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Lesart | Beitrag vom 04.04.2020

Frank Dikötter: "Diktator werden"Anleitung zum Personenkult

Von Paul Stänner

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Frank Dikötter "Diktator werden. Populismus, Personenkult und die Wege zur Macht." Klett-Cotta Verlag (Klett-Cotta  / Deutschlandradio)
Der Personenkult liege im "Herzen der Tyrannei", schreibt Frank Dikötter. (Klett-Cotta / Deutschlandradio)

Der in Hongkong lehrende, niederländische Historiker Frank Dikötter zeigt, wie man auf schnellstem Weg Diktator werden kann. Er hat eine Art Katalog der gemeinsamen Nenner von Diktatoren der Moderne erstellt. Ein Name überrascht dabei ein wenig.

Frank Dikötter hat in seinem Buch acht Diktatoren der Moderne porträtiert, Männer, die sich mit modernen Massenkommunikationsmitteln in ihre Position gebracht haben. Mussolini, Hitler, Stalin, Ceaușescu sind die europäischen Protagonisten, der chinesische Mao Zedong, der haitianische Duvalier, der koreanische Kim Il-Sung und der äthiopische Mengistu kommen aus der sogenannten Dritten Welt.

Dikötter zeichnet die Karrieren der acht Protagonisten nach – mit dem Fokus auf den Personenkult, den sie um sich herum schufen. Im Einzelfall hat man schon viel über den einen Hitler oder den anderen Stalin gelesen, aber in der Zusammenschau lässt sich so etwas wie ein Katalog der gemeinsamen Nenner aufstellen. Denn laut Dikötter liegt der Personenkult im "Herzen der Tyrannei", ist Bestandteil seines innersten Kerns.

Ideologien sind nur Beiwerk

Frank Dikötter hat im Verlauf seiner Studien einen tiefen Einblick in die Herrschaftstechniken von Diktaturen getan. Und festgestellt: Egal, von welcher ideologischen Basis aus die Protagonisten gestartet waren, ab einem gewissen Punkt waren Kern und Inhalt ihrer Herrschaft – sie selbst. Auch die vorgeblichen Marxisten und Leninisten entfernten sich rasch von ihren Ursprüngen, schreibt Dikötter, denn: Unter Stalin war man Stalinist, unter Mao Maoist und unter Kim eben Kimist.

Mussolini zeichnete die Blaupause: Er war ein fesselnder Redner und ein Meister des Pomp. Folgt man Dikötter, dann ist eine der wesentlichen Stimulanzien der Massenbegeisterung das "Warten lassen" – die Leute stehen und stehen, von Ordnern gut bewacht, von Musik aufgeputscht, stundenlang – bis sich mit dem Auftreten des Duce selbst die kollektive Gespanntheit löst. Der Messias ist erschienen. Jubel brandet auf.

Natürlich sind nicht alle Händeklatscher aus freien Stücken zu den Massenspektakeln der italienischen Faschisten oder der deutschen Nazis oder der sowjetischen Kommunisten gekommen – Schlägertrupps, Polizei und Geheimpolizei gehörten zu den Helfern und Helfershelfern der Erlöser.

Sieben Lektionen für den unaufhaltsamen Aufstieg

Zieht man die Quersumme aus Dikötters Untersuchungen, erhält man so etwas wie ein Handbuch für Diktatoren und Autokraten. Wenn also beispielsweise ein Gegner der Demokratie in seinem Startloch hockt und überlegt, wie er seine Feinde ausschwitzen kann, dann könnte er aus dem Dikötter einige Lektionen des Cäsarenwahns destillieren:

Lektion 1: Du brauchst keine Voraussetzungen. Du kannst sein: klein wie Mussolini, füllig wie Stalin, dumm wie Brot; der Schuster Ceaușescu brachte es trotz gähnender kognitiver Leere zu dem Ehrentitel "Genie der Karpaten".

Lektion 2: Du bist der Größte. Du kannst alles, du kannst alles am besten, du bist der Einzige, der es kann. Um die Zweifler zu entwaffnen, holst du dir Bestätigung von außerirdischen Mächten: Die Vorsehung, die Nation, die Geschichte taugen allesamt als gute Auftraggeber, weil sie wunderbar wolkig sind und niemals widersprechen.

Lektion 3: Sei eitel wie ein Pfau. Eine Propagandamaschinerie oder wenigstens eine gefügige Presse sind unabdingbar. Beständig müssen das Bild des Machthabers, seine Meinungen und die Feier seiner Erfolge in die Öffentlichkeit getragen werden. Früher waren Wochenschauen und Zeitungen wichtig, heute erfüllt ein Twitter-Account denselben Zweck.

Lektion 4: Du hast kein Programm. Du bist das Programm. Mach keine überprüfbaren Aussagen über das, was du vorhast. Prophezeie wattig eine goldene Zukunft. Sei sprunghaft in Aussagen und Versprechungen. Heute so, morgen so – das ist das Programm. Es verpflichtet zu nichts und hält die Anhänger in Atem.

Lektion 5: Die Details regeln die Unterteufel. Wenn etwas nicht so eintrifft, wie die Gläubigen es erwartet haben, tragen die Unterteufel die Schuld. Die enttäuschten Anhänger dürfen klagen: "Wenn das der Führer wüsste!" Dikötter weist nach, dass das bei fast allen Diktatoren so funktioniert.

Lektion 6: Wichtig ist, dass du die Unterteufel regelmäßig in die Wüste schickst oder, besser noch, hinrichten lässt. Niemand darf sich sicher fühlen.

Es gäbe noch mehr Lektionen, aber eine ist schlussendlich wichtig:

Lektion 7: Du musst spüren, wann bei Anhängern und Gegnern ein bestimmtes Maß an Enttäuschung überschritten wurde. Dann musst du sie erschießen – oder sie erschießen dich. Nikolae Ceaușescu zum Beispiel hat versagt.

Warum akzeptiert ein Volk einen Diktator?

Im Nachwort wird auch Recep Tayyip Erdogan unter die jüngeren Diktatoren gezählt. Die Grenze ist weich geworden, man muss nicht Millionen umgebracht haben, um in diese finstere Kategorie aufgenommen zu werden. Noch gilt eine Schonfrist, denn: "Die Türkei ist noch weit von den großen Diktaturen des 20. Jahrhunderts entfernt, doch wurden auch diese nicht über Nacht errichtet."

Was jetzt noch fehlt in Frank Dikötters lehrreichem Herrscherspiegel: Natürlich kann man erkennen, worauf es hinausläuft, wenn jemand die Lektionen 1 bis 3 in Angriff nimmt, was ja in einer Demokratie nicht strafbar ist. Aber warum manchen die Leute da mit? Ein Diktator ist kein Diktator, wenn er nicht ein Volk hat, dem er diktieren kann. Warum akzeptiert ein Volk den Diktator? Warum wählt es ihn womöglich?

Frank Dikötter: Diktator werden. Populismus, Personenkult und die Wege zur Macht. 
Aus dem Englischen von Henning Dedekind und Heike Schlatterer
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2020
366 Seiten, 26 Euro

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