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Buchkritik | Beitrag vom 11.12.2018

Francois-Henri Désérable: „Ein gewisser Monsieur Piekielny“ Erinnerung an einen fast Vergessenen

Von Marko Martin

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Buchcover: François-Henri Désérable: "Ein gewisser Monsieur Piekielny" Litauen, Vilnius, Blick zum alten Turm vom Gediminas Turm aus (Buchcover: C.H.Beck Verlag, Foto: imago stock&people)
"Ein gewisser Monsieur Piekielny" von Francois-Henri Désérable ist ein Roman über einen Roman. (Buchcover: C.H.Beck Verlag, Foto: imago stock&people)

Francois-Henri Désérables wunderbarer Roman „Ein gewisser Monsieur Piekielny“ ist eine Hommage auf den französischen Schriftsteller Romain Gary und eine berührende Erinnerung an einen im Holocaust Ermordeten, der ohne Gary vergessen worden wäre.

Er war ein literarischer Star im Frankreich der 50er- bis 70er-Jahre, dessen Name noch heute funkelt: Romain Gary, geboren 1914 in Vilnius als Roman Kacew. Generationen französischer Gymnasiasten sind mit seinen lebensprallen Büchern aufgewachsen, und Kinozuschauer erinnern sich an die Adaptionen seiner Romane etwa mit Romy Schneider, Simone Signoret, Sophia Loren oder Peter Ustinov.

Dazu gelang dem jüdisch-russischen Schriftsteller etwas, was eigentlich schon qua Satzung ausgeschlossen ist: Gleich zweimal erhielt er Frankreichs exklusivsten Literaturpreis, den Goncourt - 1956 unter seinem "offiziellem" Pseudonym Gary und 1975 als Émile Ajar. 1980 beging Gary Suizid, ein Solitär bis ganz zuletzt.

Hommage an die Kraft der Imagination

Jetzt hat sich ein Autor der jüngeren Generation, der 1987 geborene Francois-Henri Désérable, Garys turbulentem Leben angenommen, in einer ebenso sympathischen wie literarisch überzeugenden Hommage an die Kraft der Imagination. Als der Ich-Erzähler – 2014 unterwegs von Paris nach Minsk zu einem Eishockeyspiel – unerwartet einige Stunden im litauischen Vilnius verbringen muss und durch die Stadt streift, entdeckt er an einer Hausfassade ein Schild, das an Romain Garys hiesige Kindheit von 1921 bis 1925 erinnert.

Während sich Désérables Held wiederum daran erinnert, dass er als eigentlich lesefauler Schüler ausgerechnet Dank einer Passage aus Garys autobiographischem Roman "Frühes Versprechen" zum Abitur gelangt war. Darin hatte Romain Gary an einen unscheinbaren älteren jüdischen Herrn erinnert, der ihm damals als Kind ein Versprechen abgerungen hatte:

"Wenn du dann später bedeutenden Männern begegnest, versprich mir, dass du ihnen sagen wirst: In der Großen Pohulanka Nr. 16 in Wilna lebte ein gewisser Herr Piekielny."

Hielt Gary sein Versprechen?

Hatte Gary diese frühe Zusage eingehalten? Hatte er, Kampfflieger im Zweiten Weltkrieg, seinem von ihm bewunderten General de Gaulle dann tatsächlich von jenem im Holocaust umgekommenen "gewissen Herrn Piekielny" erzählt, war später im Weißen Haus bei einem Abendessen mit John F. Kennedy der Name jenes völlig unbekannten osteuropäischen Juden gefallen?

Francois-Henri Désérable recherchiert und imaginiert, wälzt in Vilnius Einwohnerregister, prüft Theorien auf Plausibilität, trifft in Paris noch lebende Freunde Garys und verzweifelt dann fast, als er bei einer Theateraufführung von Gogols "Revisor" die ganz ähnliche Szene eines um Namensnennung bittenden Provinzlers sieht. Hatte Romain Gary also auch hier "seine kleinen Arrangements mit der Wirklichkeit" gehabt?

Einer, der dem Vergessen entrissen wurde

Aus den wenigen Herrn Piekielny gewidmeten Zeilen evoziert Désérable ein jüdisches Leben im Wilna der 20er- und 30er-Jahre, ehe zuerst die sowjetischen Stalinisten einmarschierten, später dann Hitlers Mordtruppen, die mit Hilfe litauischer Kollaborateure die jüdische Bevölkerung nahezu vollständig auslöschten.

Piekielny steht hier als einer von vielen, und Romain Gary hatte ihn zuerst dem Vergessen entrissen.

"Wenn er denn tatsächlich nur aus Tinte und Papier war, bedeutete das den unzweifelhaften, glänzenden Triumph der Literatur durch die Fiktion. Aber wenn er doch in echt existiert hatte, wie die Kinder sagen? Auch dann würde die Literatur triumphieren, in diesem Fall durch die Wirklichkeit."

Es sei hier nicht verraten, was der Ich-Erzähler schließlich bei einem erneuten Besuch in Vilnius entdeckt, denn so oder so: "Ein gewisser Monsieur Piekielny" ist ein wunderbares Hohelied auf die Erinnerung und die Phantasie, auf die Kraft des Individuums, immer wieder Nein zu sagen zu anonymisierender Vergesslichkeit.

Francois-Henri Désérable: "Ein gewisser Monsieur Piekelny"
Aus dem Französischen von Saine Herting
C.H. Beck, München 2018, 256 Seiten, 22 Euro

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