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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.02.2008

Fragmente auf der Bühne

Laurent Chétouane inszeniert Bertolt Brechts "Fatzer" im Schauspiel Köln

Von Bernhard Doppler

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Bertolt Brecht (AP)
Bertolt Brecht (AP)

Bertolt Brechts "Fatzer" besteht aus Bruchstücken: Mit traditionellen Theatermitteln lässt sich daraus die Geschichte von vier Deserteuren, die auf die Revolution hoffen, rekonstruieren. Solchen Versuchen arbeitet die Inszenierung von Laurent Chétouane konsequent entgegen. Sie konfrontiert die Fatzer-Fragmente mit Texten aus Friedrich Hölderlins "Empedokles".

Heiner Müller hat Brechts "Fatzerfragmente" einen "Jahrhunderttext" genannt, "das Beste, was in diesem Jahrhundert geschrieben wurde für die Bühne und das Beste von Brecht".

"Ein harter Bissen", meinte auch Brecht selbst über sein vielleicht fremdestes und am meisten befremdendes Werk. Ist es Fragment, weil es unfertig, bühnenuntauglich bis 1976 in der Schublade blieb? Oder ist es ganz bewusst Fragment, vergleichbar Büchners "Woyzeck", Kleists "Robert Guiskard", Goethes "Urfaust"? Und damit die am weitesten führende, traditionelles Theater aufbrechende Form, mit der Brecht Entindividualisierung erfahrbar und theatralisch sichtbar zu machen suchte?

Versuchen, Brechts Textkonvolut für einen plausiblen Theaterabend zu rekonstruieren und die Geschichte von vier Deserteuren, die auf einen Umsturz der Verhältnisse durch Revolution hoffen - und von denen sich der Egoist Fatzer ausgrenzt -, mit traditionellen Theatermitteln vorzuführen, arbeitet die Inszenierung von Laurent Chétouane konsequent entgegen.

Dass die Fatzer-Bruchstücke mit Texten anderer Schriftsteller konfrontiert und weiter aufgesprengt werden, hat allerdings Tradition: Mit Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" (durch Manfred Karge und Mathias Langhoff), mit der "Dreigroschenoper" (vor 16 Jahren ebenfalls in Köln) mit Heiner Müller-Texten wurde "Fatzer" vermengt. Und auch bei Uraufführung 1976 in der Westberliner Schaubühne war programmatisch die Inszenierung von "Empedokles. Hölderlin lesen" vorausgegangen.

Auch Chétouane hat in der Mitte des Abends Texte aus Hölderlins "tragischer Ode" einmontiert; auch bei Hölderlin gibt es das Einverständnis des Philosophen Empedokles - in Abgrenzung von seinem Jünger Pausanias - als Individuum mit der göttlichen Natur zu verschmelzen. Gleichermaßen bei Brecht und Hölderlin: vor allem aber der hohe poetische Ton der Ode, oft mit großen Pausen vorgetragen - ein Skandieren des Denkens.

Die Verweigerung, die Geschichte realistisch zur repräsentieren, sieht man schon am Personal. Lediglich zwei Schauspieler und eine Tänzerin spielen - nein besser: tanzen - und psalmodieren Fatzer und seine vier Gefährten, Fatzers Frau, Chor und Gegenspieler.

Nichts an theatralischen Vorgängen passiert synchron. Wenn die vier Deserteure zu Beginn gemeinsam aus einem Panzertrank des Ersten Weltkriegs klettern, duellieren sich auf Stühlen mit Worten zwei Tragöden, mit umflortem, versonnen lächelndem in die Ferne gerichtetem Blick, manchmal die Schultern hochziehend, manchmal den Hals abrupt drehend.

Eindrucksvoll: Fabian Hinrichs und Jan Peter Kampwirth und die Tänzerin Sigal Zouk. In der apokalyptischen Landschaft, in der die Deserteure Fuß fassen, ein blätterloser dürrer Baum, der später zaghaft mit Blumen von einem Blumenstrauß geschmückt wird. Ein Baum, wie er auch in der antiken Orchestra stand? Oder soll der Krüppelbaum "Warten auf Godot" vorweg nehmen, so wie auch die Mülltonne, in die - wie in den Ätna - Fatzer steigt, an Becketts "Endspiel" erinnert.

Doch so wichtig das oft statuarische Psalmodieren und die Wortdeutlichkeit ist, die Aufführung könnte auch in einer unverständlichen Fremdsprache gespielt werden. Der Sinn bleibt geheimnisvoll unklar. "Ein Zimmer völlig zerstört, vier tote Männer und ein Name. Und eine Tür, darauf stand Unverständliches" - heißt es schon zu Beginn des Abends.

Auch ein politischer Bezug - wie ihn Karge und Langhoff bei "Fatzer" zur RAF herstellten oder wie Heiner Müller ihn im "Berliner Ensemble" zu einer von ihm konstatierten gesellschaftlichen Erstarrung Anfang der 90er Jahre herstellte - enträtselt sich nicht.

Alles also nur Bluff? Nicht wenige Zuschauer verließen - überanstrengt? verärgert? - die Bühne. Wer Chétouanes Arbeiten zu Elfriede Jelinek, Jon Fosse oder Goethe kennt, hätte nicht überrascht sein können, zumal Chétouanes Verfahren bei Brechts Fragment am meisten einleuchtet. Heiner Müller wäre mit dem Abend wohl zufrieden gewesen.

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