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Fazit | Beitrag vom 05.09.2020

Frank Castorfs "Boris Godunow" an der Staatsoper HamburgGroße Leerstellen - keine Buhs

Jörn Florian Fuchs im Gespräch mit Johannes Nichelmann

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Georg Nigl in Frank Castorfs Inszenierung "molto agitato" an der Staatsoper Hamburg. (Staatsoper Hamburg / Monika Rittershaus)
Bewegt sich im luftleeren Raum: Bariton Georg Nigl in Castorfs "molto agitato". (Staatsoper Hamburg / Monika Rittershaus)

Frank Castorfs Einstand in Hamburg ist wegen der Pandemie verändert worden. Die Oper "Boris Godunow" wich aufgrund der Distanzbedingungen einem neuen Projekt: "molto agitato". Szenisch habe das aber "nicht gezündet", meint Kritiker Jörn Florian Fuchs.

Regisseur Frank Castorf gibt wegen der Coronakrise sein Debüt an der Staatsoper Hamburg nicht wie ursprünglich geplant mit "Boris Godunow" von Modest Mussorgski. Die personenintensive Oper sei unter den gegenwärtigen Hygiene- und Abstandsregelungen nicht realisierbar, sagte Intendant Georges Delnon.

Das neue Projekt heißt "molto agitato" und soll als "inhaltlich und musikalisch vielschichtiges Format", so die Staatsoper, eine künstlerische Antwort auf die aktuelle Lage liefern.

Große Leerstellen in der Inszenierung

In "molto agitato" fänden sich Motive aus vielen Castorf-Inszenierungen, sagt Kritiker Jörn-Florian Fuchs. "Das Hauptproblem an diesem Abend ist: Es gibt sehr viel unterschiedliche Musik und keine wirkliche Verbindung. Es gibt große Leerstellen. Die Figuren bewegen sich oft sehr langsam über die Bühne."

Die Schauspieler Matthias Klink und Georg Nigl in Frank Castorfs Inszenierung "molto agitato" an der Staatsoper Hamburg: Klink trägt eine brennende Fahne, im Hintergrund die US-amerikanische Flagge. (Staatsoper Hamburg / Monika Rittershaus)Trotz Flammen auf der Bühne zündet Castorfs "molto agitato" mit den Schauspielern Matthias Klink und Georg Nigl nicht. (Staatsoper Hamburg / Monika Rittershaus)

Die Oper hatte sich öffentlich selbst auferlegt, keine künstlerischen Abstriche wegen der Pandemiemaßnahmen zu machen. Es sei schwierig zu sagen, ob das gelungen sei, sagt Fuchs.

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"Künstlerisch war das extrem gut. Das sind alles gute Sängerinnen und Sänger, Darstellerinnen und Darsteller. Die Schwierigkeit ist dieses Auseinandergezogene - dass man auf dieser großen, weitestgehend leeren Bühne sehr lange braucht, um von der einen zur anderen Seite zu laufen. Und da passiert tatsächlich oft gar nichts. Es hängt alles ziemlich luftleer im Raum und ist zu statisch. Das hat alles szenisch nicht richtig gezündet."

Mattes Dirigat von Kent Nagano

Am Schluss habe es höflichen Applaus und "überraschenderweise" keine Buhrufe gegeben, sagt Fuchs. "Das fand ich fast etwas merkwürdig, man merkte eine Ermattung und der Abend hat eben etwas Autistisches, dass nicht wirklich viel bringt." 

Kent Nagano dirigiere zudem die kleine Besetzung sehr matt und das sogar bei Kurt Weill. "Da müsste es auf Kante genäht sein. Da muss es krachen, schmutzig werden, aber das ist alles ein sehr gediegener Wohnzimmerklang  gewesen. Also leider ein etwas matter Auftakt in Hamburg." 

(rja)

"molto agitato" - Staatsoper Hamburg
Regie: Frank Castorf
Musikalische Leitung: Kent Nagano

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