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Buchkritik | Beitrag vom 28.06.2018

Francesca Melandri: "Alle, außer mir"Die blinden Flecken einer italienischen Familie

Von Maike Albath

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Buchcover Francesca Melandri: "Alle, außer mir" (Klaus Wagenbach Verlag / picture-alliance / dpa / Ullstein)
Mit ihrem Roman zieht Francesca Melandri eine Linie vom italienischen Faschismus bis in die Gegenwart. (Klaus Wagenbach Verlag / picture-alliance / dpa / Ullstein)

Die Lehrerin Ilaria Profeti findet einen jungen Schwarzafrikaner vor ihrer Tür, der behauptet, ihr Neffe zu sein. Kann das wahr sein? - In "Alle, außer mir" erzählt Francesca Melandri eine fesselnde Familiengeschichte voller Tabus und Geheimnissen.

Es ist genau der richtige Moment für einen Roman wie diesen: Die römische Schriftstellerin Francesca Melandri erzählt eine fesselnde Familiengeschichte und wendet sich zugleich dem brutalen Eroberungskrieg in Äthiopien unter Mussolini zwischen 1935 und 1936 zu. Am Beispiel des Soldaten Attilio Profeti, eines typischen Opportunisten, liebenswert, gewandt und strategisch, schildert sie, wie sich die Faschisten mit Giftgasangriffen das Land untertan machten. Für den italienischen Diktator hatte der Sieg einen hohen symbolischen Wert – das Regime schlachtete die Besatzung propagandistisch aus und erreichte ein Höchstmaß an Zustimmung.

Melandris Roman "Alle, außer mir", der das gesamte 20. Jahrhundert umfasst, den Faschismus aus einer mentalitätsgeschichtlichen Perspektive vermittelt und bis in die Gegenwart reicht, kam auch im Original erst vor wenigen Monaten heraus und kontrastiert auf wohltuende Weise die vom neuen Innenminister Matteo Salvini lancierten xenophoben Parolen. Außer in dem – wenig beachteten – Klassiker "Alles zu seiner Zeit" (1947) von Ennio Flaiano gibt es kaum einen italienischen Roman, der sich mit diesem Sujet beschäftigt.

Der unbekannte Vater

Francesca Melandri schickt in "Alle, außer mir" ihre Hauptfigur auf die Suche nach der tabuisierten Vergangenheit ihres Vaters. Die 45-jährige Lehrerin Ilaria Profeti, engagiert, linksliberal, überzeugte Anti-Berlusconianerin und immer auf der richtigen Seite, findet im Sommer 2010 einen jungen Schwarzafrikaner vor ihrer Haustür, der behauptet, der Enkel ihres Vaters Attilio zu sein – ihr Neffe also. Attilio Profeti, hochbetagt und von Demenz gezeichnet, hatte immer so getan, als sei er im Widerstand gewesen.

Ilaria beginnt zu recherchieren und stellt fest, dass sie ihren Vater nicht kennt: Als Teilnehmer des äthiopischen Krieges und Wissenschaftler der Rassenkunde hatte er aus seinen Verstrickungen später Kapital für eine glänzende Karriere geschlagen. Um ihrem umfangreichen Roman einen Rhythmus zu geben, wechselt Melandri die Erzählperspektiven, führt mehrere Zeitebenen ein und entfaltet die Geschehnisse mal aus der Perspektive Ilarias, dann aus der des jungen Attilio, schließlich aus dem Blickwinkel von dessen Vater Ernani, einem Eisenbahner und etlichen anderen. Auch Attilios äthiopische Frau Abeba kommt zum Zuge.

Blutspur bis in die Zeit des Kolonialkrieges

Im Grunde unternimmt die Schriftstellerin also den Versuch, der Blutspur des Kolonialkrieges nachzugehen und zugleich auf die Kontinuitäten zwischen der 20-jährigen Diktatur Mussolinis und der Republik aufmerksam zu machen. Ihr gelingt das Psychogramm eines Opportunisten, denn Attilio mit seiner gewinnenden Art gehört zu denjenigen, die sich mit jeder Situation arrangieren.

Was den Aufbau des Romans, den Umgang mit den verschiedenen Erzählsträngen und auch die Sprache betrifft, kann man einige Einwände formulieren. Manche ihrer Figuren geraten eine Spur zu flach, etliche Wendungen werden mehr beschrieben als erzählerisch entfaltet, ab und zu kippt eine Szene ins Kitschige. Dennoch handelt es sich um ein äußerst wichtiges Buch. Es füllt eine Gedächtnislücke und leuchtet blinde Flecken aus.

Francesca Melandri: "Alle, außer mir"
Aus dem Italienischen von Esther Hansen
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2018
604 Seiten, 26 Euro

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