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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.02.2019

Fotografin Nora Klein über DepressionSehnsucht nach Leben, Sehnsucht nach Tod

Nora Klein im Gespräch mit Ute Welty

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Nora Klein und Sabine Fröhlich, die zusammen an einem Foto-Projekt über Depression gearbeitet haben (privat)
Nora Klein und Sabine Fröhlich, die zusammen an einem Foto-Projekt über Depression gearbeitet haben (privat)

Die Sehnsucht nach Lebendigkeit und der Wunsch zu sterben liegen bei einem depressiven Menschen ganz nah beieinander, sagt die Fotografin Nora Klein. Sie hat zusammen mit Betroffenen Fotos gemacht, die von der Krankheit erzählen.

Ute Welty: Abgestorbene Bäume unten, blühende Zweige oben – dieses Bild hat Nora Klein fotografiert, und es ist zu sehen auf ihrem Band "Mal gut, mehr schlecht: Sensible Einsichten in die Innenwelten der Depression". Zusammen mit anderen Künstlerinnen stellt Nora Klein derzeit in Berlin aus. Es geht darum, sich auch als Außenstehender ein Bild zu machen vom Leben mit einer Depression oder einer anderen psychischen Erkrankung. Guten Morgen, Frau Klein!

Nora Klein: Guten Morgen!

Welty: Dieses Bild, was ich eben beschrieben habe von den abgestorbenen Bäumen und den blühenden Zweigen, was erzählt das über das Wesen einer Depression?

Klein: Für mich fasst es eigentlich die Depression ziemlich gut zusammen, weil diese Menschen sehnen sich nach Lebendigkeit, also nach diesem blühenden Leben, aber trotzdem ist dieser Wunsch nach dem Tod oder diesem Sterben auch so groß. Beides existiert zur gleichen Zeit.

"Einblick gewährt in das Schlafzimmer"

Welty: Welche Motive haben Sie darüber hinaus wie ausgewählt?

Klein: Ich hatte verschiedene Weisen, mich dem Thema zu nähern. Mir war es wichtig, die Menschen zu zeigen. Also ich zeige die Menschen im Porträt. Sie hatten dabei die Wahl, entweder anonym dargestellt zu werden oder auch wirklich sichtbar gezeigt zu werden. Des Weiteren hatte ich die Möglichkeit, in ihre Rückzugsorte eintreten zu dürfen. Das heißt, einige Betroffene, mit denen ich gearbeitet habe, sie haben mir Einblick gewährt in das Schlafzimmer zum Beispiel, wo sie vom Bett nicht mehr aufstehen konnten oder die Tapete stundenlang angestarrt haben oder die Couch, auf der sie versackt sind und die Jalousien, die runtergezogen sind. Also bestimmte Bilder zeigen diese ganz konkreten Rückzugsorte, die diese Geschichten teilen mit den Betroffenen.

Dann gibt es aber noch eine weitere Ebene, und zwar habe ich nach Stimmungen gesucht, die die Depression zeigen. Also zum Beispiel Leere oder Schwere. Ich habe mir bestimmte Symptome rausgesucht und habe geschaut: wo sehe ich diese Leere zum Beispiel in meinem Alltag? Und diese assoziativen Bilder ergänzen diese konkreten Orte und Personen zu was Neuem. Es gibt noch eine andere Herangehensweise, und zwar …

Welty: Damit sind wir dann bei vier.

Klein: Genau! Dann habe ich den Betroffenen die Möglichkeit gegeben, ihre ganz eigene subjektive Perspektive noch mit zu involvieren. Und zwar habe ich sie gebeten, Dinge mit mir zu teilen, wenn sie mochten, die aus ihrer persönlichen Sicht die Depression zeigen. Sie haben mit mir Tagebucheinträge, Collagen, Fotografien oder gemalte Dinge, die während Therapien entstanden sind, geteilt. Diese findet man dann auch im Buch in so kleinen Ausziehpostern, die man sich auf ganz physische Art und Weise selber erarbeiten muss im Bildband.

Welty: Wenn wir mal bei Herangehensweise zwei und vier einhaken. Das sind ja schon sehr private Momente, die Sie da miteinander teilen, wobei ich auch eine praktische Frage habe. Wenn jemand nicht in der Lage ist, aufzustehen, wie sind Sie dann in die Wohnung und ins Schlafzimmer gekommen?

Klein: Mit allen Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, die waren schon stabilisiert auf eine gewisse Art und Weise. Also es war, glaube ich, zu ganz akuten Situationen überhaupt nicht möglich, mit solchen Menschen zu arbeiten, sondern ihnen ging es schon auf eine gewisse Art und Weise besser, und sie hatten überhaupt die Kraft, an so einem Projekt teilzunehmen.

Welty: Und wenn ich dann noch mal bei eins und drei einhake, bei den Motiven und den Stimmungen: Wie weicht man der Versuchung aus, dass diese Bilder, die man findet, die Symbole, die man findet für die Depression, zu sehr eins zu eins sind, zu sehr vereinfachen und vielleicht auch zu platt?

Klein: Ich habe einfach erst mal ganz viel fotografisch gesammelt. Also vielleicht auch noch interessant zu wissen: Also mit allen Menschen, die sich entschieden hatten, mit mir zu arbeiten, habe ich erst mal ganz, ganz lange Gespräche geführt, über viele Stunden, wo sie mir aus ihrer Sicht die Depression gezeigt haben, mich haben Einblick gewähren lassen in ihre Gefühls- und Gedankenwelt. Aufgrund dieser Gespräche ist dann für mich auch ein Bild entstanden, wie man das in fotografische Bilder transportieren kann.

"Ich habe einfach wertfrei zugehört"

Welty: Haben Sie bei diesen Gesprächen auch sowas wie Hoffnung gespürt? Wenn ich jetzt darüber erzähle, geht es mir besser? Waren Sie ein Stück Therapie?

Klein: Ich glaube, für die Menschen war es gut, dass sie erzählen konnten, ohne dass ein bestimmter Zweck verfolgt wurde. Ich war nicht der Arzt, der ein bestimmtes Therapieziel vor Augen hat. Ich war nicht ein Angehöriger, der will, dass es ihm besser geht, sondern ich habe einfach wertfrei zugehört. Das haben mir viele zurückgemeldet, dass ihnen das sehr, sehr guttut.

Welty: Umgekehrt wird Ihr Buch inzwischen ja auch von Therapeuten und Therapeutinnen eingesetzt. Was genau passiert dann damit?

Klein: Also es gibt die Möglichkeit, dass Therapeuten das Buch als Kommunikationsmittel nutzen können. Das heißt, ganz oft fällt es ja Betroffenen schwer, auch in Worte zu fassen, was sie selber denken und fühlen, und dann kann dieses Buch eine Grundlage dafür sein, wenn der Klient mit dem Therapeuten durch das Buch schaut, zu beschreiben, wie es ihm selbst geht, aufgrund dieses Betrachten des Bildes besser in Worte fassen kann, was und wie es ihm geht.

Welty: Wann und warum haben Sie begonnen, sich mit dem Thema Depression künstlerisch auseinanderzusetzen?

Klein: Das ist jetzt wirklich schon einige Jahre her. Also 2013 habe ich damit begonnen, mich dem Thema zuzuwenden. Mein Vater, der ist Psychologe, ich glaube, daher habe ich so eine Grundmotivation, mich mit psychischen Themen auseinanderzusetzen. Ich finde es unglaublich spannend, was in uns abläuft, wie wir von unserer Psyche geprägt werden, ohne dass wir es wirklich so wahrnehmen können oder uns erklären können.

Ich hatte aber natürlich auch Menschen in meinem Bekanntenkreis, die daran erkrankt sind, und konnte mir ganz schwer vorstellen, wie es ist, sich in solch einer Welt zu befinden und was man denkt und was man fühlt. Also es war für mich so eine Motivation, dem nachzugehen und es für mich transparenter zu machen und dann natürlich, wenn möglich, auch für andere.

Welty: Fotografin Nora Klein stellt ihre Bilder über Depression zurzeit in Berlin aus. Darüber haben wir hier in "Studio 9" gesprochen. Dafür danke ich!

Klein: Danke Ihnen!

Welty: Und zu sehen ist die Ausstellung über das Leben mit psychischen Erkrankungen unter dem Titel "Crazy" im F3 – Freiraum für Fotografie noch bis zum 21. April.

 

CRAZY – Living with Mental Illness 
Mit Arbeiten von Laia Abril, Sibylle Fendt, Nora Klein, Louis Quail and Melissa Spitz, 15. Februar 2019 – 21. April 2019

f3 – freiraum für fotografie 
Waldemarstraße 17
10179 Berlin 
Mittwoch bis Sonntag, 13-19 Uhr 

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