Donnerstag, 25.02.2021
 

Studio 9 | Beitrag vom 20.06.2015

Frankfurter RennbahnstreitFußballbund gegen Pferdefreunde

Von Ludger Fittkau

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(picture alliance / dpa / Uwe Anspach)
Rennpferde mit ihren Jockeys reiten auf der Galopprennbahn in Frankfurt-Niederrad über die Ziellinie. (picture alliance / dpa / Uwe Anspach)

Beim Bürgerentscheid in Frankfurt sind am Sonntag 500.000 Bürger aufgerufen, für oder gegen eine DFB-Akademie auf der 150 Jahre alten Galopprennbahn in Frankfurt-Niederrad zu stimmen. Die Pferdesportler schimpfen auf die "Fußball-Monokultur".

Willy Brandt-Platz, Frankfurt am Main, die Bankentürme sind greifbar nahe. Vor dem Opernhaus der Stadt warten Hans-Joachim Heddrich und Ina Thielen geduldig darauf, dass die Türen geöffnet werden. An diesem Abend sind sie nicht wegen der großartigen Musiktheater-Aufführungen gekommen, die hier normalerweise stattfinden. Sondern die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat zu einer Podiumsdiskussion eingeladen.

"Rivalen der Rennbahn" lautet der Titel der Veranstaltung. Das klingt zwar auch nach großer Oper, doch es geht um die ganz reale Rivalität zwischen dem Deutschen Fußballbund und dem Deutschen Galopprennsport. Es geht um die neue DFB-Zentrale und ein 15 Hektar großes Leistungszentrum für die Nationalmannschaften, das der mächtige Fußballverband bauen will - eine Art "Kaderschmiede des deutschen Fußballs". Die soll auf dem Areal der 150 Jahre alten Galopprennbahn in Frankfurt-Niederrad entstehen. Das Gelände gehört der Stadt. Der Pferderennsport soll für den Fußball weichen. Hans-Joachim Heddrich und Ina Thielen sind strikt dagegen:

"Der Fußball ist die am höchsten subventionierte Sportart in Frankfurt. 60 Millionen hat man in die Commerzbank-Arena gesteckt, 30 Millionen bekommt der FSV. 10 Millionen haben die Frauen für den Frauenfußball gekriegt, da haben sie auch gleich noch eine schöne neue Flutlichtanlage gekriegt. Das sei denen alles gegönnt."

Ina Thielen: "Und was dem Ganzen die Krone aufsetzt, wir haben am Sonntag den Bürgerentscheid, die Wahl der Bevölkerung in Frankfurt. Da macht man schnell vorher den Vertrag. Das frage ich mich doch sehr, was das für ein demokratisches Verständnis ist."

Die Bürger sollen entscheiden

Die Stadt Frankfurt am Main hat in der Tat erst vor wenigen Tagen mitgeteilt, dass der Pachtvertrag mit dem DFB für das Rennbahngelände schon unterschrieben sei. Wenn am Sonntag allerdings eine Mehrheit der Frankfurterinnen und Frankfurter beim ersten Bürgerentscheid in der Stadtgeschichte gegen die DFB- Akademie stimmen wird, dann wird die Bebauung jedoch gestoppt. Das verspricht der Frankfurter Sportdezernent Markus Frank (CDU):

"Die Bürger entscheiden, wie es weitergeht. Das ist jetzt der erste Bürgerentscheid. Wir haben einen Vorschlag gemacht, die Rennfreunde haben einen anderen Vorschlag gemacht. Und die Bürgerinnen und Bürgerinnen entscheiden am 21. Juni, ob die Rennbahn dort bleibt - klar, wir werden dann künftig keine Steuergelder mehr dort hingeben – oder ob der DFB mit den Nationalmannschaften kommt und wir einen großen Bürgerpark dort haben, indem es eben auch weitere, naturnahe Sportangebote gibt."

Naturnah – das ist das weitläufige Rennbahnareal am Rande des Frankfurter Stadtteils Niederrad bereits jetzt. Es gehört zum Grüngürtel der Stadt. Deshalb hat sich der Frankfurter Naturschutzbund NABU gegen den Bau der DFB-Akademie an dieser Stelle ausgesprochen.

Rebekka Unrath rupft einen Grasbüschel aus und füttert ein Pferd, das die Nase aus der offenen Stalltür streckt:

"Dicker. Hier haste Gras."

Das Pferd mit dem Namen "Proud Citizen" ist ein vierbeiniger Star im internationalen Galopprennsport:

Dreijährig ist er auch in Mailand im Listenrennen gelaufen. Er ist einfach auch ein Top-Athlet von Frankfurt. Ein vierbeiniger Top-Athlet. Aber ein Top-Athlet von Frankfurt.

Eine hohe Hürde

Die Frankfurter Lehrerin Rebekka Unrath war selbst einmal eine Spitzenreiterin, die sogar an einer Weltmeisterschafts-Rennserie teilnahm. Sie erklärt, wer die vielen Plakate finanziert, die von der Bürgerinitiative "Pro Rennbahn" überall in der Stadt aufgehängt wurden:

"Der Galopp-Rennsport in Deutschland unterstützt die Bürgerinitiative um den Frankfurter Rennclub in großem und hohem Maße. Namhafte Privatbesitzer und Gestüte unterstützen das ganze Unternehmen auch aktiv und zahlungskräftig."

Der Grund für das Engagement der Gestüte: Der Galopprennsport in Deutschland kämpft ums Überleben und braucht dringend die Sportstätte in Frankfurt am Main, die immer noch zu den "Top Ten" in Deutschland gehört. Doch die Zahl der Rennen ist bundesweit in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Würde die Frankfurter Rennbahn geschlossen, gäbe es in Hessen keine Galopprennen mehr. Für den Frankfurter Sportdezernenten Markus Frank wäre das kein allzu großes Problem:

"Die Frage ist, muss der Staat solche Sachen unterstützen oder haben wir nicht andere Aufgaben? Sind wir nicht für die breite Masse da, Integrationsarbeit zu leisten oder für den Sport in der Breite etwas zu tun."

Niedergang der Sportstadt Frankfurt

Doch ist eine 90 Millionen Euro teure DFB-Akademie, die vor allem der Verwaltung des Fußballbundes und den Nationalmannschaften dient, wirklich Förderung der gesamten Breite des Sports? Hans-Joachim Heddrich sieht eher eine Fußball-Monokultur wachsen, die der Sportdezernent zu verantworten habe:

"Die Sportstadt Frankfurt erlebt einen Niedergang unter Herrn Frank. Die Schwimmen heben kein Schwimmbad, in dem sie internationale Wettkämpfe veranstalten können. Die Leichtathleten haben kein Stadion mehr, wo man deutsche oder internationale Meisterschaften in Frankfurt veranstalten könnte. Und jetzt machen wir eine Sportart in ganz Hessen platt. Es gibt in ganz Hessen keinen Galoppsport mehr. Das macht ein Sportdezernent. Der Mann ist völlig falsch gesetzt."

Wir hätten auch gerne vom DFB gewusst, was er zu dem Argument sagt, dass er mit seinem Großprojekt eine schwächere Sportart vertreibt. Doch mehrere mündliche und schriftliche Interviewanfragen des Deutschlandfunks blieben unbeantwortet. Auch mit dem Pferderennclub habe der mächtige Fußballbund nie geredet, bevor er die Rennbahn für sich beanspruchte, sagt die ehemalige Rennreiterin Rebekka Unrath:

"Ich habe gedacht, es wäre ein schlechter Scherz. Der Rennclub hat es aus der Presse erfahren. Die Trainer haben es aus der Presse erfahren."

Darüber haben sich die Rennbahnfreunde so geärgert, dass sie den ersten Bürgerentscheid in der Geschichte von Frankfurt am Main initiierten. 125.000 Menschen müssen sich nun am kommenden Sonntag an der Abstimmung beteiligen, damit sie gültig ist. Eine hohe Hürde für die Rivalen der Rennbahn.

 

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