erschöpft sei. Versprach Klärung offener Fragen, unterstrich nochmals, dass die für den Sommer geplante, neue Aufmachung der Zeitung Richtung Herbst verschoben aber – das genügte nicht.

"In einer gemeinsamen Mail" schildert die Medienredakteurin des Senders France Info, Céline Asselot, den Aufstand der leitenden Redakteure. Eine Mail mit der Betreffzeile "Unser Rücktritt".

"Eine schwere Krise, mitten im Jubiläumsjahr, 70 Jahre feiert Le Monde". Ein Blatt in der Krise, wie viele andere in Frankreich, zwei Millionen Euro Verlust im vergangenen Jahr, ein Rückgang der Auflage um 3,6 Prozent auf durchschnittlich 219.000 Exemplare täglich. Und nun ein Plan der Direktion, mit dem weder die Redaktionsvertretung noch der Großteil der leitenden Redakteure leben kann:

"Die Umstrukturierung der Redaktion betrifft 50 Stellen, die zur Online-Ausgabe verschoben werden sollen, um die Präsenz von Le Monde auf den mobilen Geräten zu stärken und zu verbessern."

Endlich die hören, die die Arbeit machen

50 von knapp insgesamt 400 Stellen. Die Journalistenvertretung SRM und SRMIA, die sowohl für Blattredaktion als auch für die Internetsparte von "Le Monde" sprechen, nannten die Umbaupläne in einem Schreiben, aus dem die Nachrichtenagentur AFP zitiert, "brutal" und forderten, dass die, die die Arbeit machten, endlich gehört werden müssten.

Denn unklar ist unter anderem, wie die Führungsstruktur des Webauftritts aussehen soll, was aus befristeten Stellen wird, die bald zur Vertragsverlängerung anstehen, ob sie dem Kostendruck zum Opfer fallen.

Auch inhaltliche Fragen stehen im Raum: So soll das Redaktionsteam im Blatt bei den Rubriken "Umwelt", "Wohnen", "Leben in den Vororten" gestutzt werden. Teile der Belegschaft sahen darin "einen geplanten Rechtsruck" von "Le Monde".

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