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Buchkritik | Beitrag vom 12.09.2018

Franklin Foer: "Welt ohne Geist"Die Techkonzerne und ihre Vision von einer "überlegenen Rasse"

Von Vera Linß

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Cover von Franklin Foer "Welt ohne Geist", im Hintergrund ist ein verzerrtes Facebook-Logo zu sehen (Blessing / picture alliance / Collage: DLF Kultur)
Wie die digitalen Techkonzerne die Menschen der Logik ihrer Algorithmen unterwerfen, verdeutlicht Franklin Foer in seinem Buch. (Blessing / picture alliance / Collage: DLF Kultur)

Google und Co. wollen mit ihrer Daten-Sammelwut nicht mehr nur vordergründig Geld verdienen, sondern vor allem Künstliche Intelligenzen entwickeln, warnt Franklin Foer in "Welt ohne Geist". Der Mensch schrumpfe so zum Probanden für deren hehre Ziele.

Franklin Foer hat den Wandel am eigenen Leib durchlitten. Viele Jahre war er Chefredakteur des traditionsreichen Politikmagazins "The New Republic", das 2012 mehrheitlich von Facebook-Mitgründer Charles Hughes gekauft wurde. Kurz danach ging es los mit der Quotenjagd im Internet. Statt langer Artikel sollten klickstarke Infohäppchen für Werbeinnahmen sorgen, schreibt Foer. Das Blatt sei zum "Technologieunternehmen" umfirmiert, die Integrität des Journalismus ausgehöhlt worden. Foer – überzeugter Journalist und politisch engagierter "Freigeist" – nahm den Hut und mit ihm fast die gesamte Redaktion.

Die "Vereinnahmung" des Journalismus durch das Silicon Valley ist, laut Foer, nur ein Beispiel dafür, wie die digitalen Techkonzerne die Menschen der Logik ihrer Algorithmen unterwerfen. Der Plan dahinter sei die Schaffung einer Künstlichen Intelligenz, die den Menschen überflügelt, mit ihm verschmilzt und den Geist vom biologischen Körper befreit. Alle Nutzer etwa von Google, Facebook oder Apple, legt Foer nahe, sind Probanden eines groß angelegten Experiments, an deren Ende eine "überlegene Rasse" stehe.

Verschleierung des Monopolstrebens der Techkonzerne

Diese Vision sieht Foer bereits in den historischen Wurzeln der "Silicon-Valley-Ideologie" angelegt. Im Rückblick schildert er, wie von Descartes über Turing und McLuhan bis hin zu Steward Brand, dem Inspirator der Cyberkultur des Silicon Valley, die Maschine als Instrument der Befreiung gepriesen wurde. Diese "religiöse Suche" setzten die Techkonzerne fort. An denen lässt Foer kein gutes Haar. Die Vision eines demokratischen digitalen Netzes, das die Gesellschaft besser mache, sei nur noch ein "naives Feigenblatt der Macht". Die "antielitäre Pose" und das "kollektivistische Menschenbild" verschleiere das Monopolstreben der Techkonzerne, denen es darum gehe, ungehindert ihre Pläne zu verwirklichen.

Franklin Foer ist nicht der einzige, der vor der Fremdbestimmung durch die großen Techkonzerne warnt. Seit einiger Zeit schon wird darüber diskutiert, dass Google und Co. mit ihrer Daten-Sammelwut nicht mehr nur vordergründig Geld verdienen, sondern vor allem Künstliche Intelligenzen entwickeln wollen – nach ihren Regeln!

Das Verhalten des Einzelnen steuern

Umso dringlicher die Mahnungen, die Foer mit seiner Analyse verbindet. Schon jetzt hätten sich die Techkonzerne durch ihr Datensammeln ein Bild von unserer Geisteswelt gemacht, mit dem sie nun das Verhalten des Einzelnen steuern wollten. Schon jetzt drückten sich Amazon, Google und Facebook vor Steuerzahlungen, als stünden sie außerhalb des Gesetzes. Schon jetzt beherrsche Amazon ganze Branchen, etwa das Verlagswesen.

Die Lösungen, die Foer anbietet, sind nicht neu: Ein starker Staat soll die Monopole stoppen, Journalismus wieder auf Bezahlmodelle setzen. Verbraucher müssten wieder für Inhalte zahlen. Hier wünscht er sich einen Wandel, ähnlich dem, der sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat – weg vom "Zeitalter der Tiefkühlpizza" hin zu einer bewussten Ernährung. Ein wichtiges Buch! Denn jede Stimme zählt, damit Staat und Gesellschaft die Internetgiganten in ihre Schranken weisen.

Franklin Foer: Welt ohne Geist. Wie das Silicon Valley freies Denken und Selbstbestimmung bedroht
Aus dem Amerikanischen von Dr. Jürgen Neubauer
Blessing Verlag, München 2018
288 Seiten, 18 Euro

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