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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.10.2017

Frankfurter BuchmesseDebatte um Höcke-Auftritt geht weiter

Alexander Skipis im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Demonstranten halten am 14.10.2017 auf der Buchmesse in Frankfurt am Main bei einer Lesung und Podiumsdiskussion mit Thüringens AfD-Landes- und Fraktionschef Höcke, Protestplakate hoch. (dpa/picture alliance)
Demonstranten auf der Buchmesse in Frankfurt am Main bei der Lesung mit Thüringens AfD-Landes- und Fraktionschef Höcke (dpa/picture alliance)

Die Tumulte beim Höcke-Auftritt auf der Buchmesse und die darauf folgenden Reaktionen befeuern eine Diskussion: Wie grenzt man sich von rechts ab?

Der Auftritt von AfD-Rechtsaußen Björn Höcke auf der Frankfurter Buchmesse und die daraus resultierenden Tumulte haben ein Nachspiel. In einem Statement verurteilte die Buchmesse hernach "tätliche Übergriffe zwischen linken und rechten Gruppierungen". "Wir verurteilen jede Form der Gewalt", hieß es da. Sie verhindere den Austausch von politischen Positionen.

Wegen dieser Reaktion geriet die Buchmesse dann selbst in die Kritik. Im Netz kam das Statement teils schlecht an, der Messe wird vorgeworfen, sich nicht genug gegen rechts zu positionieren. Der Satiriker Nico Semsrott schrieb auf Twitter: "Frankfurter Buchmesse hat Nazis eingeladen, um mit ihnen zu diskutieren. Schieße mir morgen mal in den Fuß, um besser laufen zu können."

Der Moderator Jan Böhmermann schlug in die gleiche Kerbe: "Das Gastland der Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr: Dunkeldeutschland."

Die Buchmesse weist die Kritk nun entschieden zurück. Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, nannte die Kritik im Deutschlandfunk Kultur "relativ lächerlich". Linken wie Rechten warf er vor, nicht an Dialog und Austausch interessiert zu sein.

Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. (Deutschlandradio - Sven Crefeld)Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (Deutschlandradio - Sven Crefeld)

Man habe die rechten Verlage "im Rahmen der Meinungsfreiheit" auf der Buchmesse zugelassen, betonte Skipis. Jeder habe das Recht auf der Buchmesse zu sein, solange er nicht gegen Gesetze verstoße. Der Börsenverein habe aber zugleich klar gesagt:

"Das ist nicht unsere Haltung. Und wir haben als allererstes zu Beginn der Buchmesse eine Demonstration gemacht, in dem wir uns für Vielfalt und gegen Rassismus eingesetzt haben. Deutlicher kann man sich, glaube ich, nicht distanzieren."

AfD-Politiker Björn Höcke auf dem Weg zu einer Veranstaltung auf der Frankfurter Buchmesse. (dpa / Frank Rumpenhorst)Björn Höcke auf der Frankfurter Buchmesse (dpa / Frank Rumpenhorst)

Genauso distanziere sich die Buchmesse aber auch von Gewalt von links. "Gewalt bleibt Gewalt, egal mit welcher Intention sie ausgeübt wird", betonte der Hauptgeschäftsführer.

Skipis kündigte an, die Vorfälle auf der Messe mit der Polizei genau zu analysieren und dementsprechend am Sicherheitskonzept zu arbeiten. Er räumte ein, dass die Vorkehrungen in diesem Jahr "möglicherweise nicht ausreichend" gewesen seien.

(ahe)



Das Gespräch im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Björn Höcke, der AfD-Mann aus Thüringen, kommt an den Stand eines rechten Verlages auf der Frankfurter Buchmesse, Linke protestieren, es kommt zu Gerangel und tumultartigen Szenen. Buchmessenchef Juergen Boos und Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, verfassen eine Stellungnahme, die da in etwa lautet, die Frankfurter Buchmesse lebt von der Vielfalt der Meinungen und ist ein Ort des freien Dialogs, Gewalt verhindere den Austausch von politischen Positionen, wir werden sie als Mittel der Auseinandersetzung nicht zulassen.

Ergebnis: Sie kassieren prompt den Vorwurf aus der Linken, sich nicht hart genug gegen Rechts zu positionieren. Im Netz ging es hoch her, und auch eine unserer Redakteurinnen wurde dort heftig kritisiert, weil sie einmal von Linksextremen gesprochen hatte, die da am Stand des rechten Buchverlages aktiv waren. Alexander Skipis, der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, ist jetzt in Frankfurt am Main am Telefon. Schönen guten Morgen!
 

Alexander Skipis: Guten Morgen, Frau von Billerbeck!

Billerbeck: Wie haben Sie die Aufregung um den Auftritt von Björn Höcke am Samstag auf der Buchmesse erlebt?

"Natürlich sehr unerfreuliche Ereignisse"

Skipis: Das sind natürlich sehr unerfreuliche Ereignisse, denn es ist eines klar, dass wir, die Buchmesse und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Gewalt als jede Form der Auseinandersetzung nicht nur ablehnen und verurteilen, sondern sie auch mit Sicherheitskräften und Polizei versuchen zu verhindern.

Billerbeck: Hätten Sie das vorab ahnen können, dass es bei der Veranstaltung Ärger gibt und, sagen wir, entsprechende Vorkehrungen treffen können?

Skipis: Es sind Vorkehrungen getroffen worden von Polizei und Sicherheitskräften, aber möglicherweise nicht ausreichend.

Billerbeck: Was hätten Sie mehr tun können?

Skipis: Das ist schwer zu sagen. Solche Situationen können eben in der Hitze einer Diskussion eskalieren, wobei ich aber auch den Eindruck gewonnen habe, dass beide Seiten an einem Dialog und einem Austausch eigentlich nicht wirklich interessiert sind, sondern es geht da eigentlich mehr darum, den Auftritt des anderen zu verhindern.

Billerbeck: Sie haben ja – ich habe es am Anfang zitiert – sich eben genau dafür ausgesprochen, für Dialog, gegen Gewalt, kassieren aber ja nun die Kritik von linken Aktivisten als gleichmacherisch. Sie fordern dort, die Linken, eine konsequentere Distanzierung des Börsenvereins gegen Rechts. Hätten Sie ja tun können. Was spricht dagegen?

Für Vielfalt und gegen Rassismus

Skipis: Ich glaube, das ist relativ lächerlich. Wir distanzieren uns natürlich von gerade dem rechten, nicht nur Gedankengut, sondern natürlich auch von der rechten Gewalt.

Wir haben im Rahmen der Meinungsfreiheit diese Verlage auf der Buchmesse zugelassen. Jeder hat das Recht, dort zu sein, solange er nicht gegen Gesetze verstößt.

Der Börsenverein hat aber auch gleich ganz klar gesagt, das ist nicht unsere Haltung, und wir haben als allererstes zu Beginn der Buchmesse eine Demonstration gemacht, indem wir uns für Vielfalt und gegen Rassismus eingesetzt haben.

Deutlicher kann man sich, glaube ich, nicht distanzieren. Also diesen Vorwurf kann ich nicht gelten lassen. Natürlich distanzieren wir uns genauso gegen Gewalt von Links, denn Gewalt bleibt Gewalt, egal mit welchen Intention sie ausgeübt wird.

Billerbeck: Trotzdem gibt es ja immer Kritik, und da sind dann auch Aktivisten wie Shahak Shapira sehr deutlich oder der Fernsehmoderator Jan Böhmermann. Das hat ja meistens Folgen. Lässt Sie das völlig unbeeindruckt, wenn es da sehr laut hergeht?

Grundlage einer freien Demokratie

Skipis: Unbeeindruckt natürlich nicht, aber es wird uns nicht abbringen von unserer ziemlich klaren Einstellung, dass wir eben zulassen müssen das gesamte Meinungsspektrum, solange es nicht gegen ein Gesetz verstößt, und das ist die Grundlage eines Meinungsbildungsprozesses in einer Gesellschaft, und das ist die Grundlage einer freien Demokratie, auch wenn sie einige gerne abschaffen möchten.

Billerbeck: Gibt es irgendwelche Schlüsse, die Sie aus diesen Ereignissen am Samstag für das nächste Mal ziehen werden für die Messe, für das Programm, die Organisation, die Sicherheitsmaßnahmen?

Skipis: Ja, natürlich. Wir werden das mit den Sicherheitskräften und der Polizei sehr genau analysieren, das läuft ja jetzt gerade erst, und dann entsprechende weitere Vorkehrungen treffen. Allerdings werden wir von unserer Linie nicht abweichen, all das zuzulassen, was nicht gegen ein Gesetz verstößt.

Billerbeck: Alexander Skipis war das, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, über die Rangeleien vor dem Stand eines rechten Verlages und die Reaktionen auf die Reaktionen darauf. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Skipis: Sehr gerne, Frau Billerbeck!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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