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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.04.2016

Françoise Giroud: "Ich bin eine freie Frau"Schonungslose Selbstbetrachtung

Von Carsten Hueck

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Françoise Giroud im Oktober 1960. (imago/ZUMA/Keystone)
Françoise Giroud im Oktober 1960. (imago/ZUMA/Keystone)

Françoise Giroud war eine der bekanntesten Journalistinnen Frankreichs. Als 1960 ihr damaliger Liebhaber und Kollege sie aus der Leitung von "L'Express" entfernte, schrieb sie nach einem gescheiterten Selbstmordversuch diese nun als Buch vorliegende Autobiografie.

Sie war eine der bekanntesten Journalistinnen Frankreichs, Chefredakteurin der Modezeitschrift "Elle", Mitbegründerin des Nachrichtenmagazins "L’Express" und Autorin von rund 30 Büchern. Sie schrieb über Politik genauso wie über Christian Dior, Jenny Marx oder Cosima Wagner, demonstrierte mit Mitterand gegen den Algerienkrieg, debattierte mit Margaret Thatcher und Günter Grass über Europa.

Sie war Mitglied der Resistance, eine Linksintellektuelle und Feministin. Drehbuchautorin, Jury-Mitglied der Filmfestspiele in Cannes, Politikerin, Kulturministerin und im Rentenalter Mitbegründerin der NGO "Action contre la faim": Françoise Giroud, geboren 1916 am Genfer See als Tochter eines politischen Flüchtlings aus der Türkei.

Schonungsloser Text aus dem Nachlass

2013, zehn Jahre nach ihrem Tod (und vierzehn Jahre nach dem Erscheinen ihrer bis dahin einzigen Autobiografie), tauchte in Frankreich ein Text aus dem Nachlass von Françoise Giroud auf, der jetzt auch auf Deutsch vorliegt: "Ich bin eine freie Frau". Er stammt aus dem Jahr 1960 und ist die schonungslose Bestandsaufnahme eines Frauenlebens zwischen Aufbegehren und Selbstaufgabe.

Giroud hatte kurz vor der Niederschrift versucht, sich das Leben zu nehmen. Ihr Kollege, Seelengefährte und Liebhaber Jean-Jacques Servan-Schreiber hatte sie verlassen und aus der Leitung ihres gemeinsamen Babys "L’Express" entfernt. Von einem Moment auf den anderen verlor Giroud ihren Platz in der Welt. Das eigene Leben erschien der angesehenen Intellektuellen nun sinnlos.

Die Trennung hatte sie in eine Krise gestürzt, die sie in der ihr eigenen Konsequenz nur durch den Tod glaubte überwinden zu können. Dass sie gerettet wurde, akzeptierte sie widerwillig - und machte sich sofort wieder an die Arbeit.

Sie zog sich nach Capri zurück und begann dort - etliche Jahre vor ihrer Psychoanalyse beim legendären Jacques Lacan - Herkunft, Kindheit, ihr Verhältnis zu Männern und zu ihrer Arbeit, schlichtweg ihr ganzes bisheriges Leben aufzuarbeiten. In einem Sommer schrieb sie einen für die damalige Zeit stilistisch und inhaltlich ungewöhnlich offenen, scharfsinnigen und emotionalen Text. Weder sich noch andere schonte sie dabei.

Literarischer Glücksfall

So entstand auf 200 Seiten Girouds erste Autobiografie. Ein literarischer Glücksfall: Die Autorin bekennt sich zu ihren Stärken und Schwächen, kommentiert mit feministischer Souveränität das Verhalten der Männer und ihre eigene Position in der französischen Gesellschaft.

Es entsteht das fesselnde Bild einer außergewöhnlichen Frau und großen Persönlichkeit, von der man nicht erwartet, dass sie jahrzehntelang unter Gefühlen von Scham und Schutzlosigkeit litt.

Wegen des ergreifenden und zugleich kühl analysierenden Tons gehen Girouds Lebensbetrachtungen weit über Persönliches hinaus. Ihre Freunde jedoch rieten Françoise Giroud damals von der Veröffentlichung ihrer Aufzeichnungen ab. Und so verschwanden sie im Archiv.

In den folgenden Jahren setzte Giroud ihre Karriere als Journalistin und Buchautorin fort, in den 1970er-Jahren ging sie erfolgreich in die Politik. Das Leben ging weiter: Françoise Girouds Buch "Ich bin eine freie Frau" zeigt beeindruckend, wie es ihr infolge einer existentiellen Krise möglich war, ihr Dasein zu durchleuchten, es dann ohne Groll, Entschuldigungen oder Pathos anzunehmen, und sich durch das Schreiben als Person wiederherzustellen.

Françoise Giroud: "Ich bin eine freie Frau"
Herausgegeben von Alix de Saint-André. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky
Zsolnay Verlag. 236 Seiten, 19,90 Euro

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