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Lesart / Archiv | Beitrag vom 15.09.2017

Frankophone Literatur in Tunesien"Ich bin, sprachlich gesehen, halb Franzose, halb Araber"

Von Sigrid Brinkmann

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Zwei Frauen mit Kopftüchern gehen am 27.06.2015 in der Innenstadt von Sousse (Tunesien) an einer blauen Wand vorbei. Bei einem bewaffneten Angriff auf das bei Touristen beliebte Strandhotel Imperial Marhaba sind am Vortag mindestens 37 Menschen getötet worden. (dpa / Andreas Gebert)
Welche Rolle spiel die frankophone Literatur in Tunesien? (dpa / Andreas Gebert)

Französisch rangiert als Weltsprache mit etwa 370 Millionen Nutzern auf Platz 5. "Frankophone" Autoren aus Afrika und Übersee fordern, man müsse die Sprache "aus ihrem exklusiven Pakt mit der Nation" lösen und endlich aufhören, zwischen französischer und frankophoner Literatur zu unterscheiden.

"Man kann sagen, dass die Revolution uns die Freiheit des Wortes gebracht hat, aber für die Fiktion spielt das kaum eine Rolle. Die Weise, wie Familien zusammenleben, hat sich nicht verändert; wie der Andere betrachtet wird, auch nicht. Bei den jungen Leuten gibt es den Wunsch, den familiären Rahmen zu sprengen, herauszutreten und nur im eigenen Namen zu sprechen. Aber vielleicht kann erst die nächste Generation ‚Ich‘ sagen.  Sagen, wer sie sind und dass sie anders sind als das, was man von ihnen erwartet."

Elizabeth Daldoul sucht seit 2005 nach literarischen Stimmen. Weil sie sofort einen Vertrieb für ihre Bücher in Frankreich fand, kann der Verlag Elyzad wirtschaftlich überleben. Im Jahr sechs nach der Revolution entdeckt man in Buchhandlungen ein breites Spektrum an Publikationen, und Texte werden nach der Revolution von 2011 nicht länger zensiert – was fehlt, sind die Leser. 1000 Exemplare eines Romans zu verkaufen, ist in Tunesien bereits ein Erfolg. Gehen 5000 Bücher über den Ladentisch, dann spricht man von einem nationalen Bestseller. Die 35 Jahre alte Khaoula Hosni fragt niemanden, was sie tun könne, um Leser für ihre auf Französisch geschriebenen Romane zu finden.

Nur sieben Prozent der Bevölkerung lesen Bücher

"Ich mag die Pessimisten, die Schwarzseher nicht sonderlich: Also, in Tunesien lesen nur 7 Prozent der Bevölkerung Bücher, und davon lesen 85 Prozent arabische Bücher. Ich hatte, was das Büchermachen angeht, null Ahnung. Der größte Teil der Exemplare meines ersten Romans lag drei Jahre lang in der Wohnung meiner Schwester. Ich schreibe weiter, aber heute entwerfe ich auch den Umschlag, ich kontrolliere das Layout, ich lese Korrektur und kümmere mich um die Werbung. Auch die Lesereise organisiere ich ganz allein. Ich habe eine feste Fangemeinde in Tunesien, aber glaubt mir, das war schon ein ziemlicher Berg, den ich in den vergangenen Jahren erklommen habe!"

"Sémi-indépendant" – halb unabhängig – lautet Khaoula Hosnis Geschäftsmodell. Elisabeth Daldoul bestückt das Programm ihres Verlags Elyzad ausschließlich mit frankophoner Literatur aus Tunesien und anderen afrikanischen Ländern. Es ärgert sie, dass das Bildungsministerium kaum etwas unternimmt, um jungen Leuten Literatur nahezubringen.

"Ich erinnere mich, dass vor dem 14. Januar 2011 kein Schuldirektor je auf die Idee gekommen ist, einen Schriftsteller einzuladen. Es mussten alle möglichen Anträge für eine Einladung ausgefüllt werden. Der Aufwand war ihnen zu groß. Dass Autorengespräche der Bildung dienen, haben sie bis heute nicht verstanden. Es ist schade, dass nur die französischen Gymnasien Autoren einladen. Das ist eine falsche Politik."

Immerhin handeln die französischen Kulturbehörden konsequent, indem sie Begegnungen organisieren. Dies ist umso wichtiger, als religiöse Extremisten, die immer wieder brachial gegen Film- und Theatervorführungen vorgehen, den Gebrauch des Französischen aggressiv als Liebedienerei einer Elite diffamieren. Der Dichter Mohamed Al-Youssefi spricht Französisch, Spanisch und ein wenig Englisch. Als Autor fühlt er sich dennoch nur in der arabischen Sprache zuhause.

Halb Franzose, halb Araber

"Für uns ist die französische Sprache kein Fenster, keine Öffnung, sie macht die Hälfte des Gehirns aus! Ich bin, sprachlich gesehen, halb Franzose, halb Araber.  Und als Araber bin ich noch einmal gespalten, denn es gibt den französisierenden, tunesischen  Dialekt und das literarische Arabisch."

Diese Spaltung könnte der Grund dafür sein, dass die literarisch interessanteren Texte in Tunesien heute auf Arabisch geschrieben werden. Potenziell ist der Markt für arabische Bücher sehr groß, doch erleben tunesische Autoren immer wieder, dass ihre Romane auf der Buchmesse in Riad von saudischen Zensoren entfernt werden. Und ein Verbot zieht in der Regel andere nach sich. Jüngere arabisch schreibende Autoren veröffentlichen ihre Manuskripte vor der Drucklegung häufig schon in Auszügen auf facebook. Der Minderheitenstatus des Französischen, beobachtet die Verlegerin Daldoul, verstärkt die Tendenz zur Selbstzensur.

"Ein Autor fand, ‚Der kleine Bruder Gottes‘ wäre ein passender Titel für sein Buch, aber schlussendlich hat er ihn zurückgezogen. Es gab gar keine explizit religiösen Bezüge in seinem Buch, und trotzdem fand er nicht den Mut. Da habe ich mir gesagt: So ein Mist, es gibt einfach noch zu viele Verbote und zu viel Druck. Wir können uns nicht zurücklehnen und sagen, wir haben eine Revolution erlebt, uff, das wär' geschafft!"

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