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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.06.2017

Frank Trentmann: "Herrschaft der Dinge" Konsum als Triebfeder des technischen Fortschritts

Von Edelgard Abenstein

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Cover Frank Trentmann: "Die Herrschaft der Dinge" (Imago / DVA/ Combo: Deutschlandradio)
Cover Frank Trentmann: "Die Herrschaft der Dinge" (Imago / DVA/ Combo: Deutschlandradio)

Wie es dazu kam, dass wir immer mehr Dinge besitzen wollen, zeigt der Historiker Frank Trentmann in "Herrschaft der Dinge". Ausführlich zeigt er das Dilemma des Konsums auf: Triebfeder des Fortschritts einerseits, andererseits Verursacher einer Wegwerfgesellschaft.

Seit Händler den Markt mit immer mehr Dingen versorgten, vor 500 Jahren etwa, konsumierte man schlagartig mehr. Im Florenz der Renaissance verfügte nicht nur die Elite über mehr Kleider und Möbel, Bilder und Musikinstrumente als je zuvor, selbst Handwerker bedienten sich, um sich abzugrenzen, aus dem bis dahin exklusiven Gütertopf.

Neue Lebensgewohnheiten machten sich breit, eine Art neuen Konsumbewusstseins griff um sich. Auch im entlegenen China der Ming-Zeit, wo riesige Reklameplakate für Bambus, Würste und Hundert-Falten-Röcke warben.

Massenkonsum ist keine Folge der Massenproduktion

Schlüssig weist das Buch nach, dass die Zunahme an Gütern nicht erst mit der industriellen Revolution entsteht, der Massenkonsum also keine Folge der Massenproduktion ist, sondern umgekehrt. Seit man im 18. Jahrhundert indische Baumwolle, chinesisches Porzellan, exotische Getränke, Tee und Kaffee schätzen gelernt hat, gerät der Erfindungsreichtum in Bewegung. Technologische Innovationen wie die Spinnmaschine werfen Textilien auf den heimischen Markt.

Parallel dazu traten immer schon die Konsumkritiker auf den Plan, wenn sie den Kaufrausch anprangerten, indem sie sich auf Autoritäten wie Platon, die katholische Kirche, später dann auf Karl Marx beriefen. Während die frühen Liberalen in den Wahlmöglichkeiten des Konsums eine Basis für Wohlstand und Demokratie erblickten.

Gerade den moralischen Aspekt mit seinem grundsätzlichen Dilemma beleuchtet Trentmann durch die verschiedenen Epochen und Weltgegenden hindurch: Konsum als Triebfeder einerseits, andererseits als Verursacher einer Wegwerfgesellschaft mit unzweifelhaft fatalen Folgen heute.

Das Buch bringt ein beachtliches Spektrum an wirtschaftlichen, politischen, ökologischen Themen zur Sprache. Auch psychologische Motive wie Geltungsdrang, das Verlangen nach Überlegenheit, Unterscheidbarkeit, Neid und Nachahmung werden miteinbezogen.

Nichts für Einsteiger

Doch gerade weil Trentmann eine erstaunliche Gelehrsamkeit in verschiedensten Disziplinen beweist mit einem ausgeprägten Appetit auf entlegene Details, Statistiken und Fallbeispiele, sieht man oft vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.

So ist das Buch mit seinen mehr als 1.000 Seiten sicher nichts für Einsteiger. Aber für Leser, die bereit sind, einen ganzen Schock an Mußestunden zu investieren - gemäß dem Ratschlag, den der Autor am Ende in Sachen Konsumreduktion erteilt: Verharrt man länger bei einem einzelnen Gegenstand, konsumiert man nachhaltiger. Was nichts anderes heißt als intensiver zu genießen.

Frank Trentmann: Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute
Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt und Stephan Gebauer-Lippert
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017
1104 Seiten, 40 Euro

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