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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.06.2014

FotografieLebenszeichen vom Rand

Das Werk von Sibylle Bergemann in der Stuttgarter ifa-Galerie

Von Johannes Halder

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Die Berliner Fotografin Sibylle Bergemann auf einem undatierten Selbstporträt. Die 1941 geborene Künstlerin erlag 2010 einem Krebsleiden. (picture alliance / dpa/ Fotoagentur Ostkreuz )
Die Berliner Fotografin Sibylle Bergemann auf einem undatierten Selbstporträt. (picture alliance / dpa/ Fotoagentur Ostkreuz )

Sibylle Bergemann zählt zu den profiliertesten deutschen Fotografinnen. Bekannt wurde sie mit ihren hintergründigen Bildern aus der Vorwendezeit der DDR, ihre Modefotos waren stilprägend.

Ausgerechnet eines ihrer bekanntesten Fotos wird oft völlig falsch verstanden. Elf Jahre lang, bis 1986, dokumentierte Sibylle Bergemann in offiziellem Auftrag die Entstehung des Denkmals von Karl Marx und Friedrich Engels in Ostberlin. Eines der Bilder, nach der Wende dann im Westen vielfach publiziert, zeigt die beiden Väter des Kommunismus im Gussmodell noch ohne Kopf und Oberkörper, und auf den ersten Blick sieht es so aus, als würde das Denkmal demontiert, als hätten die zwei Geistesgrößen den Kopf verloren - ein Sinnbild für den Zusammenbruch des Systems.

So kann man sich täuschen. Das Denkmal steht noch immer in Berlin, die Köpfe sind noch dran, doch dass Bilder nicht die ganze Wahrheit erzählen, das musste Sibylle Bergemann immer wieder erleben, und manchmal half dabei auch die Partei. 1981 fotografierte sie für eine Modestrecke zwei sozialistische Schönheiten am Strandkorb. Es war kalt, die Frauen schauten mit trotzigem Schulterblick in die Kamera. Doch als das Bild dann in der Zeitschrift "Sibylle" erschien, waren ihre Mundwinkel optimistisch nach oben retuschiert.

"Wir hatten natürlich immer irgendwelchen Ärger. Und dann gab es immer den Satz: So sehen unsere Menschen nicht aus. Also es sollte schon fröhlicher sein."

Bergemann machte ungern Kompromisse. Ihre Modelle posierten vor Zirkuszelten, in tristen Hinterhöfen, vor marodem Mauerwerk, oft noch mit Einschusslöchern, und alles in Schwarzweiß.

"Wir haben bei den Modefotos versucht, so zu fotografieren, wie unsere Umgebung ist. Und meine Umgebung, es waren diese alten Gebiete. Also in Mitte, wo jetzt alles schick ist, das waren alte Höfe, die waren marode, aber sehr charmant. Und ich habe gerne da fotografiert."

Selbst alltäglichen Motiven entlockte Bergemann die Moral des Moments

Westliche Fotografen entdeckten den Schmuddelschick erst später als Stilmittel, als Kontrast zur gestylten Perfektion. Und schlecht gelaunte Models sind heute Standard. Für Bergemann aber zählte Persönlichkeit, nicht Pose.

"Viele von den Modefotos, empfinde ich, sind eigentlich mehr Porträts, als dass man die Sachen zeigt. Wir hatten ja nicht so sehr den Druck, dass die Sachen verkauft werden mussten. Im Geschäft gab's ja die Sachen nicht."

Bergemanns Frauenporträts, das sind Geschichten ohne Worte, Gesichter wie Romane. Die Schauspielerin Katharina Thalbach zum Beispiel - eine Frau, nur Mund und Augen. Bergemann vermochte es, tief unter die Oberfläche einer scheinbar egalitären Gesellschaft einzudringen, und selbst alltäglichen Motiven entlockte sie so etwas wie die Moral des Moments.

Ihre Fotos von Berlin zeigen die Stadt als einen surrealen Ort von tröstlicher Tristesse, an dem die Geschichte nicht vergehen will und die Zukunft es nicht eilig hat. Und so fotografierte sie zum Beispiel die Gäste in "Clärchens" Ballhaus, dem legendären miefigen Tanzlokal, wo man sich bei Bier und Bockwurst erotisch auf die Pelle rückte.

"Das waren alles Randthemen. Wir haben nicht diese offiziellen Geschichten gemacht, wie es so in den Wochenzeitschriften üblich war. Also es waren eigentlich so lauter Geschichten am Rande."

Das Makellose blieb Bergemann fremd

Und als die Geschichte plötzlich in die Mitte rückte, im Herbst 1989, gerann das, was gerade noch Gegenwart und wirklich war, plötzlich zur Erinnerung. Den Fall der Mauer hat sie nicht fotografiert, das war zu überwältigend für ihre leise Bildersprache.

Nun also ihre Schau in Stuttgart. In Moskau, Ostasien, Australien, Neuseeland und anderswo wurde sie bereits gezeigt, und Bergemanns Fotos vermitteln ein spezielles, recht melancholisches Deutschlandbild. Aber, sagt Projektbetreuer Alexander Lisewski:

"Das sind tolle Bilder, und ich denke, dass in vielen Ländern der Welt schon klar ist, dass Deutschland nicht so aussieht wie Ostberlin in den Siebzigern oder so. Das ist, glaube ich, kein Problem."

Nach der Wende gehörte Bergemann zu den Gründern der Fotoagentur "Ostkreuz" und musste zunächst erleben, dass sie im Westen behandelt wurde wie eine Anfängerin. Hochglanzästhetik, die glatte Perfektion in Mode und Werbung, das Makellose, all das blieb ihr fremd.

"Ich möchte nicht, dass alles hundertprozentig stimmt."

Die Konkurrenz und den Kommerz, das war sie nicht gewohnt. Sie ging auf Reisen, zu Reportagen nach Japan, Afrika, Amerika, auch in den Jemen, und brachte - nun in Farbe - wunderbare Bilder mit, denen alles Grelle ausgetrieben ist.

Als Nebenprodukte der Auftragsarbeiten entstanden auch jede Menge Polaroids, ein Rausch der kleinen, schnellen Bilder. Außenseiter, Maskeraden, die träge Poesie der Dinge. Lauter Lebenszeichen einer Welt, die aus der Zeit gefallen scheint. Mit einer Patina wie gemalt, mit der typischen Unschärfe und den fließenden Farben. Sofortbilder, ja. Aber jedes Bild ein Augenblick von Ewigkeit.

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