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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.07.2017

Fotos von Sascha Weidner im Sprengel MuseumBilder von Schönheit und Haltlosigkeit

Von Anette Schneider

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Eine Museumsmitarbeiterin blickt am 27.07.2017 im Sprengel Museum in Hannover auf die Fotos "Leave me" (2010), "Schafe II" (2009) und das großformatige Exponat "Caché" (2010) (l-r). Die Werke gehören zu den 120 Fotografien des deutschen Fotografen Sascha Weidner im Rahmen der Ausstellung "It's all connected somehow". (picture alliance / dpa / Holger Hollemann)
Fotos von Sascha Weidner: "Leave me" (2010), "Schafe II" (2009) und das großformatige Exponat "Caché" (2010) (l-r) in der Ausstellung "It's all connected somehow" im Sprengel Museum Hannover. (picture alliance / dpa / Holger Hollemann)

Fotos des schon mit 40 Jahren verstorbenen Fotografen Sascha Weidner zeigt die Ausstellung "It's all connected somehow" im Sprengel Museum Hannover. Man gerät in eine Bilderwelt, die die Schönheit des Lebens und dessen Vergänglichkeit zeigt.

An den Wänden: Uneinheitliche Formate. Serien und Einzelbilder. Grelle Farben und schwarz-weiß-Motive, die von unsichtbaren Lichtquellen aus pechschwarzem Hintergrund geschält werden: Die betörend schöne Krone eines blühenden japanischen Kirschbaums etwa. Oder einige beleuchtete Fenster eines Hochhauses, die im nächtlichen Schwarz schweben wie ein surreales Flugobjekt.

Dann: Ein brennendes Auto. Die verfärbte Haut eines Toten in Großaufnahme. Der Fotograf, der neben einem Reh auf dem Boden liegt.

Sascha Weidner: "Alles, was ich mache, ist letztendlich eine Suche. Die Suche nach einem magischen Moment, der nicht wirklich hier verortet ist. Die Bilder sind nie verortet. Es ist immer ein Suchen, ein Spiel."

Wo auf der Welt der vielreisende Künstler auch fotografierte, entwickelte er irritierende, verstörende und ästhetisch faszinierende Bilder über die Untiefen des menschlichen Daseins.

Kuratorin Inka Schube: "Es gibt eben diese zwei Seiten: Es gibt diese Momente unglaublicher Schönheit, die auch immer mit einer Vergänglichkeitsmetapher belegt sind. Und es gibt die Katastrophen, die dazwischen stehen wie Beweise dessen, warum man diese Momente der Ruhe so sucht. Also es gibt diese Welt und die Gegenwelt. Aber auch die Welt in ihrer Unkontrollierbarkeit von Existenz. Und in diesen Momenten findet Sascha Weidner eben auch eine unglaubliche Schönheit."

Neue Form der subjektiven Fotografie

1974 geboren, studierte Sascha Weidner zwischen 1996 und 2004 an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig Fotografie, arbeitete im Rahmen von Stipendien in Los Angeles, Kyoto und Peking und wurde 2004 Meisterschüler von Dörte Eißfeldt. Die Vertreterin einer extrem subjektiven Fotografie wurde für ihn ebenso wichtig, wie Nan Goldin und Wolfgang Tillmanns, die eben diese Haltung in den 80er-Jahren durchgesetzt hatten. Doch Weidner, der früh seine Eltern verloren hatte, der Freunde an Aids sterben sah, der schnell große Ausstellungen bekam, entwickelte aus seinem Blick auf die Welt eine neue Form subjektiver Fotografie!

Inka Schube, die Sascha Weidner bereits im Jahr 2000 kennen lernte:

"Einerseits war er ein unglaublich lustiger Mensch, jemand der auf Menschen mit großer Begeisterung zuging. Andererseits sieht man in dieser Bildwelt aber auch eine große Einsamkeit und ein Alleinsein und ein Kämpfen mit den bösen Geistern, möchte man fast sagen. Diese Ambivalenz zwischen dem Schmerz, der intensiv erlebten Todesnähe, der Suche nach Schönheit hat ihn, glaube ich, umgetrieben und ihn so unglaublich produktiv gemacht."

Dabei geht es oft um alles: Zu den privaten Katastrophen kommen die gesellschaftlichen. In einer Welt, in der der Neoliberalismus alle humanen, solidarischen Lebensstrukturen niederwalzt, gerät diese aus den Fugen.

Das Gesetz der Schwerkraft auf den Kopf gestellt

Diese Haltlosigkeit spiegelte Weidner in Bewegungen und Drehungen, die das Gesetz der Schwerkraft auf den Kopf stellen: Eine Asphaltstraße etwa, auf der zwei junge Männer mit ausgestreckten Armen liegen, verwandelt sich - auf den Kopf gestellt - in einen grauen Himmel, aus dem die beiden wie Erzengel fallen.

Oder ein junger Mann hockt nackt im schwarzen Nirgendwo - umwirbelt von Irgendetwas - vielleicht von Blättern, Faltern oder Papierfetzen.

"Die Welt, wie sie einem um die Ohren fliegt, ja? Es sieht aus wie jemand, der sich erwehrt, der vielleicht etwas genießt, diesen Schwarm von braunem Irgendwas, was um ihn herumschwebt."  

Schenkung aus dem Nachlass

Seit Januar wird die umfangreiche Schenkung aus dem Nachlass des Künstlers am Sprengel Museum gesichtet. Noch sind längst nicht alle Kisten geöffnet, und doch entschied sich Inka Schube dafür, schon jetzt eine erste Auswahl an Bildern zu zeigen. Eine glückliche Entscheidung, denn schon diese erste, konzentrierte Ausstellung macht neugierig auf mehr.

Da Weidners subjektiver Blick nie absichtsvoll verrätselt wirkt, sondern stets getrieben scheint, für existenzielle menschliche Erfahrungen und Gefühle neue, der Zeit angemessene Bilder zu entwickeln, kann sie jeder mit seinen eigenen Erfahrungen füllen. Diese seltene Zugewandtheit zum Betrachter, die Freude am Teilen und Mitteilen, zeigte sich auch 2009 in einer Ausstellung, in der Besucher die ausgestellten Fotografien mitnehmen durften. Und sie spiegelte sich in einem - angesichts des rigiden Kunstmarktes - geradezu provozierend-entspannten Verhältnis zum hochgehandelten ersten Abzug: Denn Sascha Weidner setzte hinter alle seine Bildtitel stets eine römische Zwei.

"Die Zwei hinter den Abzügen meint eigentlich, dass das erste Bild, so hat es Sascha mal erklärt, das erste Bild in seinem Kopf bereits existiert und das jetzt hier eben der zweite Abzug ist."

Ausstellung "It's all connected somehow" mit Fotos von Sascha Weidner vom 29.07. – 19.11.2017 im Sprengel Museum in Hannover

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