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Lesart | Beitrag vom 14.09.2018

Frank Witzel: "Vondenloh"Geisteraustreibung und Geisteskur zugleich

Von Claudia Kramatschek

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Vondenloh: Eine Geschichte, in der verschollene Manuskripte in Bombenkratern auftauchen (picture alliance / dpa / Christian Pörschmann / Matthes & Seitz)
Vondenloh: Eine Geschichte, in der verschollene Manuskripte in Bombenkratern auftauchen (picture alliance / dpa / Christian Pörschmann / Matthes & Seitz)

"Vondenloh" von Frank Witzel wurde erstmals 2008 veröffentlicht und wird nun von Matthes & Seitz neu aufgelegt. Es geht um den deutschen Literaturbetrieb und ist ein einziger großer Spaß: Amüsant und abgründig, komisch und extrem klug.

Wüßte man nicht, dass Frank Witzel den nun neu aufgelegten Roman "Vondenloh" erstmals 2008 in einem kleinen Verlag veröffentlicht hatte, könnte man denken: Dies hier ist die Rache – an einem Literaturbetrieb, der einen wie ihn allzu lange sträflich ignoriert hat.

Auf den ersten Blick liest "Vondenloh" sich nämlich wie eine groteske Satire auf die Welt der Literatur. Im Mittelpunkt steht die – fiktive – Bestseller-Autorin Bettine Vondenloh, die ein Werk hinterlassen hat, das alle zum Raunen bringt und Symposien füllt. Ihre Markenzeichen: Kurze Sätze, ein makelloser Stil – und kein Roman länger als 120 Seiten.

Ihre Gegenfigur ist der Ich-Erzähler. Auch er ist Schriftsteller – nie aber zu Ruhm gekommen wie Vondenloh, mit der er einst in der Kindheit befreundet war. In seinem 40. Lebensjahr ereilt ihn eine heftige Krise – und er schickt sich an, der Schriftstellerin ein Denkmal zu setzen.

Vertracktes Spiel mit Fakten und Fiktion

Es sind seine Aufzeichnungen von Leben und Werk der Vondenloh, die wir lesen. Und die sich als ein vertracktes Spiel mit Fakten und Fiktion erweisen, das schwindelerregende Haken schlägt, um den Leser Schritt für Schritt auf ganz anderes Terrain zu führen.

Denn, ja: Einerseits begegnen wir den üblichen Verdächtigen des Literatur- und Medienbetriebs, die Witzel hier teilweise bei Klarnamen nennt. Jörg Drews und Hubert Winkels geistern ebenso durch den Roman wie Peter Handke oder Rainhold Kunella. Es wird gedeutelt und wild interpretiert; die einen erweisen sich als Parvenüs, die anderen als Stalker.

Der Schriftsteller Frank Witzel (dpa / Arne Dedert)Frank Witzel: Meister der grotesken Satire (dpa / Arne Dedert)

Doch der Roman – in dem sich abenteuerlichste Verwicklungen in rascher Folge aneinanderreihen – funktioniert wie eine Falltür: Ehe man sich versieht, landet man im Keller der deutschen Geschichte – und damit im Maschinenraum der Witzel’schen Poetik. Diese übt sich seit Anfang an in der Kunst der Ausgrabung all dessen, was sich unter der schönen Oberfläche der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte und damit auch unserer Gegenwart verbirgt.

Hinab in die Tiefe der deutschen Erde

In "Vondenloh" geht es deswegen oftmals hinab in die Tiefe der deutschen Erde: Verschollen geglaubte Manuskripte lagern in einstigen Bombenkratern; vermeintliche Schätze stören die stillschweigende Übereinkunft der Nachkriegsgemeinschaft, dass man das Alte besser in Frieden ruhen lasse. Das fatale Nachkriegsschweigen, dem eine bis heute anhaltende Sprachordnung folgte, war auch Gegenstand in Witzels jüngsten Roman – und wie aus alten Neurosen neue Störungen in anderem Gewand erwachsen.

Lacan, Freud und Reich feiern deswegen in "Vondenloh" ebenso ein Stelldichein wie überraschende Verwandlungen und beängstigende Permutationen: von Orten, Menschen, Bedeutungen. Das Vergangene ist hier nicht vergangen, sondern feiert fröhliche Wiederkehr.

Dass Witzel als gewiefter Autor am Ende dann alles in Frage stellt, was sein Erzähler uns eben erst als Wahrheit auftischen wollte, ist Teil seiner Methode. Hier ist die Literatur Geisteraustreibung und Geisteskur zugleich. Kurzum: "Vondenloh" erweist sich als einziger großer Spaß: Amüsant und abgründig. Extrem komisch – und extrem klug.

Frank Witzel: Vondenloh
Matthes & Seitz, Berlin 2018
240 Seiten, 10 Euro

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