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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.09.2019

Fran Ross: "Oreo" Eine jüdisch-schwarze Superwoman

Von Gabriele von Arnim

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Das Cover des Buches zeigt in großen Buchstaben den Namen der Hauptprotagonistin OREO.  (dtv Verlag / Deutschlandradio)
Ein Buch nach Vorlage eines antiken Epos. Nur dass der antike Held heute jüdisch, schwarz und weiblich ist. (dtv Verlag / Deutschlandradio)

Ordinär und gebildet, schnoddrig und geschliffen, Schutthalde und Ziergarten zugleich – all das ist dieser Roman. Die Hauptrolle spielt die jüdisch-schwarze Christine Clark, die sich mit 16 Jahren auf die Suche nach ihrem Vater macht.

Um es gleich zu sagen: "Oreo" ist ein so unkonventionell überbordender Roman, dass man ein wenig Geduld braucht, um hineinzukommen. Doch dann, auf einmal, wird man erfasst von einem Sog, der einen nicht wieder frei gibt. Das Buch ist ordinär und gebildet, schnoddrig und geschliffen, Schutthalde und Ziergarten zugleich.

Erzählt wird die Geschichte von Christine Clark, Tochter einer schwarzen Mutter und eines weißen jüdischen Vaters. Sie selber ist schwarz, aber natürlich irgendwie auch weiß, und wird deshalb nach dem beliebten Schokokeks mit heller Creme-Füllung Oreo genannt.

Mutter und Vater sind alsbald geschieden. Aber der Vater hinterlässt der Tochter eine Liste mit Hinweisen, anhand derer sie ihn, wenn sie groß ist, finden soll.

Theseus, verlegt ins Amerika der 60er-Jahre

Wer sich auskennt in griechischen Sagen, wird schon hier auf die Spur gesetzt und ahnt, dass die Geschichte von Theseus ins jüdisch-schwarze Milieu der 60er- und 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts transportiert wird. Wer es nicht gleich begreift, dem wird auf der letzten Seite Nachhilfeunterricht erteilt. Jede Person bekommt – wie auf einem Theaterzettel – den Namen des griechischen Vorbilds zugeordnet.

Christine, namens Oreo, also eigentlich Theseus, wächst bei ihren schwarzen Großeltern auf – die Oma kann zwar kaum ordentlich sprechen, kocht aber französische Haute Cuisine vom Feinsten. Mit 16 wird Oreo losgeschickt, ihren Vater in New York aufzuspüren.

Superwoman mit Superhirn

Sie trifft schräge Menschen in den unterschiedlichsten Milieus, besteht die absurdesten Abenteuer, besiegt Angreifer auf ihre Jungfernschaft so listig wie bravourös und muss überhaupt immer wieder Männern und kleinen Jungen Mores lehren. Sie ist eine frühe Feministin mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Oreo gelingt alles, denn sie ist Superwoman mit Superhirn, in dem Geschichte, Sprachen, Literatur oder Partituren gespeichert sind.

Frances Dolores Ross, selber schwarz und mit einem weißen jüdischen Vater aufgewachsen, selber schlau – sie war mit 15 mit der Schule fertig – , wurde 1935 in Philadelphia geboren und ist 1985 in New York an Krebs gestorben. Sie war Journalistin, Schriftstellerin und Lektorin. Als ihr Roman Oreo 1974 erschien, fand er keine Leser und verschwand im Orkus. Erst vor wenigen Jahren wurde er wiederentdeckt und ist seither Kult.

Übersetzung eine gewaltige Herausforderung

Pieke Biermann hat dieses Werk mit Courage und großer Finesse ins Deutsche übertragen. Ein fast unmögliches Unterfangen. Denn dieser im Slang plappernde und fein gewortete Sprachfluss ist nicht nur gespickt mit historischen und literarischen Anspielungen, er spielt mit Sprachen und Kulturen, greift Themen wie Emanzipation, Prostitution, Kapitalismus oder Technologie, auf. Er ist einfach ein freches Wunder an Vielfalt, Liebenswürdigkeit und Zumutung. Als reichten sich griechische Sagenfiguren und Pippi Langstrumpf die Hand. Obszönitäten und Bibelzitate sind so ungebührliche wie wunderbare Bettgenossen. Auch die schwierigsten Themen werden gänzlich ohne Lamento, sondern mit Lust und respektlosem Witz erzählt.

Man liest und grinst und lernt.

Fran Ross: "Oreo"
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Pieke Biermann
DTV, München 2019 
290 Seiten, 22 Euro

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