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Literatur | Beitrag vom 07.10.2018

Frankfurter Buchmesse 2018Georgien – Paradies am Rande Europas

Von Volker Dittrich

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Mzcheta, Georgien, Vorderasien: Kloster Dschwari auf einem Hügel (picture alliance / imageBROKER)
Mzcheta, Georgien, Vorderasien: Kloster Dschwari auf einem Hügel (picture alliance / imageBROKER)

In der Sowjetunion war Georgien das Land, wo die Zitronen blühen. Heute strebt das Land im Kaukasus nach Europa, auch literarisch. Wir reisen in den Kaukasus, treffen Autorinnen und Autoren und stöbern in der vielfältigen zeitgenössischen georgischen Prosa und Poesie.

Georgien ist etwa so groß wie Bayern und hat nur vier Millionen Einwohner. Doch das Land am Kaukasus besitzt eine alte Kultur mit einer langen literarischen Tradition, einer eigenen Sprache und einer eigenen Schrift. In der Sowjetunion galt Georgien als Arkadien. 1991 erklärte es seine Unabhängigkeit und trat den Weg nach Europa an. Alle Strukturen, auch die Verlagslandschaft, mussten in wirtschaftlich schwierigen Zeiten und nach einigen Kriegen neu aufgebaut werden.

Georgien ist das Gastland der Buchmesse in Frankfurt am Main, die nächste Woche ihre Tore öffnet. Seine Autoren erzählen von der sozialistischen Zeit, von den Wirren der Unabhängigkeit, der Aufbruchsstimmung und den Kriegen.

Literaturliste zur Sendung:

Rachel Gratzfeld (Hg.), »Bittere Bonbons – Georgische Geschichten«
Aus dem Georgischen von Julia Dengg, Simon Arschaulidse, Mariam Tschwritidse, Rachel Graztfeld, Sybilla Heinze, Maja Lisowski, Natia Mikeladse-Bachsoliani, Tamar Muskhelishvili
Editionfünf, 256 Seiten, gebunden, Euro 22,00

Tamar Tandaschwili, »Löwenzahnwirbelsturm in Orange«, Roman
Aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani
Residenz Verlag, Wien, 2018, gebunden, 126 Seiten, Euro 18,00
Georgische Originalausgabe erschien im Siesta Publishing House, Tbilissi 2016

Ekaterine Togonidze, »Einsame Schwestern«, Roman
Aus dem Georgischen von Nino Osepashvili und Eva Projousová
Septime Verlag, Wien, 2018, Gebunden, 179 Seiten, Euro 20,00
Georgische Originalausgabe bei Bakur Sulakauri, Tbilissi 2013

Nana Ekvtimishvili, »Das Birnenfeld«, Roman
Aus dem Georgischen von Julia Dengg und Ekaterine Teti
Suhrkamp Verlag, Berlin, 2018, Gebunden, 221 Seiten, Euro 16,95
Georgische Originalausgabe erschien bei Bakur Sulakauri, Tbilissi 2013 

Davit Gabunia, »Farben der Nacht«, Roman
Aus dem Georgischen von Rachel Gratzfeld
Rowohlt, Berlin, 2018, Gebunden, 189, Euro 20,00
Georgische Originalausgabe erschien bei Books, Batumi 2017

Aka Morchiladze, »Reise nach Karabach«, Roman
Aus dem Georgischen von Iunona Guruli
Weidle Verlag, Bonn 2018, 176 Seiten, Euro 20,00
Georgische Originalausgabe erschien Bakur Sulakauri, Tbilissi 1992

Aka Morchiladze, »Schatten auf dem Weg – Unbekannte Geschichten aus der Sowjetzeit in Georgien«
Aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani in Zusammenarbeit mit Zaal Andronikaschwili
Mitteldeutscher Verlag, Halle 2018, 176 Seiten, Euro 20,00
Georgische Originalausgabe erschien bei Bakur Sulakauri, Tbilissi 2004

Aka Morchiladze, »Der Filmvorführer«, Roman
Aus dem Georgischen von Iunona Guruli
Weidle Verlag, Bonn 2018, 132 Seiten, Euro 20,00
Georgische Originalausgabe erschien bei Bakur Sulakauri, Tbilissi 2009

Aka Morchiladze, »Obolé«, Roman
Aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani
Mitteldeutscher Verlag, Halle 2018, 248 Seiten, Euro 20,00
Georgische Originalausgabe erschien bei Bakur Sulakauri, Tbilissi 2009

Otar Tschiladse, »Der Garten der Dariatschangi«, Roman
Aus dem Georgischen und mit einem Nachwort versehen von Kristiane Lichtenfeld
Matthes & Seitz, Berlin, 2015, 664 Seiten, Euro 39,90
Georgische Originalausgabe erschien im Verlag Merani, Tbilissi 1994

Otar Tschiladze, »Awelum«, Roman
Aus dem Georgischen und mit Anmerkungen versehen von Kristiane Lichtenfeld
Mit einem Interview der Übersetzerin mit dem Autor aus: »die horen 2/1998«
Matthes & Seitz, Berlin, 2018, 602 Seiten, Euro 30,00
Georgische Originalausgabe erschien im Verlag Merani, Tbilissi 2015

Georgische Schrift und Typographie – Geschichte und Gegenwart /
Georgian Script & Typography – Past and Present, Deutsch und Englisch
Mit über 1.000 Illustrationen veranschaulicht dieser aufwendig gestaltete Kunstband in einzigartiger Weise die Geschichte und Entwicklung der georgischen Schrift und Typographie von den Anfängen bis in die Gegenwart. Die im 5. Jahrhundert n. Chr. geschaffene georgische Schrift ist eine Alphabetschrift mit 33 Buchstaben, von denen jeder genau einem Phonem entspricht.
Buske Verlag, Hamburg 2017, 472 vierfarbige Seiten, Euro 68,00

Schota Rustaweli, »Der Mann im Pantherfell« (Der Recke im Tigerfell)
Aus dem Georgischen übertragen von Ruth Neukomm
Mit 12 farbigen und 14 schwarzweißen Abbildungen nach Miniaturen von Mamuka Tawakaraschwili
Manesse Bibliothek der Weltliteratur, 2. Auflage 1991

Guram Dotschanaschwili, »Das erste Gewand«, Roman
Aus dem Georgischen von Susanne Kihm und Nikolos Lomtadse
Hanser Verlag, München, 2018, 672 Seiten, Euro 32,00
Georgische Originalausgabe erschien bei Nakaduli, Tbilissi 1978

Tschabua Amiredschibi, »Data Tutaschchia – Der edle Räuber vom Kaukasus«, Roman
Aus dem Georgischen von Kristiane Lichtenfeld
Kröner Verlag, Stuttgart, 2018, 696 Seiten, Euro 29,90

Reso Tscheischwili, »Die Himmelblauen Berge«, Roman
Aus dem Georgischen von Julia Dengg und Ekaterine Teti
Edition Monhardt, Berlin, 2017, 160 Seiten, gebunden,

Anna Kordsaia-Samadaschwili, »Ich, Margarita«, Erzählungen
Aus dem Georgischen von Sybilla Heinze
Verlag Hans Schiler, Berlin/Tübingen 2013, 208 Seiten, Euro 18,00
Georgische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Me, Margerita«
bei Bakur Sulakauri, Tbilissi, 2005

Anna Kordsaia-Samadaschwili, »Wer hat die Tschaika getötet«, Roman
Aus dem Georgischen von Sybilla Heinze
Verlag Hans Schiler, Berlin/Tübingen 2016, 168 Seiten, Euro 16,80
Georgische Originalausgabe erschien bei Bakur Sulakauri, Tbilissi 2013

Manana Tandaschwili und Jost Gippert (Hrsg.), »Techno der Jaguare – Neue Erzählerinnen aus Georgien«
Aus dem Georgischen von Anastasia Kamarauli
Frankfurter Verlagsanstalt 2013, Euro 19,90

Tamta Melaschwili, »Abzählen«, Roman
Aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani
Unions Verlag, 112 Seiten, Euro 16,95
Georgische Originalausgabe erschien im Verlag Diogene, Tbilissi 2010

Luka Bakanidze, »Das dritte Ufer«, Roman
Aus dem Georgischen von Katja Wolters
Klak Verlag, Berlin, 2018, Broschur, 284 Seiten, Euro 16,90
Georgische Originalausgabe erschien im Verlag Palitra L, Tbilissi 2014

Zurab Karumidze, »Dagny oder Ein Fest der Liebe«, Roman
Aus dem Englischen von Stefan Weidle
Weidle Verlag, Bonn 2017, Broschur, 288 Seiten, Euro 23,00
Georgische Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel »Danny or A Love Feast«;
die deutsche Übersetzung folgt der vom Autor leicht überarbeiteten Fassung, die 2013
bei Dalkey Archive Press, Champaign/London/Dublin publiziert wurde.

Giwi Margwelaschwili, Die Medea von Kolchis in Kolchos, Roman
Verbrecher Verlag, Berlin, 2017, gebunden, 168 Seiten, Euro 20,00

Giwi Margwelaschwili, Kapitän Wakusch 1: In Deuxiland, Roman
Verbrecher Verlag, Berlin, 2010, gebunden, 168 Seiten, Euro 26,00

Giwi Margwelaschwili, Kapitän Wakusch 2: Sachsenhäuschen, Roman
Verbrecher Verlag, Berlin, 2010, gebunden, 168 Seiten, Euro 28,00

Naira Gelaschwili, »Ich bin Sie«, Roman
Aus dem Georgischen von Lia Wittek
Verbrecher Verlag, Berlin, 2017, 176 Seiten, Euro 22,00

Naira Gelaschwili, »Ich fahre nach Madrid«, Novelle
Aus dem Georgischen von Lia Wittek und Mariam Baramidse
Verbrecher Verlag, Berlin, 2018, 90 Seiten, Euro 16,00

Kote Jandieri, »Globalisierung – Eine georgische Geschichte«
Aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani
Klak Verlag, Berlin, 2018, 110 Seiten, Euro 15,00
Georgische Originalausgabe erschien im Verlag Diogene, Tbilissi 2009

Guram Odischaria, »Der Pass der Flüchtlinge«
Herausgeber: Manana Tandaschwili, Jost Gippert
Aus dem Georgischen von Luka Kamarauli
Reichert Verlag, Wiesbaden 2015, 63 Seiten, Euro 12,90

Lewan Berdsenischwili, »Heiliges Dunkel – die letzen Tage des Gulag«
Aus dem Russischen von Christine Hengevoß
Mitteldeutscher Verlag, Halle, 2018, 262 Seiten, Euro 25,00
Georgische Originalausgabe erschien bei Bakur Sulakauri, Tbilissi 2008

Grigol Robakidse, »Magische Quellen«, Kaukasische Novellen
Aus dem Georgischen von Richard Meckelein und Käthe Rosenberg
Mit einem Essay von Essad Bey
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Alexander Kartosia
Arco Verlag, Wuppertal, 2018, 136 Seiten, Euro 14,00

Dato Turaschwili, »Westflug« Roman
Aus dem Georgischen von Anastasia Kamarauli
Wagenbach, Berlin, 2014, 172 Seiten, Euro 9,90
Georgische Originalausgabe erschien bei Bakur Sulakauri, Tbilissi 2008

Zaza Burchuladze, »adibas«, Roman
Aus dem Georgischen von Anastasia Kamarauli
190 Seiten, Aufbau Verlag, Berlin 2015, Euro 18,00
Georgische Originalausgabe erschien bei Bakur Sulakauri, Tbilissi 2009

Zaza Burchuladze, »Touristenfrühstück«, Roman
Aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani
190 Seiten, Aufbau Verlag, Berlin 2015, Euro 18,00
Georgische Originalausgabe erschien bei Bakur Sulakauri, Tbilissi 2015

Zaza Burchuladze, »Der aufblasbare Engel«, Roman
Aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani
192 Seiten, Aufbau Verlag, Berlin 2018, Euro 20,00
Georgische Originalausgabe erschien bei Bakur Sulakauri, Tbilissi 2017

Lasha Bugadze, »Der Literaturexpress«, Roman
Aus dem Georgischen von Nino Haratischwili
Frankfurter Verlagsanstalt, 2016, 320 Seiten Euro 24,00
Georgische Originalausgabe erschien bei Bakur Sulakauri, Tbilissi 2015

Lasha Bugadze, »Lucrecia515«, Roman
Aus dem Georgischen von Nino Haratischwili und Martin Büttner
Frankfurter Verlagsanstalt, 2016, gebunden, 320 Seiten, Euro 24,00
Georgische Originalausgabe erschien bei Bakur Sulakauri, Tbilissi 2013

Archil Kikodze, »Der Südelefant«, Roman
Aus dem Georgischen von Nino Haratischwili und Martin Büttner
Ullstein Verlagsanstalt 2018, 272 Seiten Euro 24,00
Georgische Originalausgabe erschien bei Bakur Sulakauri, Tbilissi 2016

Archil Kikodze, »Die Geschichte von einem Vogel und einem Mann«, Erzählung
Aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani
Ullstein Verlagsanstalt, 2018, Broschur, 144 Seiten Euro 12,00
Georgische Originalausgabe erschien bei Siesta Publishing House, Tbilissi 2013

Abo Iaschaghaschwili, »Royal Mary – Ein Mord in Tiflis«, Roman
Aus dem Georgischen von Lia Wittek
edition.fotoTAPETA, Berlin, 2017, 128 Seiten
Georgische Originalausgabe erschien bei Diogene Publishers, Tbilissi 2014

Beka Adamaschwili, »Bestseller«, Roman
Aus dem Georgischen von Sybilla Heinze
Verlag Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2017, 176 Seiten, Euro 18,00
Georgische Originalausgabe erschien bei Sulakauri Publishing, Tbilissi 2014

Salome Benidze, »Die Stadt auf dem Wasser«, Erzählungen
Aus dem Georgischen von Iunona Guruli
Mit Illustrationen von Tatia Nadareischwili
Aviva Verlag, Berlin, 2017, Broschur, 160 Seiten, Euro 16,00
Georgische Originalausgabe erschien bei Books, Batumi 2015

Diana Anfimiadi, »Sonntag der beleuchteten Fenster«, Eine kulinarische Biographie
Aus dem Georgischen von Iunona Guruli
Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec, 2016, 146 Seiten, Euro 18,40Georgische Originalausgabe erschien bei Bakur Sulakauri, Tbilissi 2013

Diana Anfimiadi, »Wahrsagen durch Marmelade", Geschichten und Rezepte aus Georgien
Aus dem Georgischen von Tamar Kotrikadze
Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec, 2018, 146 Seiten, Euro 21,00
Georgische Originalausgabe erschien in der Zeitschrift »culinart« und der elektronischen Zeitung »mastsavlebeli.ge«

Manana Tandaschwili (Hg.), »Zwischen Orient und Okzident - Theaterstücke
aus Georgien«
Manana Tandaschwili, »Georgisches Drama – Zwischen Orient und Okzident«
Lascha Tabukaschwili, »Der Falke wird abgerichtet«
Nestan (Nene) Kvinikadse, »Freundinnen«
Lascha Bugadse, »Das Navi«
Nino Haratischwili, »Kokoro«
Micho Mosulischwili, »Weihnachtsgans mit Quitten«
Lascha Tabukaschwili, »Der Asteroid«
Nino Haratischwili, »Das achte Leben (Für Brilka)«, Roman
Frankfurter Verlagsanstalt, 2014, 1278 Seiten, gebunden, Euro 34,00

Adolf Endler, »Kleiner kaukasischer Divan – Von Georgien erzählen«
Herausgegeben von Brigitte Schreier-Endler
Wallstein Verlag, Göttingen 2018, 276 Seiten, Euro 22,00

Volker Dittrich, »Paradies am Rande Europas – Impressionen aus Georgien von 1992 bis 2017«
mit 32 Seiten, Farbabbildungen
Mitteldeutscher Verlag, Halle, 2018, 320 Seiten, Euro 18,00

Bela Chekurishvili, »Wir, die Apfelbäume«, Gedichte
Nachdichtungen von Norbert Hummelt
Interlinear ins Deutsche übertragen von Lika Kevlishvili
Verlag das Wunderhorn, Heidelberg 2018, Broschur, 90 Seiten, Euro 19,80

Matthias Unger (Hg.), »Aus der Ferne – Neue Georgische Lyrik
Mit Linolschnitten von Hans Scheib
Nachdichtungen von Norbert Hummelt
Interlinear ins Deutsche übertragen von Tengiz Khachapuridze
Mit einem Vorwort von Zaal Andronikashvili
Corvinus Presse Berlin, 2015, Buchdruck, Handeinband, 82 Seiten

Matthias Unger (Hg.), »Die Kartoffelernte – Neue Georgische Lyrik II«
Mit Zeichnungen von Dieter Goltzsche
Nachdichtungen von Norbert Hummelt und Sabine Schiffner
Interlinear ins Deutsche übertragen von Nana Tchigladze
Corvinus Presse Berlin, 2017, Broschur, 88 Seiten

Zurab Rtveliaschvili, »Diktatur der Poesie«, Gedichte
Ein Gespräch mit dem Autor im Anhang
Nachdichtungen von Sabine Schiffner
Interlinear ins Deutsche übertragen von Nana Tchigladze
Klak Verlag, Berlin 2018, Broschur, 126 Seiten, Euro 15,00

Nikolos Baratschwili, »Gedanken am Fluss Mtkwari«, Gedichte
Georgisch und Deutsch
Nachdichtungen von Rainer Kirsch
Interlinear ins Deutsche übertragen von Nelly Amaschukeli
Arco Verlag, Wuppertal, 2018, Broschur, 192 Seiten, Euro 16,00

Iunona Guruli, »Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird«, Erzählungen
Aus dem Georgischen von Iunona Guruli
btb, München, 2015, Gebunden, 224Seiten, Euro 20,00
Georgische Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel »Diagnose«
im Verlag Saunje, Tbilissi

Aka Mortschiladze, »Santa Esperanza«, Ein Kosmos aus vielen Romanen
Aus dem Georgischen von Natia-Mikeladse-Bachsolinani
Mitteldeutscher Verlag, Halle 2018, gebunden, 760 Seiten, Euro 36,00
Georgische Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel »Santa Esperanza«
bei Bakur Sulakauri, Tbilissi

Otar Tschiladze, »Der Korb«, Roman
Aus dem Georgischen und mit Anmerkungen versehen von Kristiane Lichtenfeld
Mit einem Nachwort von Alexander Ebanoidse
Matthes & Seitz, Berlin, 2018, gebunden, 460 Seiten, Euro 30,00
Georgische Originalausgabe erschien 1992 unter dem Titel »Godori « in Tbilissi

Nino Haratischwili, »Das achte Leben (Für Brilka)«, Roman
Frankfurter Verlagsanstalt, 2014, 1278 Seiten, gebunden, Euro 34,00

Nino Haratischwili, »Die Katze und der General«, Roman
Frankfurter Verlagsanstalt, 2018, 764 Seiten, gebunden, Euro 30,00


Manuskript zur Sendung:

Purpurrot
Das ist der Wein aus der Amphore meines Großvaters,
gekeltert mit den großen, sonnenwarmen Händen.
Und wenn er zum Osterfest, wie er zu tun pflegte,
aus seinem Weinglas ein paar Tropfen auf das Brot vergoss,
fiel auch ein Tropfen auf das weiße Tischtuch
und bildete dort eine Purpurrose.
Uns aber färbte er die Lippen, und wir glaubten,
dass wir das Blut des Märchenriesen tranken
und unsere dünnen Beine
wurden davon groß und stark.

Bela Chekurishvili ist eine der Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die das Gastland Georgien auf der Frankfurter Buchmesse vertreten werden. In dem Gedicht »Purpurrot« besingt sie ihre Kindheit in Kachetien, dem Wein- und Brotkorb Georgiens.

Georgien, Kachetien: Weinlese bei Kwareli (picture alliance / Rainer Hackenberg)Georgien, Kachetien: Weinlese bei Kwareli (picture alliance / Rainer Hackenberg)
Ich treffe Bela Chekurishvili in einem Café in Berlin Moabit. Sie spreche noch nicht so gut Deutsch, sagt sie. Sei noch sehr unsicher und noch nicht sehr lange hier. Die 1974 geborene Lyrikerin studiert in Bonn Komparatistik.
           
"Ich denke, ich könnte gar keine Dichterin sein ohne dieses Gebiet, wo ich groß geworden bin. Alle die schönen Erinnerungen hab ich von dort. Ich hab sehr viel Gedichte über meine Kindheit, über Kachetien, was typisch georgisch ist. Wir hatten Weinberge. Das war mein Lieblingsort an sich. Wir hatten Erdbeeren, Wiese und Pfirsichgarten. In meiner Schultasche hatte ich immer Frösche und Eidechsen. Das war sehr interessant und fabelhaft. Ich hatte nur Großmutter und ihre drei Schwestern und noch eine Tante. Ohne Männergesellschaft. Aber das war wunderbar. Das war die beste Zeit in meinem Leben. Ich war ein geliebtes Kind, sehr verwöhnt und sehr schön."

Nicht ungewöhnlich: Die Großeltern übernehmen die Erziehung

Es ist in Georgien nicht ungewöhnlich, dass die oft auf dem Land lebenden Großeltern die Erziehung der Enkel übernehmen. Bela Chekurishvilis Vater und ihre Mutter wohnten in der Hauptstadt Tbilissi. Die Mutter arbeitete im Bildungs-, der Vater im Verkehrsministerium. Bela Chekurishvili war nur am Wochenende bei Ihnen. In ihrem Gedicht Triptychon »An den Vater« blickt sie zurück auf einen ihr früher fremden Mann.

Du hast bei mir nach dem gesucht,
was weder Gattin noch Geliebte
dir je flüstern konnte.
Was deine Mutter dir verschwieg
und was die Nachbarin nicht für dich übrig hatte.
Bei mir hast du nach dem gesucht,
was nicht im Wein war
und nicht in der Milch.
Du wusstest weder Meer noch Land zu deuten.
Bei mir hast du gesucht und meintest,
ich würde es dir schon verraten oder
es rutschte mir mal aus Versehen raus.
So starrtest du mich voll Erwartung an,
so wie die alten Kolcher auf die Leder starrten,
die sie in Flüssen ausgebreitet hatten,
um aus dem Flusssand
Körnchen reinen Golds zu waschen.

"Die Vater-Tochter-Beziehung ist schwer, besonders schwer in Georgien, weil wir sind Mutterkinder. Und der Vater spielt mit uns. Aber um uns kümmern sich Mutter, Oma, Tanten, Nachbarinnen, Bekannte, die Männer sehr selten. Ich wusste nicht, was er von mir möchte, weil wir fremd waren. Für mich war, als ob er mir etwas sagen wollte. Er hat das nicht gesagt, ihm ist das nicht gelungen."

In der neuen georgischen Lyrik, die jetzt zur Buchmesse in Frankfurt erscheint, grenzen sich die jungen georgischen Lyriker mit reimlosen, freien Versen von den berühmten Vorgängern ab. Sie dichten in einer neuen poetischen Sprache. Versuchen, das zuvor in der Sowjetunion Untersagte in der Lyrik zu thematisieren. Das tat 1915 auch die Dichtergruppe »Die blauen Hörner«, die nach hundert Jahren russischer Okku­pation Anschluss an die europäische Moderne suchte. Eines ihrer Mitglieder war Galaktion Tabidze, der in seinem Gedicht »Wind, der weht« über die Sehnsucht nach der verlorenen Geliebten schreibt, die zugleich eine Suche nach der verlorenen Heimat ist.

»Wind, der weht, Wind der weht, Wind, der weht
und das Laub mit sich reißt ohne Ruh,
Baum für Baum biegt – das Heer! – beugt er, fleht:
Wo bist du, wo bist du, wo bist du?
Wie es rinnt, wie es schneit, wie es schneit,
ewiglich such ich dich … allezeit!
Mit mir ist dein Gesicht, wie es war,
überall, Tag und Nacht, immerdar!
Himmelfern wie im Kopf Nebel geht …
Wind, der weht, Wind, der weht, Wind, der weht!«

Galaktion Tabidze wird von den Georgiern bis heute verehrt. Er wurde auf dem Heiligen Berg Matsminda in Tbilissi beigesetzt, im Pantheon für Schriftsteller und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Es fehlten Zeit und Geld für umfangreichere Texte

Die Suche nach einer neuen Sprache ist bei vielen jungen georgischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern zu beobachten, die in den letzten Jahren die literarische Bühne betreten haben. Es hat etwas gedauert, bis sie nach der Unabhängigkeit längere Prosaarbeiten vorlegen konnten. Erst mussten sie für ihren Unterhalt und den ihrer Familien sorgen. So blieb es bei den meisten Autoren zunächst bei Gedichten und kurzen Prosatexten, seltener entstanden umfangreiche Werke. Heute greifen sie in ihren Romanen und Erzählungen selbstbewusst tabuisierte Themen der georgischen Gesellschaft auf. Aber ausschließlich vom Schreiben kann keiner leben. Dafür ist der Buchmarkt in Georgien zu klein. Sie jobben oder arbeiten wie der Schriftsteller Abo Iaschaghaschwili, in den wärmeren Monaten als Bergführer für Touristen.

Abo Iaschaghaschwili hat in Deutschland studiert. Mit ihm gehe ich durch die Altstadt von Tbilissi, auch Tiflis genannt. Er zeigt mir die Moschee, die Synagoge, die Sioni Kirche. Die Gotteshäuser der drei monotheistischen Religionen liegen sehr nah beieinander. Abo Iaschaghaschwili erzählt vom Leben in einer multikulturellen Stadt.

"Also im neunzehnten Jahrhundert ist Tiflis eine sehr, sehr interessante Stadt gewesen. Hier gab es sehr viele verschiedene Kulturen. Es waren christliche, muslimische, jüdische. Es gab sehr viele verschiedene Völker hier: Kurden, Armenier, Polen, Deutsche, Russen, Perser, Türken, Georgier selbstverständlich, auch Juden, Armenier. Und alle diese Leute wohnten in dieser Stadt. Das war keine große Stadt. Aber jeder hat hier Spuren hinterlassen."

Stadtansicht in der Nacht: Tiflis, Georgien, Asien (picture alliance / imageBROKER)Stadtansicht in der Nacht: Tiflis, Georgien, Asien (picture alliance / imageBROKER)
In Abo Iaschaghaschwilis Roman »Royal Mary«, in dem es um einen Mord geht, steht der Staatsbesuch des Schahs von Persien im Mai 1889 kurz bevor. Der Schah orientiert sich an Westeuropa. Und in Tbilissi habe der Schah damals seinen Fuß auf europäischen Boden gesetzt, heißt es im Roman. Abends sah der Schah in der Oper die Premiere des »Nussknacker« von Tschaikowski.

»Nach den Moscheen und Minaretten, den Gärten und Springbrunnen von Teheran bekam der Schah jetzt also völlig andere Eindrücke. Seine Kutsche fuhr den Glowinski-Prospekt entlang, und er hatte allen Anlass, mit einer gewissen Bewunderung die europäische Architektur auf beiden Straßenseiten zu betrachten. Balkone ruhten auf den Schultern des Titanen Atlas, Greifen und Löwenköpfe schmückten die Häuser. Man sah zwar deutlich den europäischen Einfluss, aber andererseits auch viele Menschen in kaukasischer Tracht, mit verziertem Brustlatz und Überwürfen aus Filz, seidenen Kopftüchern und Turbanen.«

Der Autor nimmt den Leser mit in das bunte Völkergemisch einer Stadt zwischen Europa und
Asien, die sich rasant entwickelte.

Abo Iaschaghaschwili war zwölf Jahre alt, als sich Georgien 1991 für unabhängig erklärte und kurze Zeit später die Wirtschaft völlig zusammenbrach. 

"Es gab plötzlich keinen Strom, keine Gehälter. Es gab auch kein Brot. Man sollte in der Schlange stehen. Es gab auch keine Elektrizität. Aber für mich, also für die Kinder, das ist eine sehr, sehr interessante Zeit gewesen. Die meisten von den Büchern hab ich in dieser Zeit gelesen. Mit Kerzenlicht, mit Öllampenlicht. Ich hab zum Beispiel Das Glasperlenspiel mit Öllampe gelesen. Kafka war besonders interessant zu dieser Zeit. Wir haben viel Zeit draußen verbracht, im Hof, da haben wir das Feuer angemacht, mit den Freunden gesprochen und am Abend immer habe ich dann die Bücher gelesen. Zum Beispiel Prozess hat einen sehr großen Eindruck damals auf mich gemacht. Und Hesse Die Morgenlandfahrt hat wesentlich mein Leben und meine Persönlichkeit geprägt. Diese Suche nach Wahrheit."

Ich möchte von Abo Iaschaghaschwili wissen, ob er auch mit Waffen und Drogen in seinem Freundeskreis zu tun hatte, wie es damals in Tbilissi oft vorkam.

"Die Freunde, die sechs, sieben Jahre älter waren, mit denen ich im Hof aufgewachsen bin, also es war sehr üblich, mit diesen Dingen rumzulaufen. Ich wollte bisschen anders sein und habe die Waffen nicht getragen. Obwohl es war sehr einfach, zu einer Waffe zu kommen. Im gewissen Alter haben diese Leute mit den Drogen was angefangen. Ich hab miterlebt, wie diese tollen Leute plötzlich ganz anders geworden sind. Die haben sehr schlimme Dinge gemacht, einander verraten für diese Drogen."

Über diese Erfahrungen seiner Jugendzeit hat Abo Iaschaghaschwili noch nichts geschrieben. Wahrscheinlich komme das später, sagt er. Er habe Hugo von Hofmannsthal, Alexandre Dumas, Rudyard Kipling gelesen. Und viel über die Zeit in Tbilissi Ende des 19. Jahr­hunderts. Das habe ihn inspiriert. Und zwei Personen von Kipling habe er in seinem Roman sogar von Indien nach Tbilissi geschickt. Abo Iaschaghaschwili möchte positive Bücher schreiben.

"Die den Menschen Kraft geben. Eine Perspektive geben. Das Wichtige ist die Freude. Man muss Kraft bekommen und positive Gefühle, um damit im Leben weiterzuziehen und die Schwierigkeiten zu beseitigen. Das ist das Wichtigste in der Literatur, denke ich."

Georgier feiern am 9. April 1991 in der Hauptstadt Tiflis die Erklärung der Unabhängigkeit ihrer Republik durch das georgische Parlament. In einer Volksabstimmung am 31. März 1991 hatten sich 98,9 Prozent der Bevölkerung für eine Unabhängigkeit ihres Landes von der Sowjetunion ausgesprochen. (picture-alliance / dpa)Georgier feiern am 9. April 1991 in der Hauptstadt Tiflis die Erklärung der Unabhängigkeit ihrer Republik durch das georgische Parlament. (picture-alliance / dpa)
Auch der Roman »Wer hat die Tschaika getötet« von Anna Kordsaia-Samadaschwili ist wie Abo Iaschaghaschwilis »Royal Mary«, kein richtiger Krimi. Wer der Mörder ist, bleibt am Ende im Ungewissen. Die Autorin ist eine der bekanntesten und angesehensten Schriftstellerinnen in Georgien. Sie schreibt Erzählungen und Romane voller Jargon über einfache Leute, die Schattenseiten der Gesellschaft und über die Beziehungen zwischen Männern und Frauen. In ihrem Roman lernt der Leser die Lebensgeschichten sehr ungewöhnlicher Menschen kennen.

»›Wissen Sie, was jede Frau möchte, die die vierzig überschritten hat, keine idiotischen Heiratspläne verfolgt und nicht dumm und hässlich genug ist, um die Unzulänglichkeiten ihres Daseins zu ertragen? Das wissen Sie nicht, stimmt’s? Nein, natürlich wissen Sie das nicht. Ich sag’s Ihnen. Jede Frau – ich rede von Frauen und nicht von biologischen Einheiten weiblichen Geschlechts – jede Frau möchte mit einem Mann zusammen sein. Sie will nicht dem Mann gehören oder dass er ihr gehört, sondern mit dem Mann zusammen sein. Sie will mit dem Mann in Klubs gehen und ins Kino zu ›Harry Potter‹, mit ihm in Urlaub fahren, in die Sauna gehen, sonst wohin, was weiß ich. Will mit dem Mann essen und sich saumäßig betrinken. Oder denken Sie, nur Männer können sich saumäßig betrinken? Nee, nee, junger Mann! Wenn dieser Mann im Leben der Frau die Männerfunktion erfüllt – das ist dann schon Liebe, die Tür zum Paradies hat sich geöffnet; aber glauben Sie mir, mein Guter – einer Frau meines Alters kann man sogar Lügen glauben – sowas passiert sehr selten.«

Zusammen mit einigen deutschen Verlegern besuche ich den kleinen Verlag Siesta Publishing House. Das Büro finden wir in einem Tbilissier Hinterhof. Dort sitzen wir im Schatten von Weinblättern. Die Steinwände sind mit Graffiti verziert. Die Tischplatte ist auf den Fuß einer alten Singer Nähmaschine geschraubt.

"Es ist unheimlich schwer, in diesem Land lesbisch zu sein"

Tamar Tandaschwili, 45 Jahre alt, wird uns vorgestellt. Psychologin, bekannte Bloggerin und Aktivistin, vor allem für Frauen und die Rechte sexueller Minderheiten. Von ihr habe ich auf dem Flug nach Georgien die Erzählung »Das andere Grau« im Sammelband »Bittere Bonbons« gelesen. Tamar Tandaschwili gehört zu den jungen Stimmen Georgiens, die bevorzugt in der ersten Person Singular schreiben und persönliche Erfahrungen und Erlebnisse schildern. Die Literatur der Jungen ist subjektiver als die zu Sowjetzeiten, und die Subjektivität stößt sich an vielem Althergebrachtem in Georgien.

»Ich war auf dem Weg nach Hause, mit leerem Kopf und die Hände voller Projektunterlagen. Sie stand im Foyer vor dem Spiegel und versuchte vergeblich, ihren hellblauen Schal aus dem Riemen ihrer quer über die Schulter hängenden Tasche zu entwirren. Bestimmt waren es ihre flinken Bewegungen oder ihre zarten weißen Hände, die mich verweilen ließen, oder auch ihre irgendwie ungeschickte und doch graziöse Art, die mir so gefiel. Mit einer Hand half ich ihr, den Schal zu befreien. Selbstverständlich bedankte sie sich und lächelte mir zu. Selbstverständlich lächelte ich höflich zurück.
Damals hatte ich mich gerade endgültig von der Frau getrennt, die ich liebte. Oder zu lieben glaubte. Zum Schluss waren wir beide so sehr von unserer heimlichen Beziehung und von uns selbst erschöpft, dass ich mich über ihre überstürzte Entscheidung wegzugehen nicht mal wunderte.
›Es ist unheimlich schwer, in diesem Land lesbisch zu sein‹, sagte sie zu mir beim Abschied. Dann küsste sie mich auf die Wange und flüsterte mir zu: ›Ich hab’s so satt … Ich will endlich normal leben!‹«

Tamar Tandaschwili – roter Lockenkopf und große Brille – erzählt engagiert und gestikulierend von ihrer Sicht auf die noch immer sehr patriarchalisch geprägte georgische Gesellschaft und von ihrem Engagement gegen die Homophobie. Dann stellt sie uns ihren ersten Roman »Löwenzahnwirbelsturm in Orange« vor. Die Protagonistin arbeite, so erzählt sie, als Therapeutin mit traumatisierten Patienten zusammen. Der Roman sei mosaikartig aufgebaut.

"Mein Roman ist in der ersten Person geschrieben. Es wird ein ganz kleiner Abschnitt des Lebens einer Psychologin erzählt. Eine biographische Momentaufnahme. Im Roman gibt es mehrere Stränge, und ein Strang ist die Kindheit der Therapeutin. Es geht auch um die Geschichten der Patientinnen und um die Fragen und Probleme, mit denen sich die Therapeutin beschäftigt."

»Niniko ist genauso wie ich Traumatherapeutin. Wir stammen beide aus Tbilissi und kennen die Subkultur der Mittelklasse nur allzu gut. Deshalb verlaufen unsere Gespräche in typischer Harmonie, ohne viele Fragen und Erklärungen.
›Ich habe ein Misshandlungsopfer.‹
›Ein Mann?‹
Die Opfer von Misshandlungen sind bei uns meistens Frauen, Homosexuelle oder heterosexuelle Männer, die von angeblichen Demokratieverfechtern in den Gefängnissen bis zum Gehtnichtmehr vergewaltigt wurden.
›Einen jungen Mann?‹
›Ihr Gesicht verzieht sich. Sicher stellt sie sich jetzt die Folterungsmethode vor.
›Wie geht es ihm jetzt?‹
›Er ist im Out.‹
›Wollen wir darüber sprechen?‹ Sie hat kaum zu Ende gesprochen und merkt sofort, dass ihr ein gut eingeübter Klischeesatz rausgerutscht ist. Sie muss lachen. Ich lache mit. Wir lachen beide, als Zeichen unseres gegenseitigen Einverständnisses.«

"Es gibt auch eine Passage im Buch, die sich mit der sehr schwierigen Zeit des postsowjetischen Georgiens befasst. Eine Auseinandersetzung mit der Georgisch Orthodoxen Kirche, die eine sehr patriarchalische Institution in unserem Land ist. Empathie, Wärme, Liebe zu zeigen, das wird als Weiblichkeit interpretiert. Und so ziehen es die Männer vor, all das öffentlich nicht zu zeigen. Sie sind nicht stolz darauf, liebevoll zu sein."

Es ist ein warmer Apriltag in Tbilissi. Ich stehe auf der Brücke, die nach dem Dichter Nikolos Barataschwili benannt wurde, und blicke auf eine muschelartige weiße Dachkonstruktion am Ufer der Mtkwari. Sie erinnert mich an die Oper in Sydney. In der großen Halle darunter können Bürger Pässe und Urkunden beantragen. Ein modernes, effektives, unbürokratisches Bürgeramt, das in der Saakaschwili-Ära gebaut wurde. Eine weiße Fußgängerbrücke erleichtert die Überquerung der verkehrsreichen, vierspurigen Straße. Auf der anderen Seite der Brücke, in einem tristen, alten Bürogebäude, ist das Georgian National Book Center untergebracht. Ich bin mit der Direktorin Medea Metreveli verabredet, die den Gastlandauftritt in Frankfurt mit fast ausschließlich sehr jungen Mitarbeiterinnen organisiert. Mit ihr sprach ich über die neuen literarischen Stimmen in Georgien.

"Es ist eine völlig neue Generation. Sie kennen ihre Rechte, sie kennen die Richtungen der Literatur in der modernen Welt. Sie möchten kulturell und literarisch auf einer Höhe mit ihr sein. Und manchmal denke ich, sie sind sehr mutig. Denn speziell weibliche Autoren greifen für die georgische Gesellschaft sehr sensible Themen auf. Probleme von Minderheiten, auch sexuelle Minderheiten oder Probleme mit der Georgisch Orthodoxen Kirche. Diese Aspekte sind sehr schmerzhaft für einige Gruppen in der georgischen Gesellschaft, besonders für die Kirche. Aber die Autorinnen und Autoren wählen einen guten literarischen Weg, um diese Probleme zu thematisieren. Und ich muss erwähnen, dass die Literaturkritik in Georgien das gut begleitet. Der Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse hat einen positiven Einfluss auf den lokalen literarischen Prozess."

Abchasien und Südossetien erklärten 1992 ihre Unabhängigkeit

2008 kam es zu einem Fünf-Tage-Krieg in der Chinwali Region Georgiens, bei uns als Südossetien bekannt. Die georgischen Landesteile Abchasien und Südossetien erklärten 1992 ihre Unabhängigkeit. Russlands Militär half den Abchasen 1992 im Krieg gegen Georgien. Nach jahrelangen, von Russland unterstützten südossetischen Provokationen an der Grenze ließ Präsident Micheil Saakaschwili 2008 die georgische Armee in Chinwali einmarschieren – voller Hoffnung auf westlichen Beistand, der aber ausblieb. Russland schlug zurück und drang mit seiner Armee tief auf georgisches Territorium vor. Ein Trauma für den jungen Staat. Russische Panzer standen 60 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Im August 2008 erkannte Moskau die Souveränität von Südossetien und Abchasien an und demonstrierte Georgien und dem Westen, dass es seinen Einfluss in der Kaukasusregion nicht aufgeben wird.

»Adibas«, der erste Roman des 1973 geborenen Zaza Burchuladze, spielt während dieses kurzen Krieges. Burchuladzes neureiche Protagonisten ignorieren die Kämpfe. Sie ziehen durch die Stadt, feiern Partys, nehmen Drogen und widmen sich ausschweifenden sexuellen Abenteuern.

»Margo wird nervös. Seinem Hirn fehlt offensichtlich der Klebstoff. Wie ein Zombie schlurft er ins Nebenzimmer und lässt sich in den Sessel fallen. Er nimmt eine Plastiktüte aus der Tasche, öffnet eine Tube Sekundenkleber und drückt den Inhalt mit großer Sorgfalt in die Plastiktüte. Dann stülpt er sie übers Gesicht und inhaliert tief. Die Tüte füllt sich sofort mit seinem Atem und beschlägt, kurz darauf kann man dahinter verschwommen seine versteinerten Augen erkennen. …
Nina schaut mir wieder in die Augen … Ich bin gespannt, was für einen Orgasmus sie haben wird. Wie immer werden sich erst ihre Nasenflügel öffnen, ihre Knie werden zu zittern beginnen, und während sie laut stöhnt, verdrehen sich ihre Augen.
›Nein‹, sage ich. ›Kann losgehen‹.«

"Adibas" ist eine gezielte Provokation des auch von der Georgisch Orthodoxen Kirche propagierten Patriotismus im Land. Der Roman erscheint ein Jahr nach dem Fünf-Tage-Krieg und löst einen Skandal aus. Burchuladzes Bücher werden von religiösen Fanatikern verbrannt, Präsident Micheil Saakaschwili stellt das Buch im georgischen Fernsehen an den Pranger. Im Sommer 2012 wird der Autor in Tblissi von Unbekannten tätlich angegriffen. Danach entschließt er sich, mit seiner Familie nach Deutschland überzusiedeln.

»Ich drücke die Zigarette im Glas aus und gehe ins Zimmer. Es riecht nach Schweiß, Deo, Sex und Pizza. Der Joker lacht mich an, vielleicht etwas seitlich an mir vorbei. Ich nehme die Videokamera aus dem Regal. Bei der Minimal-Musik weiß man nie, wann ein neues Lied anfängt und wann eins aufhört.
Miho ist unermüdlich. Er bewegt sich immer noch im Rhythmus, als wäre er irgendwie an Nina gekettet. Er richtet erneut seine Brille. Ninas kleine Brüste schaukeln im Takt.«

Davit Gabunia, geboren 1982, ist schon als Dramatiker bekannt, als sein erster Roman »Farben der Nacht« für Aufsehen sorgt. Die Handlung beginnt kurz vor den Parlamentswahlen 2012. Das empörte Volk geht auf die Straße und protestiert gegen die Regierung von Präsident Micheil Saakaschwili, nachdem das Fernsehen Aufnahmen von Folterungen im Innenministerium gezeigt hat.

Der Protagonist des Romans, 31 Jahre alt, Hausmann, verheiratet und zwei Kinder, nimmt die Demonstrationen nur auf dem Bildschirm wahr. Er ist ein Voyeur, der jede Nacht schwule Paare im Nachbarhaus beobachtet und fotografiert. Gleichzeitig beginnt seine Frau eine Liebesbeziehung mit einem Arbeitskollegen. In einem Interview spricht Gabunia offen über seine Homosexualität.

»Die Homophobie ist ein Ausdruck der Männlichkeitskrise in Georgien. Die Männer fühlen sich bedroht. Diese traditionelle, brutale, machohafte Männlichkeit, die besagt, dass der Mann der Kopf und der Ernährer der Familie ist. Diese Männlichkeit zerbricht gerade.«

Davit Gabunias Roman "Farben der Nacht" endet für alle Protagonisten in einer Katastrophe. Parallel zu ihr versammeln sich immer mehr Menschen auf der Straße, um gegen die Regierung Saakaschwili zu protestieren. Und ein paar Tage später verliert Saakaschwilis Partei bei den Parlamentswahlen seine Mehrheit. Friedliche Massenproteste bewirken den ersten gewaltlosen Regierungswechsel nach der Unabhängigkeit.

"Diese traditionelle, brutale, machohafte Männlichkeit zerbricht gerade"

1991 erklärte Georgien seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Der erste Präsident Swiad Gamsachurdia, vertrat einen aggressiven georgischen Nationalismus: »Georgier den Georgiern.« Er ging brutal gegen nationale Minderheiten in Abchasien und Südossetien vor, stieß aber auf entschiedenen Widerstand, der zu einem Bürgerkrieg führte. Der Präsident musste fliehen. Die Opposition holte Eduard Schewardnadse, einen Georgier mit guten Kontakten zu Russland und zu westlichen Politikern, als neuen starken Mann aus Moskau nach Georgien, um das neue unabhängige Georgiern zu stabilisieren und Richtung Westen zu orientieren.

In diesen dramatischen Monaten des Jahres 1992 spielt der erste Roman von Aka Mortschiladse. Der zurzeit angesehenste Schriftsteller Georgiens wird in Frankfurt gemeinsam mit der Schriftstellerin Nino Haratischwili den Gastlandauftritt eröffnen. Mortschiladse ist 26 Jahre alt, als »Reise nach Karabach« 1992 nur wenige Monate nach dem Bürgerkrieg erscheint. Es ist eine Art Roadmovie durch ein agonales Land mit agonalen Protagonisten. Viele junge Georgier liefen damals mit scharfen Waffen auf der Straße herum, viel Heroin war in Umlauf. Heute geht man davon aus, das Russland versuchte, so das Land zu destabilisieren.

Aka Mortschiladse lerne ich bei Bakir Sulakauri kennen, dem größten georgischen Verlag, gegründet nach der Unabhängigkeit. Der Autor erzählt, wie es zu seinem ersten Roman »Die Reise nach Karabach« kam.

"Es ist das erste Buch, was ich zu Ende geschrieben habe. Und damit wurde ich zum Schriftsteller. Ich hatte damals einen Straßenatlas über den Kaukasus, aber ansonsten keine Ahnung von Geographie, und ich musste mich anhand dieses Atlas bis nach Karabach durchschlagen. Ich hatte die Story im Kopf, eine Erzählung voller Gewalt und Sprachlosigkeit. Wie hatten einen Bürgerkrieg in Tbilissi. Es war eine seltsame Erfahrung. Meine erste Begegnung mit Waffen. Das war sehr schmerzhaft. Ich war nie in Karabach, warum sollte ich auch. Ich hatte in meiner Nähe, wo ich wohnte, genug Schießereien, und die sahen anders aus, als in den westlichen Filmen. Es war keine Atmosphäre, in der man ruhig schreiben konnte. Geschrieben habe ich den Roman auf dem Land."

»Alles begann Ende Februar.
In Tbilissi war Bürgerkrieg oder so was. Ich meine, als Präsident Swiad Gamsachurdia geflohen ist und danach. Eigentlich kümmerten mich solche Geschichten bis dahin nicht, seither noch weniger. Es war Ende Februar, als Gogliko mich richtig bedrängte: ›Lass uns fahren, lass uns doch fahren! Wir nehmen das Geld von Atschiko Kipiani und fahren.‹ Dazu hatte ich aber gar keine Lust. Vor allem im Winter, erst über die aserbaidschanische Grenze, dann wieder zurück. Und wieso sollte ich überhaupt fahren? Es gab nicht mal Benzin. Trotzdem ließ er nicht locker. Ich würde ihm Glück bringen, meinte er, ›lass uns fahren, das Zeug mitbringen, und bis zum Herbst werden wir stoned sein. Gratis.‹«

Der Roman soll sich wie ein Lauffeuer in Tbilissi verbreitet haben. Und Aka Mortschiladse wurde eine der Gründungsfiguren der neuen georgischen Prosa.

Mit der georgischen Wirtschaft brach 1992 auch das Verlagswesen zusammen. Trotzdem wurden Bücher veröffentlicht, nicht nur Aka Mortschiladses »Reise nach Karabach«.

Inzwischen gibt es 20 etablierte Buchverlage in Georgien. Für den Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse wurden in den letzten zwei Jahren 70 Titel von 34 Übersetzerinnen und Übersetzern ins Deutsche übertragen. 60 deutschsprachige, davon viele kleine unabhängige Verlage, haben georgische Bücher in ihr Programm aufgenommen. Voraussetzung dafür war wie üblich die hundertprozentige Übernahme der Übersetzungs­kosten und manchmal auch eines Teils der Druckkosten durch das International Georgian Book Center. Die Autoren hoffen nun, auf dem europäischen Buchmarkt Fuß zu fassen. Und Georgien vertieft die Annäherung an die EU, die die Politik des Landes schon bald nach der Unabhängigkeit betrieb.

Der erste Roman, den der wohl bedeutendste georgische Autor des 20. Jahrhunderts, Otar Tschiladse, nach der Unabhängigkeit schrieb, war »Awelum«, für ihn eine Art Befreiungsschlag. Der Roman verhandelt existentielle Themen: Verrat, die Manipulierbarkeit des Individuums, die Möglichkeiten der Moral, die Selbstbehauptung des Menschen in widrigen Umständen. Die Zerrissenheit des Protagonisten, eines georgischen Schriftstellers, aufgrund seiner Liebe zu drei Frauen in Moskau, Paris und Tbilissi bringt ihn zu der Erkenntnis, dass die Liebe nicht frei sein kann.

»Die Liebe kann im Sinne der modernen zivilisierten Welt nicht frei sein, denn sie ist das Streben nach Freiheit und daher ein ewiges Phänomen, der Mensch nämlich lässt die Freiheit im Paradies zurück, er gibt sie auf, bevor er geboren wird, verliert sie gewissermaßen mit der Geburt, und sein ganzes Leben (sein Erdendasein) ist einzig eine quälende Empfindung der für alle Zeit hoffnungslos eingebüßten Freiheit.«

Abenteuer wie Ausflüge in eine fremde und doch vertraute Welt

Der Erzähler erlebt mit der zeitweise in Moskau wohnenden Französin Francoise eine große Liebe, die Jahrzehnte und Distanzen überwindet und doch nur eine Verheißung bleibt. Seine russische Geliebte hat sich von ihm abgewendet. Seine georgische Gattin Melania hat er bewusst nie verlassen. So blieben seine Abenteuer wie Ausflüge in eine fremde und doch vertraute Welt.

Otar Tschiladse wird in jungen Jahren als Lyriker bekannt, verehrt und in viele Sprachen übersetzt. Mit fast Vierzig debütiert er 1972 mit dem Roman »Im Garten der Dariatschangi«. Er nimmt den Mythos der Argonauten als Vorlage und schildert das Sagenhafte als Realität. Aber nicht aus Sicht der Argonauten, die Griechenland verlassen, sondern aus der Perspektive Medeas und der Kolcher, die die Argonauten in Kolchis empfangen. Medea wächst in Kolchis als Tochter des Königs Aites auf. Als zartes, blondes, sommersprossiges Mädchen, das ihrer Tante, einer kräuterkundigen Heilerin und Zauberin, schweigend überallhin folgt. Nach der Ankunft der Argonauten verliebt sich Medea in Jason, entwendet aus Liebe zu ihm ihrem Vater Aites das Goldene Vlies und flieht mit den Argonauten nach Griechenland. Das weitere Schicksal Medeas wird dem Leser vom Autor vorenthalten. Danach wendet sich der Erzähler dem aus Griechenland heimkehrenden Krieger Ucheiro zu, der als Exilant, ohne es zu wollen, Verrat an seiner Heimat begangen hat: Er erobert Kolchis im Dienst einer fremden Macht und wird vom Schicksal hart bestraft: Schon bei der Ankunft in der Heimat erleidet Ucheiro einen Unfall und bleibt Zeit seines Lebens ans Bett gefesselt.

»Der Garten der Dariatschangi« wird in etliche Sprachen übersetzt, und der Autor erlebt bereits mit dem Debüt den internationalen Durchbruch.

Otar Tschiladses deutsche Übersetzerin Kristiane Lichtenfeld treffe ich in Berlin. Sie hat mit ihm bis zu seinem Tod 2009 zusammengearbeitet. 

"Er hat eine sehr genaue Figurenzeichnung, es steckt auch immer eine gewisse Metaphorik dahinter, vielleicht besonders bei dem allerersten Roman, wo er sich in die Vergangenheit bis zu den Argonauten begibt. Da ist auch sehr viel Okkupationsgeschichte mit drin, die Georgien ja geprägt hat über die Jahrhunderte. Denn Georgien ist ja ein begehrtes Land, dort im Kaukasus immer gewesen. Und wurde von vielen kriegerischen Völkern überrannt, von den Mongolen, von den Arabern, jeder wollte dieses Land haben. In den letzten zweihundert Jahren war es dann also Russland. Er wehrt sich gegen diese Übermacht und versucht, seinem Volk ein eigenes Bewusstsein zu vermitteln, in die Tiefe der Geschichte zu gehen mit den Argonauten, wo er zeigt, seht mal, so eine alte Geschichte hatten wir. Wir waren Teil der Antike, wir waren Teil des Frühchristentums, bis heute."

»Medea flocht ihr Haar zu Zöpfen, schlang die Zöpfe um den Kopf und befestigte sie mit einem hölzernen Stäbchen. Die Mädchen ergriffen gleichfalls ihre Kleider, wie ihre Herrin schlangen sie in Eile das nasse, schwere Haar um den Kopf, und schon im nächsten Augenblick waren alle zum Aufbruch bereit. Im Gänsemarsch schritten sie über den zum Tempel führenden Pfad. Hinter ihnen seufzte das Meer. Voran ging Medea: auf neue Art fraulich, erschreckt und glücklich. Auf ihrem fröstelnden, blassen Gesicht lag ein Lächeln, gleichsam das Einladungsschreiben aus einer fremden Welt, die sie bisher nur aus Karissas Reden gekannt und die sie stets geschreckt und erregt hatte so wie den Schauspieler die Bühne  ̶  bis zu dem Moment, da er sie mit vor lauter Lampenfieber unsicherem Fuß betritt. Doch der Schauspieler weiß: Angst und Aufregung sind nichts im Vergleich zu jener Zauberkraft, die auf den Brettern über ihn kommt und ihn befähigt zu tun, wozu er sich sonst nie erkühnen würde.«

Das Georgische Nationalzentrum für Manuskripte in Tbilissi ist in einem schmucklosen unauffälligen Gebäude untergebracht. Die Besucher aus Deutschland werden von zwei Archivarinnen empfangen. Sie führen uns in einen leicht abgedunkelten Raum. Wir stehen vor Vitrinen mit Abschriften des höfischen Epos »Der Recke im Tigerfell« von Schotar Rustaweli aus dem 16. Jahrhundert, versehen mit farbigen Zeichnungen. Als eine der Archivarinnen mit weißen Handschuhen eines der alten handgeschriebenen Schmuckstücke herausholt, geht ein Raunen durch den Raum.

Rustaweli schrieb sein Werk im 12. Jahrhundert und widmete es Königin Tamar, der Auftraggeberin. Die begeisterte Königin soll den Dichter großzügig entlohnt haben. »Der Recke im Tigerfell« wurde Teil der georgischen Volksdichtung und über Jahrhunderte von Generation zu Generation mündlich überliefert. Das Epos erzählt in orientalisch zauberhafter und zugleich realistischer Sprache von Liebe und Freundschaft. Die Schauplätze der Handlung erstrecken sich von Arabien bis nach Indien und China. Aus Liebe zur schönen Königstochter Tinantin zieht der Ritter Awtandil in die Welt hinaus, um die Geliebte seines Freundes Tariel zu suchen. Nach der erfolgreichen Rückkehr darf er die Königstochter heiraten.

Als König Rostewan seine Tochter auf den Thron setzt, sagt er zu ihr:

»So wie die Sonne gleicherweise auf Rosen wie auf Unrat scheint, solltest auch du nie müde werden, den Großen wie den Geringen deine Gnade zu erweisen. […] Nur was du gibst, ist wahrhaft dein, was du behältst, das ist verloren!«

Dieser hohe moralische Anspruch, den König Rostewan an seine Tochter weitergibt, lebt in der georgischen Kultur fort. Die Georgier begreifen Gastfreundschaft und gegenseitige Hilfe als höchste Güter. 

Georgien besitzt eine eigene Sprache und ein eigenes Alphabet. Das Alphabet hat dreiunddreißig Buchstaben, die dem Klang der georgischen Sprache so sehr entsprechen, dass, wer lesen, auch sprechen kann. Groß- und Kleinbuchstaben werden nicht unterschieden. Das Alphabet soll im 3. Jahrhundert entstanden sein. Die georgischen Schriftzeichen gleichen kalligrafischen Kunstwerken.

In welchem Land werden der Sprache Denkmäler errichtet, werden Parks nach ihr benannt, wird ein »Turm des Alphabets« wie in Batumi am Schwarzen Meer errichtet? Da wundert es nicht, dass der Gastlandauftritt Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Slogan »Georgia made by Charakters« beworben wird. In einem Film werden den Buchstaben des Alphabets Landschaften und historische Personen zugeordnet.

Otar Tschiladse ist nicht der einzige moderne Klassiker Georgiens. Der zweite, 1939 geboren, heißt Guram Dotschanaschwili, meint der Literaturwissenschaftler Alexander Kortosia, unter Eduard Schewardnadse Bildungsminister.

Doschanaschwilis Roman »Das erste Gewand« erschien 1978 und wurde ein Lieblingsbuch der Georgier. Es ist ein Buch über den Kampf um die Freiheit und über Liebe und Freundschaft.

»Sie war zwanzig Jahre alt, und eine Frau in diesem Alter galt in Feinstadt als alte Jungfer. Sie wollte niemanden, brauchte niemanden, sie dachte nicht einmal daran. Keine Rede von einem Verlobten, nicht einmal Freundinnen hatte sie. Und jetzt, wo sie zum ersten Mal auf einen Spaziergang mitgekommen war, ihr Zimmer verlassen hatte, ihr Zimmer, das ihrem Gebieter gehörte, stand sie verwirrt zwischen diesen forschen Leuten, allen fremd und fern. Und nur jenem Jungen, der nicht lächelte, warf sie von Zeit zu Zeit einen Blick zu.«

Die Realität im Roman ist geheimnisvoll und besitzt eine zweite Ebene, doch trotz der magischen Elemente wird die Realität nicht als magisch erlebt, sondern als real, schreiben die Übersetzer Susanne Kihm und Nikolos Lomtadse. Die Orte im Roman sind fiktiv und die Zeit, in der der Roman spielt, ist nicht festgelegt. Im Mittelpunkt steht der junge, noch unerfahrene und unwissende Domenico. Sein Vater, der Dorfälteste, ist ein angesehener Mann und der Hüter eines kostbaren Gewandes, das mit Edelsteinen und Diamanten bestickt ist. Domenico, den die Erzählungen eines ins Dorf gekommenen Flüchtlings neugierig gemacht haben, bittet den Vater um seinen Anteil am Erbe. Mit diesem Vermögen macht sich Domenico auf den Weg in drei sehr unterschiedliche Städte. In der ersten scheitert seine Liebe, in der zweiten, Camora, begegnet er dem organisierten Verbrechen, und mit aufbegehrenden Hirten gründet er eine dritte, die Stadt der Freiheit.

Kultroman: »Das erste Gewand« von Guram Dotschanaschwili

Guram Dotschanaschwili lebt heute in Tbilissi. Die ersten Erzählungen von ihm, nach denen Kurzfilme, Hörspiele und Theaterstücke entstanden, erschienen 1961. Seit 1966 arbeitete er am Roman »Das erste Gewand«, zwölf Jahre lang. 

"Das war ein Kultroman in Georgien in den siebziger Jahren. Und hat sofort die ganze Jugend erobert. Ein großer Roman. Und es war schon ein Wunder, das könnte man vielleicht noch sagen, wenn man über die Vergangenheit spricht und über die sowjetische Zeit, es war schon ein Wunder, dass solche Romane und solche Texte überhaupt gedruckt werden durften, dass sie nicht von der Zensur verboten waren."

Zum Kultbuch wurde auch der letzte Roman »Ich bin sie« der 1947 in Ostgeorgien geborenen Schriftstellerin und Übersetzerin Naira Gelaschwili. Sie ist die Übersetzerin von Rilke und vielen anderen deutschen Autoren. Eine Rebellin, die mutig brisante Themen aufgreift. In der letzten Zeit besonders die Umwelt­problematik. Sie hat das Kaukasische Haus in Tbilissi geleitet. Schon früher war es ein Zentrum des geistigen Lebens in Tbilissi. Große Persönlichkeiten kamen hierher: Puschkin, Tschaikowski und Rubinstein.

Ich traf Naira Gelaschwili im Kaukasischen Haus, um mit ihr über den autobiografischen Roman »Ich bin sie« zu sprechen.  

"Also, der Roman betrifft die erste Liebe und ist autobiografisch. Wenn das Mädchen zwölf Jahre alt ist, verliebt sie sich in einen Nachbarjungen, der gegenüber im Haus wohnt. Und sie stehen immer am Fenster, dieser Junge ist zwanzig Jahre alt und das Mädchen ist zwölf Jahre. Sie kennen einander nicht, aber trotzdem ist das Mädchen verliebt. Und da scheitert ihre sichere Existenz. Sie ist das Kind einer reichen Familie, ein versorgtes Kind, aber plötzlich sieht sie, dass nichts mehr hilft. Weder Eltern noch Wohlstand noch gute Noten in der Schule, alles hat plötzlich die Kraft und den Sinn verloren, denn sie steht absolut unbeschützt und allein in ihrer Einsamkeit. Es wird gezeigt, wie grausam die Liebe sein kann, wie verwüstend, wie gefährlich."

"Ich bin sie" spielt im Stadtteil Vake in Tbilissi. Die beiden Häuser werden genau beschrieben, die Namen der Straßen genannt, in denen es zur unvergesslichen ersten Begegnung der beiden Protagonisten kommt. Auf den Spuren des jungen Mädchens spaziere ich durch Vake, gehe zum Vakepark, wo die beiden einmal kurz miteinander sprachen. Jahrzehnte später überfällt die ältere Dame alle fünf Jahre eine tiefe Sehnsucht, den Mann wiederzusehen, den sie als zwölfjähriges Mädchen so stark geliebt und der ihr ganzes Leben beeinflusst hat.

"Und alle fünf Jahre kommt das wieder wie eine Krankheit. Sie will diesen Mann sehen, beginnt ihn zu suchen, findet ihn aber nicht. Jetzt beginnt die Freundin dieser Frau diesen Mann zu suchen. Nun endlich ist dieser Mann entdeckt als Arzt in einem Krankenhaus. [lacht] Damals war er Student des medizinischen Instituts. Und das wirkte so zauberhaft auf das Mädchen, ein Arzt, Medizin und so weiter. Das steht in Konfrontation zum Zeitgeist, kann man sagen. Also zu dem Zeitgeist, der Sex und Liebe nicht mehr unterscheiden will. Der Titel ist Ich bin sie – das sind die Worte der Schriftstellerin. Die sagt in ihrem Alter, trotz allem bin ich dieses Mädchen geblieben. Also, ich bin sie."

Kote Jandieri schreibt in erster Linie Drehbücher. Aber in dem sehr kurzen Roman »Globalisierung« fängt er, auf der Grundlage eigener Erfahrungen und denen seiner Familie, georgische Schicksale der letzten Jahrzehnte insbesondere auf dem Land ein. Jandieri schreibt aus der Perspektive eines einfachen Bauern, der seine Geschichte zwei jungen Radioreportern erzählt. Er unterscheidet nicht zwischen gut und böse. Er erzählt im Dialekt und ohne Wertung die Geschichte Georgiens im 20. Jahrhundert.

»Inzwischen hatte Anitschka ihre Lehre abgeschlossen und war ins Dorf zurückgekehrt. Sie arbeitete nun in unserer Ambulanz als Krankenschwester und wollte sich in zwei, drei Jahren Geld zusammensparen, um den Privatunterricht für das Medizinstudium zu finanzieren. Doch aus meiner Ausbildung wurde nichts mehr. Tite wollte mich auf das Zoologische Technikum schicken, da er nun aber im Lager saß, war das nicht mehr möglich. Ich war weder besonders gescheit noch so fleißig, dass ich das Ganze sehr bedauert hätte. Die Schule habe ich gerade noch mit einem mittelmäßigen Zeugnis abgeschlossen. Etwas besser als in den anderen Fächern war ich in Georgisch und Geschichte. Dass ich ein ungehobelter Dorfbub geblieben war, hat Wana kaum gestört. Im Gegenteil, er freute sich fast darüber, denn das Schicksal der beiden Gebildeten, Tite und Iliko, hatte er nur zu gut vor Augen. Er hat sehr wohl verstanden, dass ein gebildeter Mensch damals viel mehr gefährdet war als ein ungehobelter und ungebildeter." 

Luka Bakanidze, 1982 geboren, ist erst seit kurzem Autor. Er widmet sich den Aussteigern.
Er schreibt in seinem Roman »Das dritte Ufer« über eine Gruppe junger Menschen in Tbilissi, sogenannte Karussellleute, die ihr tägliches Brot mit Straßenmusik verdienen. Die Sprache des Romans ist derb.

»Alex war immer noch krank. Mein Kumpel war von der verfickten Krankheit immer noch nicht ganz geheilt und sogar betrunken trug er ihn wie Handschellen, diesen Brauch aus seiner alten Welt, sich ständig gegenseitig zu überwachen und einander nicht mal falsch gebundene Schnürsenkel zu verzeihen, geschweige denn, sich in Raschids Nutte zu verlieben. Doch die allerschlimmste Krankheit, die dich befallen hat, Alex, ist nun mal die Liebe. Du liebst doch Alina? Du liebst sie doch ganz doll, oder? Und was ist die Heilung und die Impfung gegen dieses Leiden? Nein, nicht Alina selbst, sondern das, was du jetzt durchmachst. Hauptsache nicht aufgeben, Bro, hör auf niemanden, genieße dieses Gefühl des Verliebtseins in vollen Zügen und der Rest ist nicht wichtig.«

Alexander Kortosia hält Bakanidses »Das dritte Ufer« für etwas ganz Neues in der georgischen Literatur. 

"Das sind die jungen Menschen, die sich losgelöst haben von der Gesellschaft und eine eigene Gemeinschaft gebildet haben. Es ist alles da, Drogen und Prostitution, Alkoholismus. Sie unterscheiden sich von dieser Gesellschaft, von der sie sich losgelöst haben, dadurch, dass sie sauber sind. Also dieser Schmutz, der sie umgibt, ist die Oberfläche. Und in der Tiefe, wenn man in die Tiefe geht, sind sie selbst die Träger der Sauberkeit, der moralischen Sauberkeit, der seelischen Sauberkeit und der geistigen Sauberkeit. Das wird von diesem Autor sehr meisterhaft dargestellt. Und es gibt rührende Stellen, wo man fast weinen könnte wie diese jungen Menschen sich gegenseitig Hilfe leisten und wie sie sich lieben. Und diese Liebe entsteht durch die Musik. In dieser Dunkelheit leuchtet die Liebe und die Freundschaft, die besten Werte, was die Menschheit hat. Der Schutz den kleinen Kindern gegenüber, den Kranken gegenüber, den Schwachen gegenüber."

Die in Deutschland wohl bekannteste georgische Schriftstellerin ist Nino Haratischwili. 1983 in Tbilissi geboren, kam sie als Zwölfjährige mit ihrer Mutter in die Bundesrepublik. Sie lebt in Hamburg und schreibt auf Deutsch Theaterstücke und Romane. In dem Roman »Das achte Leben (Für Brilka)« erzählt sie fesselnd von der georgischen Familie Laschi, beginnend im Jahr 1900, endend im Jahr 2006. Über den Roman scheint Nino Haratischwili ihre georgische Identität und die ihrer Familie gefunden zu haben. Sie habe versucht, die Geschichte Georgiens im 20. Jahrhundert zu verstehen, sagt die Autorin. Beim Gastlandauftritt Georgiens in Frankfurt hält sie gemeinsam mit Aka Mortschiladse die Antrittsrede und stellt ihren neuen Roman »Die Katze und der General« vor, der es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreis geschafft hat. Haratischwili ist auch als Übersetzerin aus dem Georgischen präsent. Und seit einigen Jahren setzt sie sich als Vermittlerin für ihre georgischen Schriftstellerkolleginnen und -kollegen in Deutschland ein.

Solche mit der deutschen Sprache und den hiesigen Gewohnheiten nicht nur auf dem Buchmarkt vertrauten Mittler brauchen insbesondere kleinere Literaturen und Sprachen. Juri Andruchowytsch war ein solcher Mittler für die ukrainische Literatur, für die georgische könnte es Nino Haratischwili sein.

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